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Donnerstag, 17. Januar 2013

Im Theater (44): "Der Tod in Venedig" an der Schaubühne


Die Schaubühne am Premierenabend
Foto: Bienert
Heute würde man es ein Burnout-Syndrom nennen, was Gustav Aschenbach nach Venedig treibt, wo er endgültig die Kraft verliert, weiter den Dichterfürsten und das moralische Vorbild zu spielen. In der Künstlernovelle „Der Tod in Venedig“ erzählt Thomas Mann von einem Zusammenbruch, ausgelöst durch das unheilvolle Zusammenspiel von jahrelanger Selbstüberforderung und dem biologischen Altern, das ein Weiterso unmöglich macht. Peinlich und peinigend, dass der alternde Schriftsteller eine pädophile Neigung an sich entdeckt, die sich in der süßen Muße des pflichtvergessenen Touristendaseins zur Obsession auswächst. Diese Geschichte ist immer noch spannend - immerhin leben wir in einer alternden Gesellschaft -, spannender als die endlos erörterte Frage, ob Thomas Mann damit eine eigene verkappte Homosexualität eingestanden habe oder nicht.

Dienstag, 8. Januar 2013

Die Witwe Robert Enkes geht juristisch gegen das Maxim-Gorki-Theater vor

Die Witwe des Torwarts Robert Enke, der sich 2009 das Leben nahm, geht juristisch gegen das Maxim-Gorki-Theater vor. Intendant Armin Petras brachte im Mittelteil seiner Inszenierung Demenz, Depression und Revolution am vergangenen Samstag eine Geschichte von tödlich verlaufender Depression auf die Bühne, die offenbar durch den Fall Enke inspiriert war. Dazu erklärte das Theater heute abend: "Sollten durch unsere Aufführung die Gefühle von Frau Enke verletzt worden sein, bedauern wir dies außerordentlich. Dem Maxim Gorki Theater und dem Team um den Regisseur Armin Petras ging es ausschließlich darum, an dieser Stelle das persönliche Schicksal Enkes und seines Krankheitsbildes in einen archetypischen und damit allgemeingültigen Fall zu überführen und sich auf diesem Weg mit der Krankheit Depression künstlerisch auseinanderzusetzten und das Ergebnis zur Diskussion zu stellen. Den an einer Depression Erkrankten wird in unserer Inszenierung Hochachtung und Respekt entgegengebracht, wie sich auch der Premierenberichterstattung entnehmen lässt. Dem Maxim Gorki Theater ist es ein wichtiges Anliegen alle durch das Theaterstück entstandenen Probleme und Fragen einvernehmlich mit Frau Enke zu klären und zu einer Lösung beizutragen. Bis eine solche gefunden ist, verzichtet das Maxim Gorki Theater bis auf weiteres auf die Ansetzung des zweiten Teils der Aufführung." Als Augenzeuge der Premiere kann ich bestätigen, dass die Inszenierung keineswegs den Eindruck erweckte, hier werde das Schicksal Robert Enkes und seiner Familie ausgeschlachtet oder grob damit umgegangen. Allerdings hätte das Theater den Kontakt zur Witwe früher suchen sollte. Als ein Buch über die Krankheit ihres Mannes erschien, hat sie die Film- und Theaterrechte ausdrücklich ausgeklammert, damit nicht passiert, was jetzt passiert ist: dass jemand ihre Geschichte auf die Bühne oder ins Fernsehen bringt, ohne sie um Erlaubnis zu fragen. Das hätte das Theater zur Kenntnis nehmen müssen. Schade, wenn nun die absolut diskussionswürdige Inszenierung nach einer einzigen Vorstellung von der Bühne verschwindet bzw. nur noch als Torso zu sehen ist.

