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Montag, 19. November 2012

Im Theater (42): Armin Petras inszeniert "Bahnwärter Thiel" am Maxim-Gorki-Theater


Mit minimalem Aufwand feierte die Hauptstadt in den letzten Tagen den 150. Geburtstag Gerhart Hauptmanns. Das Deutsche Theater holte Michael Thalheimers karge Inszenierung der „Ratten“ von 2007 aus der Versenkung, drapierte einige Lesungen und eine Stummfilmaufführung drumherum und nannte das „Gerhart-Hauptmann-Tage“. An die Neuinszenierung eines Hauptmann-Dramas wagte sich kein Theater. Die Staatsbibliothek stellte am Geburtstag einige Vitrinen mit Handschriften und Fotos in einen kaum auffindbaren Winkel ihres Foyers. Der Biograf Peter Sprengel hielt einen Festvortrag, denn übergehen konnte man den Termin nicht, immerhin werden in der Staatsbibliothek derzeit 80.000 erhaltene Nachlassbriefe von und an Hauptmann mit Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft erschlossen und digitalisiert. Zumindest für die Forschung führt auch künftig an diesem Massiv der Literatur- und Theatergeschichte kein Weg vorbei.
Das von Armin Petras geleitete Maxim-Gorki-Theater reagierte auf das Jubiläum in vertrauter Manier: Nicht mit der Inszenierung eines Dramas, sondern - wieder mal - mit der Verarbeitung eines Prosatextes. Die frühe Novelle „Bahnwärter Thiel“ erzählt vom Wahnsinnigwerden eines Durchschnittsmenschen in den märkischen Kiefernwäldern um die Millionenstadt Berlin, die Funken sprühende Lokomotiven durch die Einöde donnern lässt. In den flammenden Naturschilderungen und Traumdelirien der Novelle von 1887 kündigt sich bereits der Expressionismus an. Ein verkapptes Bühnenstück ist dieser Text indes nicht. Regisseur Armin Petras, der unter dem Pseudonym Fritz Kater Dramen schreibt, hatte auch keine Stückfassung in Sinn. Der gekürzte Hauptmann-Originaltext liefert ein Gerüst für ein fantasievolles Schau-Spiel mit zwei Schauspielern, einer Tänzerin, drei Schattenspielern, Videoprojektor, Plattenspieler nebst weiteren Theaterrequisiten.
Für diesen Zugriff hat die Dramaturgie einen Freibrief ausgegraben, den sie stolz im Programmheft präsentiert, es handelt sich um Anfangssätze einer Rundfunkrede Hauptmanns von 1930: „Die Bühne ist an sich eine Plattform, weiter nichts, auf der alles geschehen kann. Schaustellungen aller Art haben Recht auf diese Bühne.“ Zur Bekräftigung dieser These beginnt die Aufführung mit einem heiteren Schattenspiel. Neben der Bühne arrangiert die Tänzerin Diane Gemsch aus frischen Blättern und Ästchen auf einem Leuchttisch ein Bild, das stark vergrößert auf einen Transparentvorhang projiziert wird. Dahinter agieren zwei Schauspieler lebensgroß pantomimisch: Die erste Hochzeit des Bahnwärters und der Tod der Frau bei der Geburt des Kindes Tobias sind so in wenigen Sekunden anmutig erzählt.

Mit Eisenbahnermütze tritt der Schauspieler Peter Kurth vor die Projektionswand und spricht den Anfang der Novelle. Die Figur des Bahnwärters scheint ihm auf den Leib geschrieben, der massig und kraftvoll in der Uniform steckt. Seine zweite Frau Lene, heißt es in der Novelle, sei eine ehemalige Kuhmagd von einschüchternder Körperlichkeit, beseelt von Herrschsucht und „brutaler Leidenschaftlichkeit“. Diese weibliche Urgewalt verkörpern auf der Bühne zwei eher schlanke zwillingsähnliche Blondinen, die Thiel gemeinsam unterjochen (Diane Gemsch und Regine Zimmermann). Tänzerisch ziehen sie die Schlinge der sexuellen Abhängigkeit immer enger um den Bahnwärter (in Choreografien von Berit Jentsch), bis hin zu alptraumhaften Szenen, in denen er mit theaterblutverschmierten Frauenkörpern ringt.

Thiels Sohn Tobias wird von der bösen Stiefmutter misshandelt. Der Kleine bleibt unsichtbar, ist nur in den Vogelstimmen anwesend, die Thiel ihm vorpfeift und im Tonbandecho auf dessen Frage, was der Junge mal werden wolle: „Ein Bahnmeister!“ Eine Lokomotive zermalmt das Kind während eines Familienausflugs auf dem von Thiel bewachten Streckenabschnitt. Lange vorher schon jagen fratzenhafte Schemen über den Projektionsvorhang auf der Bühne, ehe dieser sich hebt und das unheimliche Schattenspiel aus Menschen und Puppen räumliche Tiefe gewinnt: In der Seele des einfachen Bahnwärters herrscht brodelndes Chaos.

Das ist der visuelle Höhepunkt des Abends, was danach noch an Katastrophen kommt, wirkt unterspielt.  Auf wacklige Videos von einer S-Bahn-Fahrt ins Umland folgen Musiknummern („Ich wünschte Liebe ohne Leiden“, singt Regine Zimmermann) und das Ins-Publikum-Erzählen der finalen Katastrophe: „Lene lag in ihrem Blut, das Gesicht unkenntlich, mit zerschlagener Hirnschale“. Der Holzrahmen auf der Bühne (von Olaf Altmann), in dem Thiel regungslos verharrt, neigt sich hochbedeutsam zur Seite - aber hat die Figur ihr Gleichgewicht nicht sehr viel früher verloren? Geschickt arrangiert, passen die Szenen zuletzt doch nicht wirklich zusammen.

Gewiss, das freie Spiel mit der literarischen Vorlage produziert erheblichen theatralischen Schauwert. Und jeder Deutschlehrer, der mit seinen Schülern die Novelle durchnimmt, wird froh sein über dieses kurzweilige Zusatzangebot. Eine wirklich zwingende Lesart oder Neuerzählung mit den Mitteln des Theaters aber will sich an diesem Abend nicht einstellen.


Erstdruck: Stuttgarter Zeitung vom 19. November 2012

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