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Freitag, 1. Oktober 2021

Neues Video: Wie weit ist es von der WATERKANT BERLIN bis zur Ostsee?

 

Spandau mit dem Rad erkunden: Berlin-Historiker Michael Bienert setzt sich den Schutzhelm auf, schwingt sich aufs Rad und erkundet die explosive Vergangenheit des ältesten Bezirks der Hauptstadt.

Sonntag, 23. September 2018

ABC des Reisens - Ausstellung in der Kunstbibliothek

Von Elke Linda Buchholz. Reisen kostet. Als Reichstagsarchitekt Paul Wallot 1875 auf Tour ging, notierte er akribisch seine Tagesausgaben in einem Skizzenbuch. Zu Buche schlugen Eisenbahn, Diorama, „Caffé“. Das zerfledderte Büchlein blättert die Kunstbibliothek jetzt auf, nebst einem Sparkassen-Plakat von 1954, das auch Pfennigfuchsern eine Urlaubsreise ans Herz legt: „Sparen ermöglicht die Urlaubsreise.“ Quer durch die Zeiten navigiert die Ausstellung, mit der das Haus seinen 150. Geburtstag feiert. Dröge Chronologien und penible Ordnungsraster bleiben im Staub der Geschichte zurück. Als locker gestricktes „ABC des Reisens“ schlängelt sich der Parcours entlang lexikalischer Stichworte von „A“ wie Album bis „Z“ wie Ziel. Das gibt allen fünf Abteilungen der einst als Vorlagensammlung fürs Kunstgewerbe gegründeten Institution die Chance, mit spannenden und skurrilen Preziosen zu glänzen.

Donnerstag, 22. Dezember 2016

Pumpernickel und andere Merkwürdigkeiten aus der Provinz. Ein Buch über westfälische Erinnerungsorte

Typisch Westfalen:
Windmühle in Holzhausen
Foto: Bienert
Von Elke Linda Buchholz - 350 km liegt die Porta Westfalica von Berlin entfernt. Aber in Gedanken ist man auch als Hauptstadtbewohner in Nullkommanix da. Erinnerungen tragen weit und fern: Auch sie sind Markierungen, Einschreibungen, Orte, an die man zurückkehren kann. Sofern sie nicht im Nebel der Vergangenheit verblassen und verschwinden. Um sie anzupeilen, hilft Information.

Punktuelle Tiefenbohrungen ins unwägbare Reich des Westfälischen unternehmen die über 40 Autoren des jetzt erschienenen Bandes "Westfälische Erinnerungsorte", herausgegeben von Lena Krull. HistorikerInnen und StudentenInnen haben sich mehr als drei dutzend Aspekte herausgepickt aus dem weitläufigen Terrain. Zwei Seminare der Uni Münster schoben das Projekt an. Tatsächlich ansteuerbare "Orte", wie der Teutoburger Wald oder der Möhnesee sind auch dabei. Vor allem aber geht es, im Sinne der "lieux de mémoire" des französischen Historikers Pierre Nora, um Abstrakta, um historische Ereignisse und prägende Phänomene, die Westfalen im Denken der Gegenwart markieren. Und das kann auch der westfälische Pumpernickel sein. Wo kommt eigentlich dieser komische Name her? Aus dem Französischen womöglich? Und was ist so westfälisch an dem grobschlächtigen Brot, das mindestens 16 Stunden nur aus Roggenkörnern, Wasser und Salz gegart wird? Schon im 16. Jahrhundert lag das westfälische Backwerk einem durchreisenden italienischen Humanisten schwer im Magen, wie man erfährt.

Die Porta Westfalica selbst rückt durch handfeste denkmalpflegerische Aktivitäten derzeit ohnehin buchstäblich wieder stärker in den Blick. Dort, wo der Weserlauf schon im Jurazeitalter sich seinen Weg durch den Riegel von Wiehen- und Wesergebirge bahnte – was im Volksglauben nur mit Teufels und Gottes Eingreifen geschehen sein konnte –, platzierte die Kaiserzeit ein kapitales Kaiser-Wilhelm-Denkmal. 1896 weihten 20.000 mit Sonderzügen angereiste Gäste und Kaiser Wilhelm II. es bei Sturm und Regen ein. Der riesige Trumms wilhelminischer Denkmalskunst harrte in den Nachkriegsjahrzehnten als Sonntagsausflugsziel hoch oben auf dem Berg aus, wenig geliebt, aber eben vorhanden und rundum zunehmend zugewuchert von Baum- und Buschwerk. Neuerdings wird das architektonische Renommierstück durch den Eigentümer, den Landschaftsverband Westfalen-Lippe, aufwendig saniert, freigeschnitten, durch Ausgrabungen arrondiert und wieder samt Vorplatz und Substruktionen in seinen imposanten Maßen erlebbar gemacht. Ein riesiges Restaurant im Sockelgeschoss soll Ausflügler verköstigen, die, so hofft man, in Massen strömen werden. Bühne der Erinnerung oder kommerzielles Highlight? Auf dem mattschwarzen Cover glimmt das Wahrzeichen als schimmernd neongrüne Architekturzeichnung, als sei es ein virtuelles Luftschloss.