Montag, 7. Januar 2013

Im Theater (43): Demenz, Depression und Revolution am Maxim-Gorki-Theater

Auf dem Sprung von Berlin nach Stuttgart:
Armin Petras alias Fritz Kater
Foto: Bienert
Ein weißes Bündel liegt links auf der leeren Bühne, die mit einem fadgrünen halbhohen Samtvorhang ausgeschlagen ist. Der Mann in der langen weißen Unterwäsche ist ein aussichtsloser Pflegefall. Mit Mühe kann er noch aufstehen, aber dann muss man sich gleich Sorgen machen, dass er irgendwas umrennt oder sich verletzt. Dinge klar erkennen, zielstrebig handeln, mit anderen Menschen ein Gespräch anfangen, sich verständlich äußern - das war einmal. Früher hieß so etwas Altersschwachsinn, heute pseudowissenschaftlich Demenz. Schreckbild einer Gesellschaft, die statistisch immer älter wird. Kehrseite des medizinischen Fortschritts, der dafür sorgt, dass immer weniger Leute wegsterben, ehe der Tod auf Raten beginnt. Die Gesellschaft ist darauf schlecht vorbereitet. Wer sich um einen Angehörigen mit Gedächtnisverlust kümmert, kann seine Lebens- und Karrierepläne vergessen. Der Staat zieht sich aus der Affäre, indem er seit Januar jedem 60 Euro zuzahlt, der eine private Pflegeversicherung abschließt. Wieder wird ein drängendes Problem der Gesamtgesellschaft privatisiert.
Wenn das Theater sich als Ort der Selbstaufklärung einer Gesellschaft versteht, dann gehört das Thema Demenz auf die Bühne, keine Frage. Aber wie? Armin Petras, der künftige Chef des Stuttgarter Staatsschauspiels, ist nicht der Intendant, der reflexartig Shakespeares „König Lear“ auf den Spielplan setzt und die Theatermaschinerie einfach weiterlaufen lässt. Er hat mit seinen Schauspielern ein Geriatriezentrum in Berlin besucht und sie in Alterssimulationsanzüge schlüpfen lassen, um herauszufinden, wie man sich hilft, wenn die Gelenke, Muskeln und Augen versagen. Bei seinem Alter Ego, dem Dramatiker Fritz Kater, gab der Regisseur Armin Petras ein Stück zum Thema Demenz in Auftrag. Fritz Kater lieferte eine Collage aus kleinen Versatzstücken, gespeist aus Erfahrungsberichten und Demenzdiskurssplittern.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Hindernisse mit Fantasie wegräumen

Künstler: unbekannt.
Foto: Elke Linda Buchholz
In diesem Sinne wünschen wir allen Lesern ein kreatives neues Jahr! Das passende Fotomotiv haben wir 2012 in Paris entdeckt.

Sonntag, 16. Dezember 2012

Büchermachen vor 200 Jahren - eine Adventsgeschichte

Erstausgabe der Kinder- und Hausmärchen
der Brüder Grimm, 1812
Weihnachten sollte das Buch fertig sein. Das hatte der Berliner Verleger hoch und heilig versprochen. Aber Anfang Dezember waren noch immer nicht alle Bogen gedruckt. Texte fehlten, an eine Auslieferung des Buches rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft war nicht mehr zu denken. Telefon oder E-Mails gab es nicht, zwischen Berlin und Kassel brauchten Postsendungen einige Tage. Also entschloss sich Georg Andreas Reimer, das Buch ohne Zutun seiner hessischen Herausgeber zu Ende zu drucken und die letzten Korrekturen selber zu lesen. Wenigstens einige Bücher sollten an Weihnachten bei Freunden und Bekannten auf dem Gabentisch liegen, versprochen war versprochen! Wie die Adventsgeschichte um den Erstdruck der Grimmschen Märchen vor 200 Jahren weitergeht, lesen Sie im Tagesspiegel von heute. 

Dienstag, 11. Dezember 2012

Merzbau statt Pantheon: Der neue Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden


Der alte Lesesaal
(1914-1944)
Der Kuppellesesaal der Preußischen Staatsbibliothek in Berlin war ein magischer Ort zwischen den Weltkriegen. „Brennpunkt der Ellipse, die mich hier bannt“, schrieb 1928 Walter Benjamin, einer der Stammkunden, der die Bibliothekare mit ellenlangen Listen fehlender Bücher auf Trab brachte. „Staatsbibliothek, Kaschemme / Resultatverließ, / Satzbordell, Maremme,/ Fieberparadies“, delirierte Gottfried Benn in einem Gedicht und rühmte das „wunderbare Flackern von einem Buch zum andern“.
Das Pantheon der Leser besaß eine größere Kuppel als der Berliner Dom, darunter waren die Leseplätze in Kreisen um eine leere Mitte angeordnet, jeder durch eine Glasschirmlampe bezeichnet. Denn durch die Rosettenfenster strömte nur dämmriges Licht ins Herzstück des neobarocken Bücherpalastes, mit dem Hofbaumeister Ernst von Ihne in zehnjähriger Bauzeit ein ganzes Straßenkarree an der preußischen Siegesallee füllte. 170 Meter lang, 107 Meter breit: Als der alte Lesesaal in Anwesenheit des Kaisers am 22. März 1914 eingeweiht wurde, war das Berliner Bibliotheksgebäude das größte der Welt.

