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Montag, 25. April 2016

75 literarische Schauplätze in Stuttgart, kurz vorgestellt

Zu den 23 Städten, die ihm heilig seien, zählte Honoré de Balzac überraschenderweise Stuttgart, genauer das mittlerweile eingemeindete Cannstadt, wo er im ehemaligen Hotel "Hermann" in der Badstraße 35 abstieg. Robert Musil hingegen fand Stuttgart "fremd und unfreundlich", schon weil er sich dort 1902/03 als Praktikant in einer Materialprüfungsanstalt tödlich langweilte und lieber Philosophie studiert hätte. Kurt Schwitters machte sich 1927 Gedanken über die moderne Architektur der Versuchssiedlung auf dem Weißenhof: "Große, edle Gestalten schreiten durch die Türen voll neuen Geistes. Hoffentlich wenigstens. Es kann vorkommen, daß nachher die Einwohner nichts so reif und frei sind wie ihre eigenen Türen. Aber hoffen wir, dass das Haus sie adelt." Es gibt in Stuttgart eben nicht nur die Orte Schillers, Hegels und Mörikes zu entdecken, in ihrem Buch Erzählte Stadt. Stuttgarts literarische Orte schlägt Irene Ferchl einen Bogen bis zu Schauplätzen lebender Autoren wie Hanns-Josef Ortheil, Friedrich Christian Delius und Wolfgang Schorlau. 75 kurze Miniaturen machen richtig Lust auf literarische Expeditionen in die Schwabenmetropole, dabei schöpft die Autorin aus dem Vollen: Wohl niemand kennt das literarische Leben in Stuttgart und Umgebung besser als die Gründerin und - seit 1993 - Chefredakteurin des literaturblatts für Baden-Württemberg.

Irene Ferchl
Erzählte Stadt
Stuttgarts literarische Orte 
Silberburg Verlag, Stuttgart 2015
136 Seiten, gebunden, 84 Abbildungen
ISBN 978-3-8425-1382-2

Freitag, 22. April 2016

Brechts Filmerbe wird digitalisiert

Brechts Autobegeisterung ist auch in einem Film
überliefert, der jetzt digitalisiert wird.
Copyright: Brecht-Erben
Die Akademie der Künste hat mit der Sicherung und Digitalisierung des filmischen Bestands des Bertolt-Brecht-Archivs begonnen. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek und gefördert durch die LOTTO-Stiftung Berlin und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien wird in den nächsten zwei Jahren der in seiner Zusammensetzung einzigartige, gegenwärtig jedoch akut bedrohte Filmbestand gesichert und anschließend für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die kulturhistorisch bedeutsame Sammlung des Bertolt-Brecht-Archivs der Akademie umfasst 44 Titel auf rund 70.000 Meter Filmmaterial. Sie geht maßgeblich auf den Nachlass Brechts zurück und wurde nach seinem Tode von Helene Weigel um weitere Arbeiten ergänzt. Die Filme sind zwischen den späten 1920er und den 1970er Jahren entstanden. Unter ihnen befinden sich seltene und unikale, teilweise bisher unveröffentlichte Zeugnisse der Arbeit Brechts.