Lena Krull (Hg.)
Westfälische Erinnerungsorte
Beiträge zum kollektiven Gedächtnis einer Region
Ferdinand Schönigh Verlag, 2016
592 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 34,90 Euro

Mittwoch, 16. November 2016

Chamisso Schatten - jetzt auch auf DVD

Wer nicht die Gelegenheit hatte oder es einfach nicht geschafft hat, zwölf Stunden im Kino zu verbringen, um der Filmemacherin Ulrike Ottinger auf ihrer Reise in die Beringsee zu folgen, kann das jetzt gemütlich eingemummelt auf dem heimischen Sofa tun. Ab sofort ist ihr Film "Chamissos Schatten" auf vier DVDs erhältlich. Kein schlechtes Weihnachtsgeschenk und ein passender Zeitvertreib für die langen Abende zwischen den Jahren! Mit ihrem Filmteam ist Ulrike Ottinger den Weltreisenden James Cook, Georg Wilhelm Steller und Adelbert von Chamisso in die entlegene Gegend zwischen Sibirien und Alaska nachgefahren, um sie als moderne Ethnologin und Naturforscherin mit der Kamera zu vermessen. Monate verbrachte sie im Schneideraum und montierte die Impressionen von heute mit den historischen Aufzeichnungen früherer Reisender (gelesen von Hanns Zischler, Thomas Thieme und Burkhardt Klaußner) zusammen. Über Ottingers Arbeit und ihre Erfahrungen haben wir bereits berichtet. Hier kann man den außergewöhnlichen, alle herkömmliche Seherfahrungen sprengenden Film bestellen.

Donnerstag, 18. August 2016

Heideggers Hütte und Berlin

Michael Bienert vor Heideggers Hütte
Im August 1922 bezog die Familie von Martin Heidegger erstmals ihr Ferienhaus in Todtnauberg im Schwarzwald, eine Butze, die als liebster Schreibort des Denkers in die Philosophiegeschichte einging. In der legendären "Hütte" herrschte indes in den ersten Jahren solcher Lärm, dass der empfindliche Heidegger vor Frau und Kindern floh und sich eine Schreibstube in der Nachbarschaft mietete. Wer heute auf dem mit fünf Infotafeln versehenene Martin-Heidegger-Wanderweg rund um Todtnauberg wandelt, erfährt, dass eher Elfriede Heidegger die treibende Kraft hinter dem Hüttenprojekt war. Sie war es auch, die dafür sorgte, dass das Haus 1931 ans Stromnetz angeschlossen wurde. Heidegger, der an der Freiburger Universität lehrte, hatte zuvor einen Ruf nach Berlin erhalten. Als Ausgleich dafür, dass der Philosoph zu schlechteren finanziellen Bedingungen in Freiburg blieb, übernahm die badische Regierung auf Drängen Elfriede Heideggers die Kosten für einen Stromanschluss.
Neue Sachlichkeit in Todtnauberg
Die Hütte wird bis heute von den Nachkommen des Ehepaars genutzt und ist daher nicht zu besichtigen. Ein Ausflug dorthin lohnt sich aber allemal wegen der schönen Wanderwege in der Umgebung, die auch Heidegger gerne beging. Äußerlich präsentiert sich die Hütte denkmalgerecht restauriert. Die Lage am Hang, das tief herabgezogene Dach und die Fassade aus Holzschindeln sind typisch für die Gegend, die blauen Fensterrahmen und grünen Fensterläden eher für die dezidiert moderne Architektur der 1920er Jahre. Nebenan plätschert der Brunnen, aus dem schon Heideggers schöpften. Eine völlig weltabgewandte Klause war die Hütte jedenfalls nicht, entdeckt hat den landschaftlich reizvollen Ort Elfriede Heidgger beim Skiurlaub in den Bergen. Mit Bahn und dem Bus ist Todtnauberg von Freiburg in einer guten Stunde zu erreichen, viel länger dürfte man auch zu Heidggers Zeiten nicht unterwegs gewesen sein. Mehr Informationen zur Lage der Hütte.

