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Freitag, 4. November 2016

Familie Chamisso auf der Flucht

Der Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso war das Kind einer Flüchtlingsfamilie. Anders als seine Eltern und Geschwister ist er nicht wieder in seinem Geburtsland Frankreich heimisch geworden, sondern nutzte seine Chance, sich in Deutschland aus der Familientradition zu befreien.

Adelberts Bruder Charles war Augenzeuge des
Sturms auf die Tuilerien in Paris, 1793
Von Michael Bienert - „Von Stadt zu Stadt irrend, ohne Bindungen, ohne Vaterland, fast ohne Hoffnung, die Stütze der Elenden, habe ich das Unglück kennengelernt“, heißt es in einem Schulaufsatz, den der junge Adelbert von Chamisso in Berlin verfasst: „Kaum war es mir vergönnt, den Erzeugern meiner Tage nützlich zu sein. An ihr Schicksal gebunden und ihren Schritten folgend, habe ich Brabant, Holland, das Reich durchmessen; überall bot sich ein Bild des Unglücks meinen Augen; überall fand ich Landsleute von allerhöchstem Rang ins Elend gestürzt.“ Auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg, den die Französischen Revolution auslöst, finden Chamissos Eltern und ihre sechs Kinder 1796 eine sichere Bleibe in Berlin. Am Französischen Gymnasium holt der spätere Dichter und Naturforscher in Einzelstunden ein wenig Schulbildung nach. Kurz nach seinem 17. Geburtstag wird er in eine Fähnrichsuniform gesteckt und zum Exerzieren geschickt. Kanonenfutter kann der preußische König immer brauchen, die Herkunft spielt keine Rolle.
Der Vater Louis Marie de Chamissot, Graf von Boncourt, hofft auf eine glänzende Offizierslaufbahn für seinen zweitjüngsten Sohn. Früher hat der Graf eine berittene Kompagnie von Schweizergardisten des französischen Königs kommandiert. Die Familie Chamissot ist dem Königshaus seit Jahrhunderten eng verbunden. So dienen Hippolyte und Charles, die beiden ältesten Söhne des Grafen, als Pagen am Hof von Versailles und bereiten sich auf eine Karriere am Hof und in der Armee vor, bis die Revolution in Frankreich alle Zukunftspläne zunichte macht. Weiterlesen

Mittwoch, 8. Juni 2016

So schön ist Harakiri - Wiedereröffnung des Georg-Kolbe-Museums mit dem Hanako-Zyklus von Rodin

Hanako-Porträts von Auguste Rodin
Fotos: Michael Bienert
Von Michael Bienert - Sie war eine Sensation in der Berliner Kaiserpassage, Friedrichstraße Ecke Unter den Linden. „Madame Hanako wird erdolcht und kann nun mit allen Finessen zeigen, wie große japanische Künstlerinnen auf der Bühne zu sterben verstehen. Unsagbar realistisch und doch wahrhaft ergreifend, mit grausamer Eindringlichkeit nach der Natur gezeichnet“, schwärmte 1908 die „Sport im Bild“. Japans größte Tragödin lockte die Touristen an, im Passage-Theater, das unter einem Dach mit Nippesläden, exotischen Völkerschauen, Panoptikum und Kaiserpanorama residierte. 
Was die Berliner für authentische, weil reichlich fremdartige Schauspielkunst hielten, war tatsächlich ein interkulturelles Missverständnis: Im japanischen Kabuki-Theater wurden Hanakos Paraderollen üblicherweise von Männern gespielt. Insbesondere das Harakiri, der rituelle Selbstmord durch Bauchaufschneiden, war traditionell der obersten Schicht der Samurai-Krieger vorbehalten. Japanische Theaterleute mochten sich eine Frau in so einer Rolle gar nicht erst vorstellen. Nur in Europa und Amerika wurde die puppenhafte Hanako um 1910 zum Star. Sie gehörte zur Riege der Tänzerinnen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg ihre von Korsetts und Konventionen befreiten Körper auf den westlichen Bühnen präsentierten. Jetzt bekommt die kleine Tänzerin noch einmal einen großen Auftritt in Berlin. In der Ausstellung „Auguste Rodin und Madame Hanako“ zur Wiedereröffnung des Georg-Kolbe-Museums. Weiterlesen im TAGESSPIEGEL

Mittwoch, 8. April 2015

Frühling in Paris (2): Ein Mann geht durch die Wand

Beim Spaziergang auf dem Montmartre taucht er plötzlich auf, der kleine Mann, der durch Wände gehen kann. Im Haus nebenan hat sein Erfinder, der Schriftsteller Marcel Aymé, gewohnt. Der kleine Platz davor trägt seinen Namen. Das Denkmal für die Hauptfigur seiner Erzählung "Le Passe Muraille" und ihren Autor ist 1989 eingeweiht worden, eine Gedenktafel vor dem Haus gibt ausführlich Auskunft über die Hintergründe.
Aymés Geschichte ist übrigens 1959 mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle verfilmt worden... Warum gibt es eigentlich in Berlin nicht längst ein Denkmal für Franz Biberkopf, den Helden von Döblins "Berlin Alexanderplatz"?


Fotos: Michael Bienert

Frühling in Paris (1): 100 Jahre sozialer Wohnungsbau im Pavillon de l´Arsenal

Ein Projekt von Henri Sauvage
in der Ausstellung PARIS HABITAT.
Fotos: Michael Bienert
Im Pavillon de l´Arsenal ist noch bis Anfang Mai neben der Dauerausstellung über den Städtebau in Paris eine Sonderausstellung zu sehen, die sich dem sozialen Wohnungsbau in der französischen Hauptstadt widmet. 1914 wurde das “Office Public d’Habitations à Bon Marché” der Stadt Paris gegründet, um bezahlbare Wohnungen zu schaffen. Heute heißt das kommunale Unternehmen “Paris Habitat” und verwaltet mehr als 120.000 Wohnungen. In der historischen Ausstellungshalle werden um ein großes Stadtmodell herum 40 Wohnungsbauprojekte aus 100 Jahren vorgestellt, die zu architektonischen Streifzügen vor allem an den Rändern der großen Stadt einladen. Besucher können sich von bunten Blocks an den Wänden bedruckte Blätter mit Informationen und Plänen zu den einzelnen Projekten abreißen und mitnehmen. Anders als im weiträumigen Berlin wurde in Paris viel dichter und höher gebaut. Das Foto rechts zeigt ein 1922-1926 realisiertes Projekt von Henri Sauvage an Rue des Amiraux, bei dem 79 Wohnungen über einem Schwimmbad aufgetürmt wurden.

Le Pavillon de l´Arsenal
Centre d'information, de documentation et d'exposition d'urbanisme et d'architecture de Paris et de la métropole parisienne
21, boulevard Morland
75004 Paris
Weitere Informationen

Katalog zur Sonderausstellung:
PARIS HABITAT
CENT ANS DE VILLE, CENT ANS DE VIE
Éditions du Pavillon de l’Arsenal
608 Seiten, 35 Euro