Dienstag, 19. April 2016

Bilder aus der Kunstsammlung von Rudolf Mosse werden in Berlin versteigert

Die Sammlung des großen Berliner Zeitungsverlegers Rudolf Mosse war 1934 die erste, die von den Nationalsozialisten zwangsversteigert wurde. Nach langwierigen Verhandlungen wurden jetzt drei Hauptwerke der Sammlung aus deutschen und Schweizer Museen an die Erben von Rudolf Mosse restituiert. Am 1. Juni 2016 werden sie im Berliner Auktionshaus Grisebach versteigert. Es handelt sich um drei bedeutende Werke der Kunst des 19. Jahrhunderts: Adolph Menzels Pastell „Emilie in roter Bluse“ (Bildlinke, Schätzpreis 300.000 - 400.000 EUR), Wilhelm Leibls „Bildnis des appellationsrates Stingelin“ (120.000 - 150.000 EUR) und Ludwig von Hofmanns „Frühlingssturm“(200.000 - 300.000), eines der wichtigsten Bilder des deutschen Jugendstils. Anlässlich der Restitutionsverhandlungen haben wir im Auftrag der Stiftung Preußischer Kulturbesitz kürzlich einen Aufsatz über Rudolf Mosse und die Geschichte seiner Sammlung veröffentlicht:
Michael Bienert / Elke Linda Buchholz: "...so frei von aller loyalen Begrenzung." Reklamegeschäft und Sammellust: Der Verleger Rudolf Mosse. In: Hermann Parzinger (Hg.): Jahrbuch Preußischer Kulturbesitz 2014, Berlin 2015, S. 152-173.
Der Aufsatz steht in der Mediathek der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zum Download bereit.

Sonntag, 17. April 2016

Wo Döblin starb - ein Besuch in Emmendingen

"Als Anstaltsarzt habe ich meine Laufbahn begonnen, so kann ich sie auch abschließen. Ich wähle Emmendingen", schrieb der schwerkranke Alfred Döblin 1957 kurz vor seinem Tod. Das Sterbehaus auf dem Gelände des heutigen Zentrums für Psychiatrie steht nicht mehr, es dürfte ähnlich ausgesehen haben wie das Haus, das auf dem Foto (links) vom Gedenkstein für Döblin im Hintergrund zu sehen ist.
Das ruhige Anstaltsgelände ist öffentlich zugänglich. Die Gelegenheit zum Besuch von Döblins Sterbeort ergab sich in der vergangenen Woche anlässlich einiger Lesungen und Vorträge in und um Freiburg.
Döblin war und bleibt einer der wichtigsten Protagonisten des literarischen Berlin, er gehört zu den Schlüsselfiguren meiner Arbeit als Berlinologe, Autor und Stadtführer.
Zum Roman "Berlin Alexanderplatz" leite ich seit 25 Jahren Stadtführungen und habe im Laufe der Jahre immer mal wieder etwas zu dem Thema publiziert - einen Artikel aus dem TAGESSPIEGEL können Sie hier nachlesen.

Donnerstag, 7. April 2016

Deutsch-jüdische Intellektuelle in Berlin um 1800: Eine Konferenz im Jüdischen Museum und ein kritischer Debattenbeitrag in der WELT

Avi Lifschitz (links) und Conrad Wiedemann (rechts)
haben die Konferenz im Jüdischen Museum geplant.
Seit gestern widmet sich eine internationale Konferenz im Jüdischen Museum Berlin den "Freundschaften, Partnerschaften und Feindschaften" von deutschen und jüdischen Intellektuellen in Berlin um 1800. Was geschah in Berlin zwischen der Einladung Lessings an Moses Mendelssohn im Sommer 1755, gleichberechtigt an aufgeklärten Gesprächen in einem Gartenhaus an der Spandauer Straße teilzunehmen, und der rechtlichen Gleichstellung der Juden im Jahr 1812? Es gibt zur jüdischen Aufklärungsbewegung, der Haskala, inzwischen eine ausufernde Spezialliteratur, aber - so der Initiator der Konferenz Conrad Wiedemann - keine Gesamtschau der jüdischen Emanzipation als Teil des umstürzenden Mentalitätswandels in der Gesellschaft um 1800. Unklar ist die Rolle der christlichen Mitstreiter, die Juden bei ihrem Ausbruch aus dem rabbinischen Absonderungsgebot unterstützten. Und wie konnte die jüdische Emanzipationsbewegung derart erfolgreich sein, trotz der antisemitische Einstellungen eines großen Teils des gelehrten Berlin?