Samstag, 19. März 2016

Bruno Tauts Kiosk auf der Leipziger Buchmesse

Als Stadtbaurat in Magdeburg brachte der Architekt Bruno Taut 1921/22 reichlich Farbe ins Stadtbild. Am Bahnhofsvorplatz und elf weiteren Orten ließ er knallbunte Bücher- und Zeitungsverkaufspavillons aufstellen, die in der NS-Zeit spurlos verschwanden. Nach Originalplänen Tauts entstand 2015 ein Nachbau eines Pavillons, der auch auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse zu sehen ist - als Hingucker und Infokiosk für die pfiffige Tourismuswerbung von Magdeburg.


Freitag, 4. März 2016

Mit Bassani in Ferrara - ein Reisefeuilleton zum 100. Geburtstag des Autors

Der italienische Schriftsteller Giorgio Bassani wäre heute 100 Jahre alt geworden. In mehreren seiner Romane spielt die Stadt Ferrara eine Hauptrolle als literarischer Schauplatz, auch in seinem 1962 erschienenen Hauptwerk "Die Gärten der Finzi-Contini". Elke Linda Buchholz hat sich in Ferrara an die Fersen des Autors und seines Dichterkollegen Ariost geheftet. Ihr Reisefeuilleton ist im Literaturblatt für Baden-Württemberg erschienen und auch hier nachzulesen.

Samstag, 19. Dezember 2015

Leidet Venedig an Demenz? Salvatore Settis´ Streitschrift gegen den Ausverkauf der Städte

Foto: Elke Linda Buchholz
Von Elke Linda Buchholz - Salvatore Settis ist wütend. Der 74jährige Altmeister der italienischen Kunstgeschichte verfolgt die Lage Venedigs seit langem mit wachsender Besorgnis. Jetzt reicht es ihm. Nicht steigende Hochwässer, stinkendes Lagunenwasser, verfallende Gemäuer machen ihm Sorgen. Die eigentliche Bedrohung des kostbaren Stadtkörpers sieht er anderswo: in der rapiden Umwandlung einer bewohnten, lebendigen Stadtkommune in eine museale Kulisse mit Hotelfunktion, die letztlich nicht mehr wert ist als die überall auf der Welt emporschießenden Imitate. Ob "The Venetian" in Las Vegas oder in Macao, vielerorts kann man die Highlights der Lagunenstadt mittlerweile bewundern. Das echte, von normalen Menschen benutzte Venedig dagegen schwindet, ist schon fast nicht mehr existent. Bereits kursieren Pläne, auf einer vorgelagerten Insel ein "Veniceland" als historischen Themenpark für Touristen zu installieren. Der italienische Staat bietet sein historisches Erbe derweil scheibchenweise im Internet feil. Der Immobilienwert der Insel La Certosa etwa wurde 2010 auf gut 28 Millionen beziffert. Aber, so Settis, eine Stadt wie Venedig hat keinen Preis. Sie besteht auch aus Unsichtbarem, ist Erinnerung, Erfahrung, Allgemeinbesitz: Kulturgut eben.
Was würde, fragt Settis, Dantes "Göttliche Komödie" oder Michelangelos "Jüngstes Gericht" dem Staatshaushalt an Dividende einbringen? Mit seiner jetzt auf deutsch erschienenen "Streitschrift gegen den Ausverkauf der Städte" erweitert der Gelehrte einen 2012 gehaltenen Vortrag zu einem fundierten Essay. Das kluge Buch, untermauert mit Zahlen und Fakten, gibt zu denken und betrifft nicht nur den im Zentrum stehende Sonderfall Venedig, sondern unseren Umgang mit historisch gewachsenen Stadtstrukturen und urbanen Räumen allgemein Warum sie so unersetzlich sind und wie die inflationär aufploppenden Nachbauten, die translozierten Museumsdörfer und wieder aufgebauten "Originale" das Erleben der realen Städte verändern, schildert er ebenso wie das geschichtsvergessene Emporwachsen von Hochhäusern, die die historischen Stadtkerne dominieren und degradieren.
Bizarres diagnostiziert der Autor etwa in Mailand. Da dort seit alters her festgeschrieben war, dass kein Bauwerk höher ragen durfte als der madonnenbekrönte Dom (108 Meter), griffen Stadtväter und -planer zu einer List. Eine Kopie eben dieser Madonnenfigur wurde auf die Spitze eines höher geplanten Hochhauses montiert. Als dann der nächst höhere Wolkenkratzer den ersten überragte, schwebte die "Madonnina" kurzerhand dorthin weiter.
Settis macht klar: Auch Städte können ihr Gedächtnis verlieren und einer Amnesie verfallen, wie Menschen. Ein Venedig in Demenz? Schauerliche Vorstellung.

