Der Reiseführer Berlin für junge Leute (272 Seiten, 7,50 Euro, deutsch und englisch) erscheint dieser Tage in einer neuen Auflage, wie jedes Jahr hat Michael Bienert seinen Rundumblick über die Berliner Kulturszene aktualisiert; hier können Sie einen Auszug lesen.
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Montag, 13. Mai 2013
Mittwoch, 8. Mai 2013
Im Theater (47): "Jeder stirbt für sich allein" beim Theatertreffen
Also war es doch ganz gut, die Theatertreffen-Eröffnung verpasst und sich Michael Thalheimers Medea-Inszenierung auf 3sat angeschaut zu haben. Ohrenzeugen der Aufführung klagen darüber, der Text sei nicht gut zu verstehen gewesen, einen "Transportschaden" vermutete ein Kritikerkollege: Die Freie Volksbühne ist zwar groß genug für fast alle Inszenierungen, die die Theatertreffen-Jury einlädt, aber sie ist nicht immer die erste Wahl, vor allem für kleinere, leisere und intimere Aufführungen. Vorm Fernseher war jedenfalls jedes der messerscharf gesetzten Worte zu verstehen und ich konnte mir ganz gut vorstellen, wie die Inszenierung im Idealfall live wirkt, vor allem mit der Erinnerung an die "Orestie" mit Constanze Becker im Hinterkopf, die Michael Thalheimer vor ein paar Jahren am Deutschen Theater inszeniert hat (hier können Sie die Kritik nachlesen).
Textverständnisprobleme gibt es bei Herbert Fritschs Murmel Murmel-Revue an der Volksbühne keine. So sehr hat mich die Premiere seinerzeit indes nicht vom Stuhl gerissen, dass ich die Einladung der Theatertreffen-Jury zwingend fand. Auch bei der Luc Perecevals Adaption von Hans Falladas Roman Kleiner Mann - was nun? vom Hamburger Thalia Theater stellt sich nicht das Gefühl ein, nun ganz großes Theater zu sehen. Doch in guter Erinnerung bleibt dieser Abend allemal. Geschichten erzählen braucht Zeit und die viereinhalb Stunden mit zwei Pausen werden einem nicht allzu lang, da das gesamte Ensemble und die ganze Inszenierung sich in den Dienst der Geschichte stellen. Die Schauspieler zitieren aus dem Roman und spielen auf fast leerer Bühne vor einer Art Riesenstadtplan der Bühnenbildnerin Annette Kurz, collagiert aus über tausend Alltagsgegenständen, wie von Bomben aus den Häusern auf die Straßen geschleudert. Thomas Niehaus und Oda Thormeyer spielen das alte Ehepaar Quangel, das im heimlich Verteilen von Postkarten mit Anti-Hitler-Parolen noch einmal zusammen findet, leise und unaufdringlich, ähnlich zurückgenommen wie André Szymanski den unglücklichen Kommissar Escherich, der ihnen auf die Spur kommt und sich das Leben nimmt, nachdem er von SS-Leuten gezwungen worden ist, den eingefangenen Quangel zu misshandeln. Alexander Simon und Daniel Lommatsch setzen als Drückeberger und Gestapo-Spitzel komödiantische Ausrufezeichen. Moralisch degeneriert sind sie alle, das brutal-verlogene Nazisystem zwingt sie dazu, auch die Quangels sind keine Heiligen, aber sie verteidigen wenigstens ihre Menschenwürde und erleben das als spätes Glück. Sie hören auf Mitläufer zu sein - wann der Zeitpunkt dafür gekommen ist, diese existentielle Frage stellt sich nicht nur in Diktaturen.
Zum Weiterlesen: Der Theatertreffen-Blogger Clemens Melzer war unglücklich mit der Aufführung und watschte sie als Biedere Widerstandsromantik ab. So kanns einem gehen, muss aber nicht: Die gespannte Stille im letzten Drittel der gestrigen Aufführung spricht doch sehr dafür, dass die Botschaft beim Publikum ankommt.
Nächste Vorstellung am 12. Juni im Hamburger Thalia Theater
Mehr zum Programm des diesjährigen Theatertreffens von Michael Bienert lesen Sie hier.