Mittwoch, 30. März 2016

Zeige Deine Wunde - Zeitgenössische Kunst in Berliner Kirchen

Von Elke Linda Buchholz -Die geschnitzte Marienfigur aus dem 16. Jahrhundert in der winzigen Kirche St. Thomas von Aquin war in der Karwoche unter einer Stoffhaube verschwunden, auch das moderne Elfenbeinkreuz neben dem Altar verhüllt. Uralter katholischer Brauch oder aktuelle künstlerische Intervention? Im Rahmen der Ausstellungsreihe „Sein.Antlitz.Körper“ überblenden sich spirituelle und säkulare Vorgänge. Elf Kirchen beteiligen sich übers Jahr an dem Reigen, den Kurator Alexander Ochs mit diversen Kooperationspartnern organisiert hat. In St. Thomas von Aquin war es Jesuitenpater Georg Maria Roers, der auch die Künstlerseelsorge dort betreut. Zur Eröffnung zitiert er den Propheten Jesaja: „Seht her, nun mache ich etwas Neues: Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht?“ Weiterlesen im TAGESSPIEGEL

Samstag, 19. März 2016

Bruno Tauts Kiosk auf der Leipziger Buchmesse

Als Stadtbaurat in Magdeburg brachte der Architekt Bruno Taut 1921/22 reichlich Farbe ins Stadtbild. Am Bahnhofsvorplatz und elf weiteren Orten ließ er knallbunte Bücher- und Zeitungsverkaufspavillons aufstellen, die in der NS-Zeit spurlos verschwanden. Nach Originalplänen Tauts entstand 2015 ein Nachbau eines Pavillons, der auch auf der diesjährigen Leipziger Buchmesse zu sehen ist - als Hingucker und Infokiosk für die pfiffige Tourismuswerbung von Magdeburg.


Mittwoch, 16. März 2016

Weibliche Lichtgestalten: Das Stadtmuseum feiert Berlin als "Stadt der Frauen"

Vor 150 Jahren wurde der Lette-Verein in Berlin gegründet, um die Berufsausbildung von Frauen zu fördern. Seither haben die Frauen immer neue Männerdomänen erobert, von einer Gleichstellung bei Aufstiegschancen und Bezahlung kann allerdings immer noch nicht die Rede sein. Unter reger Beteiligung von SchülerInnen des Lette-Vereins, der seit 1902 in einem repräsentativen Haus des Reformarchitekten Alfred Messel am Viktoria-Luise-Platz residiert, stellt das Stadtmuseum Berlin ab heute 20 Biografien von außergewöhnlicher Berlinerinnen vor, darunter die erste weibliche Vorsitzende des Lette-Vereins Anna Schepeler-Lette und die Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, die Architektin Emilie Winkelmann, der Filmstar Fritzi Massary, die Fliegerin Elly Beinhorn, Künstlerinnen wie Käthe Kollwitz, Renée Sintenis und Jeanne Mammen. Ein bunte Mischung für eine sehr bunte Ausstellung, die keine frauenpolitische Stoßrichtung verfolgt, sondern einfach die Kreativität und Vielfalt des weiblichen Berlin seit der Mitte des 19. Jahrhunderts feiert. Ausgeblendet bleiben dabei die düsteren Seiten der "Stadt der Frauen", das Leben der zahl- und namenlosen Berlinerinnen, die ein Leben in Abhängigkeit führen mussten, die Dienstmädchen, Prostituierten oder billigen Arbeitskräfte in der Berliner Industrie. So wirken die Ausstellung und Katalog ein wenig oberflächlich und sehr auf den breiten Publikumserfolg berechnet und fördern nicht allzu viel Überraschendes zur Berliner Frauengeschichte zutage. Geben die eigenen Sammlungen des Stadtmuseums zum Thema wirklich so wenig her, wie der neue Direktor Paul Spies behauptet? Oder hat es an einer klaren Fragestellung gefehlt? Unterhaltsam inszeniert ist die Wundertüte im Ephraim-Palais allemal, mit dem neuen Chef weht durch den schwerfälligen Museumsapparat spürbar ein frisches Lüftchen und der kalkulierte Publikumserfolg sei allen Beteiligten ausdrücklich gegönnt. Aber es bleibt noch reichlich zu tun, Frauen den Platz in der Berlin-Geschichtsschreibung einzuräumen, der ihnen als der Hälfte der Bevölkerung eigentlich zusteht.