Salvatore Settis
Wenn Venedig stirbt 
Streitschrift gegen den Ausverkauf der Städte
Wagenbach Verlag, Berlin 2015
160 Seiten, 14,90 Euro
ISBN 978 3 8031 3657 2

Erstdruck: literaturblatt für baden-Württemberg, Heft 1/2016

Mehr lesen:
Elke Linda Buchholz über das literarische Venedig
Elke Linda Buchholz über neue Architektur in Venedig

Dienstag, 24. November 2015

Am Rand der Welt - Ulrike Ottinger auf den Spuren Chamissos

Von Michael Bienert. In einer Ecke des großen Zimmers steht ein historischer Globus. Rundum Bücherregale, deren oberste Ablage dicht mit Dutzenden exotischer Holzmasken und Skulpturen besetzt ist. So stellt man sich das Arbeitszimmer eines Ethnologen des 19. Jahrhunderts vor. Ulrike Ottinger empfängt in ihrer Wohnung in einem alten Kreuzberger Mietshaus und entschuldigt sich für den Termin am Sonntagabend: »An den andern Tagen sitze ich 15 bis 18 Stunden im Schneideraum.« Mit unerhörter Disziplin arbeitet die 73-jährige Künstlerin und Filmemacherin daran, ihr neuestes Projekt im Zeitplan zu halten. Bis Dezember sollen der zwölfstündige Kinofilm »Chamissos Schatten«, eine Ausstellung in der Berliner Staatsbibliothek und eine Fotoausstellung fertig sein...

Weiterlesen können Sie den ausführlichen Bericht über Ulrike Ottingers Chamisso-Projekt im jüngsten Chamisso-Magazin der Robert Bosch Stiftung (Ausgabe Oktober 2015) ab Seite 14. 

Die Ausstellung "Weltreise" wird am 1. Dezember 2015 um 18 Uhr in der Staatsbibliothek zu Berlin eröffnet.

Montag, 27. Juli 2015

Im Theater (58): Saisonabschluss in Bamberg mit der "Zauberflöte"

Foto:Thomas Bachmann / Sommer Oper Bamberg
Auf Recherchetour in Bamberg schaut sich der Berlinologe, der auch im Urlaub an seinem neuen Buch über E. T. A. Hoffmanns Berlin weiterschreibt, das Theater an, wo Hoffmann ab 1808 ein paar Jahre als Kapellmeister, Bühnenbildner, Komponist und Mädchen für alles gearbeitet hat.
Gestern war dort großer Kehraus: mit einem Fest in der Studiobühne und dem angrenzenden Park hat sich das Ensemble um den Intendanten und Hoffmannologen Rainer Lewandowski endgültig von seinem Bamberger Publikum veranschiedet. Seit der Spielzeit 1989/90 - länger als Frank Castorf an der Berliner Volksbühne und für Bamberger Verhältnisse ähnlich erfolgreich - hat Lewandowski das Haus geleitet. In diese Zeit fällt der kluge Aus- und Umbau des gut 200 Jahre alten Stadttheaters, dessen Zuschauerraum im klassizistischen Stil des 19. Jahrhunderts wiederhergestellt wurde: Nicht viel anders hat er ausgesehen und wohl auch nicht gelungen, als Hoffmann hier arbeitete. Gestern abend wurde dort zum Saisonschluss eines seiner Lieblingsstücke aufgeführt, Mozarts "Zauberflöte". Eine Produktion der Sommer Oper Bamberg mit 17 jungen Nachwuchssängern (450 hatten sich beworben) und einem kleinen, handverlesenen Orchester mit wunderbar trocken-präzisem Klang aus dem Orchestergraben, geleitet von Till Fabian Weser.
Ein Workshop mit der Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager hat die Sänger mit wenig Bühnenerfahrung auf die Arbeit mit der Regisseurin Doris Sophie Heinrichsen vorbereitet, das Ergebnis war im Szenischen nicht immer  perfekt, konnte sich aber sehen und vor allem hören lassen. Die Hauptrollen waren doppelt besetzt, bei der letzten Vorstellung gestern wechselten die Sänger in der Pause; besonders positiv fielen auf Jasmin Maria Hörner als anmutig-blonde Bilderbuch-Pamina, die beiden Königinnen der Nacht Danae Kontora und Svetlana Merzlova und die beiden Papagenos im Cowboylook Ludwig Obst und Oliver Pürckhauer. Als Amazonentrio aus einem Guss überzeugten die drei Damen der Königin der Nacht (Simone Krampe, Isabel Segarra und Ulrike Malotta).
Das Bühnenbild stellte eine Bibliothek vor, einen Tempel des Wissens mit gemalten Bücherregalen zu beiden Seiten wie auf einer historischen Kulissenbühne, verwandelbar durch Videoprojektionen im Hintergrund. Den Palast Sarastros und den Garten der Vernunft so zu deuten, als Ort der Bildung, leuchtet ein. 
Solche Aufführungen leben nicht davon, dass alles routiniert bis aufs i-Tüpfelchen zu Ende inszeniert ist oder das Theater neu erfunden wird, sondern von der hohen Motivation der Nachwuchskünstler, die ihre Chance zu nutzen und ihr Bestes geben. Kurzum: Diese Aufführung lebte und es war ein großes Vergnügen, sie sich anzusehen. Es war die sechste Produktion der Sommeroper in nunmehr zehn Jahren und hoffentlich bleiben die Sponsoren bei der Stange, damit es in zwei Jahre wieder eine so gelungene Nachwuchsförderung geben kann.