Textverständnisprobleme gibt es bei Herbert Fritschs Murmel Murmel-Revue an der Volksbühne keine. So sehr hat mich die Premiere seinerzeit indes nicht vom Stuhl gerissen, dass ich die Einladung der Theatertreffen-Jury zwingend fand. Auch bei der Luc Perecevals Adaption von Hans Falladas Roman Kleiner Mann - was nun? vom Hamburger Thalia Theater stellt sich nicht das Gefühl ein, nun ganz großes Theater zu sehen. Doch in guter Erinnerung bleibt dieser Abend allemal. Geschichten erzählen braucht Zeit und die viereinhalb Stunden mit zwei Pausen werden einem nicht allzu lang, da das gesamte Ensemble und die ganze Inszenierung sich in den Dienst der Geschichte stellen. Die Schauspieler zitieren aus dem Roman und spielen auf fast leerer Bühne vor einer Art Riesenstadtplan der Bühnenbildnerin Annette Kurz, collagiert aus über tausend Alltagsgegenständen, wie von Bomben aus den Häusern auf die Straßen geschleudert. Thomas Niehaus und Oda Thormeyer spielen das alte Ehepaar Quangel, das im heimlich Verteilen von Postkarten mit Anti-Hitler-Parolen noch einmal zusammen findet, leise und unaufdringlich, ähnlich zurückgenommen wie André Szymanski den unglücklichen Kommissar Escherich, der ihnen auf die Spur kommt und sich das Leben nimmt, nachdem er von SS-Leuten gezwungen worden ist, den eingefangenen Quangel zu misshandeln. Alexander Simon und Daniel Lommatsch setzen als Drückeberger und Gestapo-Spitzel komödiantische Ausrufezeichen. Moralisch degeneriert sind sie alle, das brutal-verlogene Nazisystem zwingt sie dazu, auch die Quangels sind keine Heiligen, aber sie verteidigen wenigstens ihre Menschenwürde und erleben das als spätes Glück. Sie hören auf Mitläufer zu sein - wann der Zeitpunkt dafür gekommen ist, diese existentielle Frage stellt sich nicht nur in Diktaturen.
Zum Weiterlesen: Der Theatertreffen-Blogger Clemens Melzer war unglücklich mit der Aufführung und watschte sie als Biedere Widerstandsromantik ab. So kanns einem gehen, muss aber nicht: Die gespannte Stille im letzten Drittel der gestrigen Aufführung spricht doch sehr dafür, dass die Botschaft beim Publikum ankommt.
Nächste Vorstellung am 12. Juni im Hamburger Thalia Theater
Mehr zum Programm des diesjährigen Theatertreffens von Michael Bienert lesen Sie hier.
Donnerstag, 2. Mai 2013
Das Theatertreffen wird Fünfzig
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| Festspiele-Intendant Thomas Oberender und Theatertreffen-Leiterin Yvonne Büdenhölzer stellten das Programm vor. |
Umso fragwürdiger die Entscheidung der Veranstalter, den Stückemarkt in diesem Jahr de facto ausfallen zu lassen. Zuletzt wurde viel investiert, dieses Forum für die zeitgenössische Dramatik aufzuwerten und zu einer Plattform für Nachwuchsautoren aus ganz Europa zu machen. Wurden im vergangenen Jahr noch 325 Dramen und Projektideen aus 31 Ländern zur Prüfung angenommen, hatten die hoffnungsvollen Nachwuchsdramatiker diesmal das Nachsehen. Denn es muss gefeiert werden, was das Zeug hält, auch wenn der Stückemarkt erst 35 Jahre alt wird. Also wurden Stückaufträge an 30 noch lebende Preisträger vergeben, die zusammen mit sogenannten „Archiven“ von fünf Autoren in einer dreitägigen Mammutveranstaltung präsentiert werden sollen. Die Unentdeckten dürfen aufs nächste Jahr hoffen.
Freitag, 26. April 2013
Uruk - Gilgameschs Großstadt im Pergamonmuseum
Von Elke Linda Buchholz - Jahrtausendelang war Uruk nur ein
literarischer Ort. Das auf Keilschrift-Tontafeln überlieferte Gilgamesch-Epos schwärmt
von Größe und Pracht der mesopotamischen Metropole: "Nimm doch die Treppe,
die dort seit ewigen Zeiten! Steig doch hinauf, auf der Mauer von Uruk wandle
umher. Die Fundamente beschaue, und das Ziegelwerk prüfe!" Die Einladung
des mythischen Textes darf man im Berliner Vorderasiatischen Museum jetzt beim
Wort nehmen. Erstmals präsentiert die Ausstellung Uruk. 5000 Jahre Megacity der Öffentlichkeit, was deutsche Archäologen seit hundert Jahren
über die Stadt des legendären Königshelden Gilgamesch herausgefunden haben.