Weitere Infos und Öffnungszeiten unter www.stadtmuseum.de

Familiendrama mit Sprengstoffgürtel: Larry Tremblays Roman "Der Name meines Bruders"

Ein neunjähriger Junge sprengt sich zwischen Kindern in einem Flüchtlingslager in die Luft. Wie es dazu kommt und wie sein Zwillingsbruder damit weiterlebt, davon erzählt der kanadische Autor Larry Tremblay in 2013 erschienenen, bereits preisgekrönten Buch L´Orangeaie. Von Angela Sanmann sehr gut übersetzt, vom Verlag mit dem Gattungsnamen "Roman" etikettiert und mit dem griffigeren Titel Der Name meines Bruders (statt: Der Orangenhain) versehen, liegt es jetzt auf Deutsch vor. Die Sprache ist von karger Schönheit wie das Leben auf einer Orangenplantage an eine namenlosen Ort des Nahen Ostens, wie die Zwillingsbrüder Amed und Aziz aufwachsen. Eines Tages finden sie "ihre Großeltern in den Trümmern des Hauses. Ein Balken hatte der Großmutter den Schädel zerschmettert. Ihr Großvater lag in seinem Bett, in Stücke gerissen von der Bombe, die über die Gebirgshänge gekommen war."

Kämpfer aus dem Bekanntenkreis der Eltern von Amed und Aziz wählen eines der Kinder für den Märtyrertod als Selbstmordattentäter aus. Aziz leidet unter einer tödlichen Krankheit, heimlich tauscht er den Sprengstoffgürtel mit seinem gesunden Zwillingsbruder, der eigentlich als Opfer ausersehen ist. Als nach dem Attentat der Schwindel auffliegt, weil er das Gespinst von Lügen um sich herum nicht länger erträgt, wird der überlebende Junge aus der Familie ausgestoßen und  zu einer Tante in Kanada geschickt. Das letzte Drittel des Buches erzählt von seinem weiteren Schicksal als Schauspielschüler: Er verweigert sich, als er eine brutale Kriegsszene spielen soll und stürzt damit auch den Autor und Regisseur des Stücks in schwere Zweifel.

Der Autor Larry Tremblay ist vor allem als Dramatiker bekannt und sein kurzer Roman - so er denn diese Gattungsbezeichnung verdient hat - trägt mehr dramatische als epische Züge. Er verzichtet nahezu vollständig auf Ausschmückung und Ausmalung, umso pointierter sind die Dialogpassagen. Geschilderte Situationen und Abläufe erinnern des öfteren an filmische Erzählweisen. Diese Kunstgriffe lassen der Imagination des Lesers sehr viel Raum, ähnlich wie beim Lesen eines Stücks oder eines Drehbuchs. Dem Leser bleibt reichlich Distanz, um das erzählte Grauen näher oder weniger nah an sich heranzulassen, je nachdem, wieviel er sich zumuten will. Das Buch gibt keine allgemeine Antwort darauf, wo der aktuelle Terror seinen Ursprung hat, es macht aber anhand einer gut erfundenen Geschichte durchsichtig, wie Familien dazu gebracht werden können, ihre Kinder im Krieg zu opfern. Und warum Menschen alles hinter sich lassen und unendliche Strapazen auf sich nehmen, nur um dem Alltag des Krieges zu entgehen.

Larry Tremblay
Der Name meines Bruders 
Aus dem Französischen von Angela Sanmann
Verlag C. H. Beck, München 2015
ISBN 978-3-406-68341-1
176Seiten, 17,95 €

Mittwoch, 9. März 2016

Auf Sendung

Im "Tagesthema" des rbb-Kulturradios ging es am Donnerstag, dem 10. 3. 2016, ab 12.10 Uhr um literarische Schauplätze in alten und neuen Berlin-Büchern. Als Gesprächspartner waren Michael Bienert und Claus-Ulrich Bielefeld eingeladen, Hörer konnten sich per Telefon beteiligen. Hier kann man die Sendung hören.