Montag, 24. Februar 2014

Die Gärten Venedigs - wirklich und unwirklich

Von Elke Linda Buchholz - Venedig ist aus Wasser und Stein gebaut. Bis an den Rand füllt das Zauberwerk der Architekten und Ingenieure den Körper der Stadt. Nicht der ideale Platz für Pflanzen, Bäume, saftiges Grünen und Blühen. Und doch: "Giardino Eden" steht auf dem Klingelschild am Kanal Rio delle Croce auf der Giudecca. Leider bleibt das Tor an der Fußgängerbrücke, die hinüber auf das Grundstück führt, verschlossen. Hinter Mauern erahnt man ernste Zypressen, verträumte Statuen, weitläufiges Terrain. Eine lauschige Loggia bröckelt in der salzigen Lagunenluft.
1884 hatte ein reiches englisches Ehepaar das Nutzgartengelände erworben: Caroline und Frederick Eden liehen dem Garten ihren biblischen Namen. In seinem 1903 erschienenen Buch "A Garden in Venice" schildert Sir Eden, wie sie hier am stadtabgewandten Rand der Serenissima einen romantischen Traum verwirklichten. Obst und Gemüse durften weiterhin reifen, hinzukamen Weinreben, Madonnenlilien, hunderte Rosenstöcke, von weither. Künstlerfreunde auf Italientrip flochten literarische Erinnerungsspuren. (Der 19jährige Jean Cocteau dichtete sein "Souvenir d'un soir d'automne au jardin Eden" in Gedanken an einen unglücklichen Freund, der sich auf den Marmorstufen der Kirch Santa Maria della Salute erschoss, nachdem sein Lover ihn ausgerechnet im Garten Eden verlassen hatte.) Rilke, Proust, Henry James sowie Gabriele d´Annunzio und seine Angebetete Eleonore Duse genossen kühle Schatten und Blütenfülle des Edenparadieses. Später ließ Friedensreich Hundertwasser das verwunschene Terrain sanft verwildern. Seine Wiener Nachlassstiftung hält den Garten unter Verschluss. Eine verwitterte Holzpergola, ein leeres Wasserbecken – mehr kann auch die Kunsthistorikerin Jenny Condie in ihrem Bildband "Die Gärten Venedigs und des Veneto" nicht vom Garten Eden zeigen. Aber sie erzählt seine Geschichte und hält den Wunsch wach, ihn zurückzugewinnen.