Heute liegt ihr Ruinenfeld auf dem Territorium des Irak.
Zwar ließen Wind und Witterung von der aus Lehmziegeln erbauten Metropole, in der im 4. Jahrtausend vor Christus 40.000 Menschen lebten, nur die Fundamente übrig. Aber das reicht den Forschern, um ein Sozial- und Wirtschaftsgefüge zu rekonstruieren, das verblüffende Ähnlichkeit mit den Organisationsformen einer modernen urbanen Zivilisation hat. In Uruk gab es eine hochentwickelte Verwaltung, Arbeitsteilung, Massenproduktion, repräsentative Regierungsbauten und religiöse Zentren.
Zwar ließen Wind und Witterung von der aus Lehmziegeln erbauten Metropole, in der im 4. Jahrtausend vor Christus 40.000 Menschen lebten, nur die Fundamente übrig. Aber das reicht den Forschern, um ein Sozial- und Wirtschaftsgefüge zu rekonstruieren, das verblüffende Ähnlichkeit mit den Organisationsformen einer modernen urbanen Zivilisation hat. In Uruk gab es eine hochentwickelte Verwaltung, Arbeitsteilung, Massenproduktion, repräsentative Regierungsbauten und religiöse Zentren.
Donnerstag, 25. April 2013
Potsdamer Platz auf Radio Eins
Im rbb-Studio Babelsberg hat Michael Bienert heute ein Interview zu seinem neuen Buch gegeben. Sie können es hier nachhören.
Michael Bienert
Potsdamer Platz - Am Puls von Berlin
106 Seiten, 140 Abbildungen
In deutsch, englisch, französisch, italienisch, spanisch, niederländisch
Berlin Story Verlag
16,80 EUR
Potsdamer Platz - Am Puls von Berlin
106 Seiten, 140 Abbildungen
In deutsch, englisch, französisch, italienisch, spanisch, niederländisch
Berlin Story Verlag
16,80 EUR
Freitag, 19. April 2013
Im Theater (46): Robert Wilson inszeniert "Peter Pan" am Berliner Ensemble
Von Michael Bienert - Lieber tot als erwachsen! Das ist das Lebensmotto von Peter Pan, dem ewigen Kind. Von der Mutter enttäuscht, flüchtet er in eine Traumwelt, bevölkert von wilden Jungs, Indianern, Piraten und Nixen. Sein Neverland, erfunden von dem kleinwüchsigen Schriftsteller James Matthew Barnie vor gut hundert Jahren, ist in der angelsächsischen Welt zu einem Mythos der Popkultur geworden. Vielfach verfilmt von Walt Disney bis Steven Spielberg, besungen von Kate Bush bis zum Deutschrapper Fard, gipfelte die Peter-Pan-Verehrung in der Selbststilisierung des „King of Pop“ Michael Jackson. Durch Schönheitsoperationen wollte er jung bleiben und auf seiner Ranch „Neverland“ am liebsten mit kleinen Jungs spielen – bis zum traurigen Ende.Donnerstag, 18. April 2013
Soeben erschienen: Potsdamer Platz - Am Puls von Berlin
Heute kam es aus der Druckerei: Unser Buch über den Potsdamer Platz enthält Texte in sechs Sprachen, so wünschte es der Berlin Story Verlag. Wir haben die Konsequenz daraus gezogen und ein Buch verfasst, in dem die Geschichte hauptsächlich durch die Bilder erzählt wird, also in einer Sprache, die keiner Übersetzung bedarf. Beim Potsdamer Platz geht das, es gibt kaum einen Ort in Berlin, der seit Mitte des 19. Jahrhunderts so oft und lückenlos fotografiert worden ist. Viele Fotos werden hier erstmals veröffentlicht.