Der neue Lesesaal
(2012)
Durch eine Luftmine im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt, stand der Lesesaal noch bis 1975 als Ruine da. Nach dem Totalabriss was Platz für vier Magazintürme, mit denen die Bibliothekare jedoch nie richtig froh wurden. Sie mussten einem neuen Lesesaal des Stuttgarter Architekten HG Merz weichen, der gestern übergeben wurde und ab März 2013 mit Büchern bestückt und für das Publikum geöffnet sein soll.
Dauerbaustelle aber bleibt die Stabi noch länger, weil jetzt erst der Hauptflügel Unter den Linden instandgesetzt wird. So ist es noch nicht möglich, die imposante Raumfolge von der Allee durch den Brunnenhof und das Vestibül hinauf in den neuen Lesesaal abzuschreiten. Durch einen Hintereingang am schon sorgfältig  sanierten Nordflügel gelangen die Leser in ein grusliges Provisorium. Dort wo in ein paar Jahren ein Bibliotheksmuseum kostbarste Bücher und Handschriften präsentieren soll, sind vorerst Katalogrechercheplätze, Garderobe und Besucherschleusen in limonengrün gestrichenen Räumen untergebracht. Die Mitarbeiter, die hier Dienst tun sollen, haben schon gegen die Verbannung in diese giftgrüne Vorhölle protestiert. Die List des Architekten ist klar: Keinen Tag länger als nötig soll dieses Provisorium dauern. Freundlich gegenüber Mitarbeitern und Benutzern ist das aber nicht.

Montag, 10. Dezember 2012

Fotos vom neuen Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden

Der neue zentrale Lesesaal mit transparenter
Überdachung vor der Übergabe.
Der neue Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden wurde heute an die Bibliothekare übergeben, ab März soll er für die Leser zur Verfügung stehen. Ein Bericht folgt morgen, hier bereits erste Fotos vom Neubau, den der Architekt HG Merz in den historischen Bibliothekskomplex eingebaut hat.

Hinweis: Am Samstag, dem 15. 12. 2012 von 11 bis 18 Uhr findet einmalig ein Tag der offenen Tür in dem Gebäude statt. Danach bleibt es bis März geschlossen! Eingang an der Dorotheenstraße 27.

Freitag, 7. Dezember 2012

Im Licht von Amarna - 100 Jahre Fund der Nofretete - verlängert bis 4. August 2013!


Von Elke Linda Buchholz - Der 6. Dezember 1912 war ein "Duseltag" für den Archäologen Ludwig Borchardt, wie er in sein Grabungstagebuch notiert. Das Stück, das er an diesem Tag aus dem Wüstensand barg, war so ungewöhnlich, dass dem sonst so sachlichen Wissenschaftler die Worte fehlten: "Beschreiben nützt nichts, ansehen", kritzelte er neben eine Handskizze der Büste. Dass an dieser Stelle mit spannenden Funden zu rechnen war, hatte das Archäologenteam bereits vermutet. Unvollendete Skulpturen deuteten darauf, dass sich hier eine Bildhauerwerkstatt befunden haben musste. In einer ehemaligen Abfallgrube stieß man auf eine zerbrochene Pferdescheuklappe aus Elfenbein und entzifferte darauf den eingeritzten Namen des Künstlers: Thutmosis. Er gilt als Schöpfer der Nofretete.

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Kulturpolitik: Bettensteuer für die freie Szene?

Freie Kulturszene in Berlin:
Nachtleben vor den Sophiensälen
Die Idee ist uralt: Schon seit 1507 verlangt Baden-Baden von seinen Gästen eine Kurtaxe. Überall auf der Welt werden Touristen zur Kasse gebeten, um besonderen Service wie saubere Strandtoiletten, sichere Wanderwege oder Kurkonzerte zu finanzieren. Bald soll auch in Berlin eine "City-Tax" eingeführt werden. In der STUTTGARTER ZEITUNG gibt Michael Bienert heute einen Überblick über die Diskussion in Berlin und die Schwierigkeiten mit einer Kulturförderabgabe in anderen Städten.

Montag, 3. Dezember 2012

Mädchenhandel, damals

Das Foto zeigt Paula Waisman, fotografiert 1925 von der Polizei in Danzig. Kurz nach ihrer Hochzeit in Warschau brannte sie mit einem älteren Geschäftsmann durch, nicht ahnend, dass ihr Liebhaber ein Menschenhändler war. Er hatte bereits einen gefälschten Pass für die junge Frau besorgt und ein Visum nach Mexiko eintragen lassen, als die Polizei ihn schnappte. Im Centrum Judaicum erzählt eine exzellent inszenierte Ausstellung die Geschichte jüdischer Frauen, die im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in die Prostitution getrieben wurden und weitab von ihrer Heimat als Sexsklavinnen arbeiten mussten. Oft führte ihr Weg von Osteuropa nach Amerika, wo schon im 19. Jahrhundert eine große Nachfrage nach Frauen für die weißen Siedler im Wilden Westen bestand. Der Ausstellungstitel "Der gelbe Schein" bezieht sich auf ein Ausweispapier von Prostituierten im zaristischen Russland, gegen das auch jüdische Frauen ihre Personalpapiere eintauschten, die nicht in diesem Beruf arbeiteten: Für sie war es fast der einzige Weg, die für Juden reservierten Ghettos und Ansiedlungsrayons zu verlassen und in Städten wie Moskau oder St. Petersburg ihr Glück zu versuchen. Weitere Informationen zur Ausstellung

Blick in die Ausstellung Der gelbe Schein