Dienstag, 21. Januar 2014

Rinnsteinelend und Hochhausspitzen - neue London-Bücher

Von Elke Linda Buchholz - Mitten im tosenden Londoner Verkehr steht ein zierliches Haus aus Holz. Der solide gezimmerte Fachwerkbau balanciert in luftiger Höhe auf vier dünnen Pfosten nahe der U-Bahn-Station Aldgate. Durch die offenen Wände weht der Wind: »Paleys upon Pilers« gibt als literarisches Luftschloss den träumerischen Versen des mittelalterlichen Dichters Geoffrey Chaucer einen Ort – inmitten eines Cityquartiers, dessen bauliches Erbe gerade vom schwindelerregenden Wandel davongespült und durch ein Hochhauscluster ersetzt wird. Chaucers architektonische Phantasien waren poetischer. Er erträumte in seinem Gedicht »Parliament of Fowls« einen Götterpalast auf Säulen aus Jaspis. In »House of Fame« ließ er einen Glastempel auf einem Berg von Eis emporwachsen, wo alle Wörter zusammenfließen, die gesprochenen, gesungenen und in Angst geflüsterten. Der als Sohn eines Weinhändlers geborene Chaucer wohnte ab 1374 im Stadttor von Aldgate. Aus seinem Fenster sah er die quirlige, vielstimmige Menschenmenge in die schon damals boomende Stadt strömen. Das auf die Römerzeit zurückgehende Stadttor ist längst verschwunden. Von hier gen Osten erstreckt sich kilometerweit East End, jahrhundertelang das verrufenste Elendsviertel der Stadt. Der Amerikaner Jack London stürzte sich 1902 mitten hinein. Er ließ sich von einem entsetzten Droschkenkutscher am Bahnhof Stepney absetzen, tauschte seinen Anzug bei einem Altkleiderhökerer gegen abgerissene Klamotten und lebte wochenlang unter Obdachlosen und Lumpenproletariat. Was er als Undercover-Reporter in den übervölkerten Quartieren von Whitechapel, Spitalfields, Mile End erlebte, schildert seine Sozialreportage The People of the Abyss. - Weiterlesen im literaturblatt

Die besprochenen Titel:

Jack London, Menschen der Tiefe. Reportage aus dem Londoner East End um 1900. Reprint Verlag, Leipzig 2013. 272 Seiten, 19,90 Euro
London. Eine literarische Einladung. Hrsg. von Ingo Herzke und Hans-Gerd Koch. Wagenbach, Berlin 2013. 137 Seiten, 15,90 Euro
Gabriele Gugetzer, Indische Küche in London. Kulinarische Spaziergänge und Originalrezepte. Gräfe und Unzer, München 2013. 192 Seiten, 19,99 Euro
Steen Eiler Rasmussen, London. The Unique City. Die Geschichte einer Weltstadt. Bauverlag, Gütersloh und Berlin / Birkhäuser, Basel 2013. 440 Seiten, 29,95 Euro
Marina Bohlmann-Modersohn, London. Eine Stadt in Biographien. Merian / Travel House Media, München 2012. 176 Seiten, 16,99 Euro
Miroslav Sasek, London. Kunstmann, München 2013. 63 Seiten, 16,95 Euro