Zur Verlagsankündigung
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Mittwoch, 17. April 2013
Mit der Kamera durchs Nachkriegsberlin
Überall stehen noch Ruinen herum, als der Fotografiestudent Ernst Hahn 1950 und 1951 die Stadt Berlin mit seiner Rolleiflex durchstreift. Der Tiergarten ist fast baumlos, er fotografiert die Reste des Hotels Adlon und der Akademie der Künste am Pariser Platz, die versehrte Kuppel des Stadtschlosses vor der Sprengung. Dazwischen Verkaufsbuden, Menschen und Propaganda: "Deutsche Jungen und Mädel, die Hauptstadt Deutschlands erwartet euch!" steht in großen weißen Buchstaben auf dem Brandenburger Tor. Berlin aus der Fußgängerperspektive: Am Kurfürstendamm hält sich der junge Mann unauffällig die Kamera vor den Bauch, um die Passanten zu fotografieren. Die Schwarzweißbilder von Ernst Hahn ziehen den Betrachter unwiderstehlich in dieses fremde, verschollene Berlin hinein. Jahrzehntelang lagerten die Negative vergessen von ihrem Schöpfer in einer Blechdose, jetzt haben Evelyn Weissberg und Hermann Ebling in ihrem Verlag Friedenauer Brücke ein wunderschönes, sorgfältig komponiertes und kommentiertes Berlinbilderbuch aus dem Überraschungsfund gemacht. Die Bilder sprechen für sich, die Texte erlauben eine zweite Lektüre der Fotos mit profundem Hintergrundwissen über die Zeitumstände und Verortung der Bildmotive. Ein tolles Berlinbuch, besser hätte man diesen Schatz gar nicht präsentieren können.
Ernst Hahn: Berlin um 1950, Hardcover, 216 S., 280 Abb., Edition Friedenauer Brücke, 39 Euro. Direkt zu bestellen beim Verlag Friedenauer Brücke.
Ernst Hahn: Berlin um 1950, Hardcover, 216 S., 280 Abb., Edition Friedenauer Brücke, 39 Euro. Direkt zu bestellen beim Verlag Friedenauer Brücke.
Freitag, 5. April 2013
Die Jagiellonen in Potsdam
"Hier geht es nicht um abgelegene provinzielle Regionen, sondern um eine Hochkultur, die international auf der Höhe ihrer Zeit war. Das Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte hat sich in eine Schatzkammer der Spätgotik und Frührenaissance verwandelt, um eine hierzulande fast unbekannte Fürstendynastie vorzustellen. Die Jagiellonen waren um 1500 das mächtigste Königshaus in Mitteleuropa und herrschten vom Ostseestrand bis zum Schwarzen Meer. Und als kluge Machtstrategen wussten sie: Nur wer die besten Künstler für sich arbeiten lässt, sichert sich bei den Zeitgenossen Ansehen und einen dauerhaften Platz im Gedächtnis der Nachwelt", schreibt Elke Linda Buchholz im TAGESSPIEGEL über die hochkarätige Jagiellonen-Ausstellung in Potsdam. Lesen Sie den gesamten Bericht hier.
Dienstag, 26. März 2013
Internationaler Denkmalschutzpreis fürs "Taute Heim"
Der von der Europäischen Union
vergebene "European Union Prize for Cultural Heritage/Europa Nostra
Award" ist der mit Abstand wichtigste Preis für die Bewahrung und
Förderung von Bau- und Kulturdenkmälern in Europa. Ganze Altstädte,
Kathedralen, Schlösser und Museen werden hier in der Regel geehrt. Das
Verfahren ist aufwändig und glamourös. Die feierliche Preisverleihung erfolgt
am 16. Juni am Fuße der Akropolis in
Athen durch Placido Domingo, den Präsidenten der Organisation. Einer der diesjährigen Preise
geht an ein verhältnismäßig kleines, dafür aber besonders engagiertes Projekt
aus Berlin: Das von den privaten Bauherren, Landschaftsarchitektin Katrin
Lesser und Grafik-Designer Ben Buschfeld, ins Leben gerufene Ferienhaus
Tautes Heim in Neukölln-Britz. Hier können Besucher den Geist und
die kulturelle Aufbruchstimmung der Zwanziger Jahre nicht nur hautnah erleben,
sondern sogar selbst bewohnen. Das farbenfroh restaurierte Haus ist Teil der Hufeisensiedlung, eines Denkmalensembles, das 2008 zum UNESCO-Welterbe ernannt
wurde und weltweit als herausragendes Beispiel des modernen städtischen
Wohnungsbaus gilt. Mit der Auszeichnung in der
Kategorie Konservation tritt das mit viel Liebe zum Detail im Stile der 1930er
Jahre möblierte, bescheidene 65qm messende Reihen-Endhaus in wahrhaft große
Fußstapfen: Die beiden letzten Berliner Preisträger waren die Villa des Malers
Max Liebermann im noblen Stadtteil Wannsee (2008) und das vom britischen
Star-Architekten David Chipperfield umgebaute "Neue Museum" auf der
Museumsinsel (2010). Lesen Sie hier den Bericht von Elke Linda Buchholz, die im Tauten Heim zur Probe gewohnt und für den Tagesspiegel darüber berichtet hat.
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