Freitag, 13. Dezember 2013

Lonely Planet London

Bücherschaufenster in London
(Foto: Michael Bienert)
Von Elke Linda Buchholz - Sich in London zu orientieren, ist nicht leicht. Zu riesig? Nicht nur das. Die Stadt hat keinen Mittelpunkt. Sie ist nicht in konzentrischen Kreisen aufgebaut wie Paris. Sondern besteht aus asymmetrisch und unkontinuierlich im Laufe der Jahrhunderte zusammengewachsenen Zentren, Siedlungskernen, Knotenpunkten des Verkehrs, der Macht, der Kultur. Insgesamt eine ziemlich unübersichtliche Gemengelage. Wie also sich orientieren? Und im Überangebot spannender Möglichkeiten trotzdem nicht nur die altbekannten Supersehenswürdigkeiten abklappern?
Der Lonely Planet-Führer London verspricht Hilfe. Nach dem bewährten Motto des Verlagsgründers Tony Wheeler "Hat man sich erst einmal zum Reisen entschlossen, ist das Wichtigste auch schon geschafft" geht es los. Dicker und viel materialreicher als die sonstigen dünnen Highlightführer liegt das Paperback gut in der Hand und ist trotz seiner fast 500 Seiten nicht zu schwer für den Tagesrucksack. Eine Fülle von Informationen zu Gegenwart und Geschichte Londons haben die Autoren darin untergebracht. Allerlei Listen machen neugierig: mit Tourenvorschlägen für Familien, Aussichtspunkten, Friedhöfen, Musik Locations, Monatsveranstaltungen, Gratis-Vergnügungen, Kleinen Museen, Kuriosen Museen, Spezialmuseen, Tipps zu Lebensmittelmärkten, exotischen Fastfoodketten, Shopping Destinationen... Dann werden die wichtigsten Stadtviertel von West End bis East End, von Greenwich bis Hampstead in einzelnen Kapiteln mit ihren Sehenswürdigkeiten und Lokalen vorgestellt. Und schließlich darf man sich noch in Abrisse über die Geschichte, Literatur, Architektur (mit Neuzugängen wie dem gerade 2012 fertiggestellten Glitzerglashochhaus "The Shard"), Theater- oder Modeszene vertiefen. Sogar eine Liste klassischer London-Songs von den Sixties bis zu Adele ist dabei.
That´s a lot! Aber leider: die Orientierung! Sich in diesem Buch mit seinen tausend Kreuz- und Querverweisen zurechtzufinden, ist ein Kunststück. Zwar stößt man darin immer wieder auf tolle Entdeckungen, liest sich fest und schmiedet Pläne. Aber wie hieß noch gleich dieses verrückte Künstlermuseum, das nur montags abends zu besichtigen ist? Und in welchem Bezirk lag es? Stand das im Kapitel mit den Stadtvierteln? Oder in der Museumsliste? Oder bei Kunst? Irgendwo stand doch etwas dazu! Aber wo? Die über 40 Seiten Karten im Anhang sind zwar detailreich, aber sie zerschnippeln das Riesen-London in lauter kleine Häppchen. Der gute, alte, neue A-Z Greater London-Stadtplan ist eben doch unverzichtbar. Und orientieren? Ach, dann einfach los. Zu sehen gibt es genug...

Lonely Planet London. Mit Texten von Damian Harper, Steve Fallon, Emilie Filou, Vesna Maric, Sally Schafer. 496 Seiten, viele Abb., 4. dt. Auflage 2012, 19,99 Euro

Freitag, 22. Februar 2013

Schiller in Potsdam 1804, zweite Auflage

Der ausgefaltete Umschlag des Buntbuches Schiller in Potsdam 1804
hat eine frischere Farbe bekommen, das Heft acht Seiten mehr.
Manche Bücher verschwinden einfach vom Markt, weil der Verlag die Reihe einstampft, in der sie erschienen sind; manche erweisen sich als Longseller und werden nach Jahren neu aufgelegt, obwohl andere Verlage sie wegen angeblicher Erfolglosigkeit längst verramscht hätten. Schiller in Potsdam 1804 ist schon 2005 in der Reihe der Frankfurter Buntbücher publiziert worden. Seit einigen Monaten kümmert sich der regsame Verlag für Berlin und Brandenburg um den Buchhandelsvertrieb, mit so großem Erfolg, dass es nun eine 2. Auflage gibt - aktualisiert, erweitert, mit neuer Ausstattung durch den Leipziger Typografieprofessor Günter Karl Bose. Gestern abend wurde der Titel in der Brandenburgischen Landesvertretung vor großem Publikum präsentiert, als wärs eine spektakuläre Neuerscheinung - uns soll das nur recht sein. Es gibt ja auch Neues zu entdecken! Wer dieser Tage das alte Potsdam wie Schiller über die Lange Brücke betritt, sieht plötzlich wieder das, was auch der Dichter gesehen hat, nämlich das rekonstruierte Stadtschloss: So rückt Potsdam wieder näher an die Geschichte heran, von der das Buntbuch erzählt.

Montag, 12. November 2012

Die Burg des Dichterkönigs

Vor 150 Jahren wurde der Dramatiker Gerhart Hauptmann geboren, vor 100 Jahren bekam er den Literaturnobelpreis. Im Riesengebirge fühlte er sich heimisch und baute sich eine Villa. Wir haben uns im Sommer in seiner Heimatregion umgesehen.
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Zum 150. Geburtstag von Gerhart Hauptmann:
Stücke aus seinem Nachlass


Anlässlich des 150. Geburtstags des Dramatikers und Schriftstellers Gerhart Hauptmann präsentiert die Staatsbibliothek zu Berlin am 15. November von 9 bis 21 Uhr in ihrem Haus Potsdamer Straße wichtige und großenteils unpublizierte Dokumente aus seinem Nachlass. Um 18 Uhr wird der 1912 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrte Hauptmann in einer weiteren Veranstaltung geehrt.

Donnerstag, 6. September 2012

Lebensfluten - Tatensturm

Michael Bienert hat die neue Dauerausstellung im Museumsanbau des Goethe-Hauses (Foto) besichtigt und berichtet darüber heute in der Stuttgarter Zeitung:
Goethe schrieb nicht gern mit Tinte und Feder. Das Kratzen auf dem Papier und die Tintenkleckserei störten seinen Gedankenfluss, lieber skizzierte er Einfälle mit dem Bleistift oder diktierte einem Schreiber. Mit Papier ging er sparsam um, für Konzepte benutzte Goethe gerne zerschnittene Theaterzettel. Auch Briefe an Freunde diktierte er meist. Um die Nachfrage nach Goethe-Autographen zu befriedigen, ließ er um 1820 handgeschriebene Verse lithografieren und verschenkte diese Blätter. Der Gedanke, dass Goethe an der Copy-and-Paste-Funktion eines Laptop-Computers seine helle Freude gehabt hätte, stellt sich beim genauen Blick auf seine Schreibwerkzeuge und Manuskripte von selbst ein. Weiterlesen

Donnerstag, 2. August 2012

Stadtführer im Trainingslager

Auch Stadtführer gehen manchmal ins Trainingslager, in diesem Juli ging es zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren in die Berge. Das Foto links zeigt die Schneekoppe im Riesengebirge, darunter den "Kleinen Teich" in rund 1000 Meter Höhe oberhalb von Karpacz (früher Krummhübel). Fantastisches Terrain, um die Beinmuskulatur auf steilen Wegen und  wackligen Steindämmen zu trainieren, ein ganz anderes Gefühl als auf dem Berliner Pflaster, mit atemberaubenden Ausblicken ins Hirschberger Tal. Überall Rinnsale und rauschende Bäche, die erfrischend über Felsbrocken ins Tal stürzen. Auf dem Bild unten kühlt der literarische Stadtführer Michael Bienert seine Füße im klaren Wasser des "Kleinen Teichs". So vorbereitet, nehmen wir Anfragen nach Gruppenführungen gerne entgegen - aber nur für Touren durchs Berliner Flachland.
Fotos: Leon Buchholz

Dienstag, 22. März 2011

Fortbildung in London

Die Globalisierung unseres kleinen Berliner Büros macht Fortschritte: Während gestern in der Stuttgarter Zeitung eine Glosse über den Sprachengebrauch bei der EU-Kommision in Brüssel erschien, saß die halbe Mannschaft im Bezirksrathaus von Lewisham, einem Stadtteil im Süden von London, und ließ sich von dem Stadtplaner Stephen Isaacson (auf dem Foto an seinem Arbeitsplatz) erklären, wie man Investoreninteressen, Anwohnerproteste und Denkmalschutzauflagen in eine gesunde Balance bringt. Vergangene Woche lockte uns der London- und Chamisso-Experte Bernd Ballmann in die "Linnean Society" und das British Museum, an der University of London nahm Michael Bienert an einer zweitägigen Konferenz über Berliner Warenhäuser teil; geforscht wird zu diesem Thema viel eher in Washington und Exeter als in Berlin.

Montag, 9. August 2010

Ziegel für Berlin


Seit dem Ausflug nach Mildenberg steht auf dem Schreibtisch ein kleiner Backstein, nur wenige Zentimeter groß. Aus rotem Ton perfekt geformt, für die Ewigkeit gebrannt: ein Stück Berliner Geschichte en miniature. Wer erkunden will, wo der Stoff herstammt, aus dem Berlin gemauert ist, sollte nach Norden fahren. Eine Stunde mit dem Auto, schon ist man mittendrin in der Zehdenicker Tonstichlandschaft. Elke Linda Buchholz hat die ehemalige Industrieregion und den Ziegeleipark in Mildenberg für den Tagesspiegel beschrieben. Zum Artikel

Donnerstag, 4. März 2010

Türckische Cammer


Über eine Million Dönertüten haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bedrucken lassen. Denn nicht nur die alteingesessenen Bildungsbürger Deutschlands sollen mitbekommen, dass die sächsische Hauptstadt um ein Highlight reicher ist. Elke Linda Buchholz durfte die Türckische Cammer, die am Wochenende im Residenzschloss eröffnet wird, vorab besichtigen und hat für die STUTTGARTER ZEITUNG ausführlich darüber berichtet. Hier finden Sie den Text und Fotos.