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Freitag, 20. Mai 2011

Im Theater (22): Triumph der Migrantenkinder

Seit 12 Jahren beobachtet Michael Bienert für die STUTTGARTER ZEITUNG das Theatertreffen, in diesem Jahr haben ihn vor allem die eingeladenen Produktionen aus dem Off-Theater und der sogenannten Theaterprovinz interessiert. Heute ist seine zusammenfassende Kritik erschienen, nachzulesen hier.

Mittwoch, 18. Mai 2011

Kurfürstendamm-Jubiläum

Die Vitrinenausstellung mit historischen Informationen auf dem Kurfürstendamm zum 125. Geburtstag der Konsummeile ist eine feine Sache, herzlichen Glückwunsch. Wer noch mehr über die Glanzzeiten des Boulevards lesen möchte, kann das in etlichen unserer Bücher tun. In Die Zwanziger Jahre in Berlin gibt es ein ganzes Kapitel mit Besichtigungsvorschlägen samt kulturhistorischer Karte nur zum Kurfürstendamm. Neulich rief ein Journalist der Nachrichtenagentur Reuters an, der um eine kritische Einschätzung der Jubiläumsfeierlichkeiten bat. Seinen Artikel schickten heute Freunde aus Amerika, die ihn in der Chicago Tribune lasen - inzwischen haben wir auch eine Veröffentlichung in Neuseeland und eine slowakische Übersetzung gefunden - so geht das zu im globalen Dorf.

Donnerstag, 12. Mai 2011

Im Theater (21): Kleinbürger

Kleinbürger mag sich niemand gerne nennen. Umso heftiger drängt alles in die sogenannte Mitte der Gesellschaft. Genau dort aber hat die marxistische Theorie einst die Kleinbürger lokalisiert: Sie zählten weder klar zu den Ausbeutern noch zu den Ausgebeuteten, sondern bildeten die schwankende Masse dazwischen. Nicht revolutionär, auch nicht reaktionär, aber von beidem ein bisschen. In Deutschland entspricht das exakt der Positionierung jener Parteien, die Mehrheiten erringen und das Führungspersonal stellen. So gesehen ist die heutige Bundesrepublik unzweifelhaft eine Kleinbürgerrepublik.
Mit ironischer Distanz skizziert Gorki in seinem ersten Stück Kleinbürger die Mentalität der gehobenen Mittelklasse im vorrevolutionären Russland. Es ist als Familiendrama angelegt, denn vor allem im Kreise seiner Lieben sucht der Kleinbürger sein Heil. Die Zumutungen der Welt mögen bitte draußen bleiben. Doch kann die Einkapselung des Familienfriedens auf Dauer nicht funktionieren. Die kleinste Zelle des gesellschaftlichen Gefüges, die Familie, mutiert bei Gorki zum Spiegelbild des maroden Staates. Die Alten haben darin zwar noch die Macht, aber keine Autorität mehr. Die Jungen fühlen sich eingesperrt und unverstanden, mit wachsender Aggressivität stellen sie die Ordnung in Frage, in der sie aufgewachsen sind. Weiterlesen

Mittwoch, 11. Mai 2011

Das Meer am Wannsee

Die Badesaison war zu Ende. Am 19. September 1913 checkte Max Liebermann im mondänen Strandhotel Huis ter Duin in Noordwijk aus und bestieg die Tram nach Leiden, um nach Berlin zurückzureisen. Wie jedes Jahr hatte der Maler die Sommerfrische an der Nordseeküste verbracht. Doch es sollte sein letzter Hollandaufenthalt sein. Seeluft schnupperte der über 60-jährige Maler nach Beginn des Ersten Weltkrieges nur noch in seiner Wannsee-Villa, wo er direkt von seiner Terrasse aus die Segler auf dem Wasser beobachten konnte. Wer dort jetzt aus den Ausstellungsräumen blickt, sieht immer noch das Licht auf den Wellen blinken – genau wie auf den über 40 Gemälden, Pastellen und Skizzenblättern der Ausstellung „Max Liebermann am Meer“. Mit prächtigen Leihgaben aus Köln, Leipzig, Hamburg und Wien hat der Leiter der Liebermann-Villa, Martin Faass, die bislang größte Schau des vor fünf Jahren eröffneten Hauses eingerichtet. Lesen Sie den Bericht von Elke Linda Buchholz weiter auf tagesspiegel.de

Samstag, 7. Mai 2011

Im Theater (20): Schwerer Start

Draußen vor dem Haus der Festspiele blühten wie jedes Jahr die Kastanien, in den Bäumen baumelten Lampions, das milde Frühlingswetter lud zum Schaukeln in den bereitstehenden Hollywoodschaukeln ein; drinnen fiel dem Intendanten Joachim Sartorius nicht viel mehr ein als die alljährliche Belobigung der Kastanienblüte, der eingeladenen Staatsminister für Kultur beschränkte seine Eröffnungsansprache auf die Belobigung von Joachim Sartorius, des Theatertreffens und der deutschen Theaterlandschaft, dann öffnete sich der Vorhang zu einem schweren Stück Arbeit für Schauspieler und Zuschauer. Ein unbekömmlicher Brocken war Karin Beiers fast dreieinhalbstündige Eröffnungsinszenierung mit Texten Elfriede Jelineks über den Staudammbau in Österreich und das Kölner Loch, in dem das Stadtarchiv versank. Engagiert, ambitioniert, kulturkritisch, politisch - so sehr, dass der Sitznachbar schimpfte, die Regisseurin sei eine "Sadistin". Ja, solches Überforderungs-Theater muss es geben, uns hat es allerdings so gerädert, dass hinterher das Schlafbedürfnis größer war als die Lust auf die frühsommernächtliche Eröffnungsparty...

Mittwoch, 4. Mai 2011

Vor dem Theatertreffen

In Oberhausen und Schwerin konnte sich Herbert Fritsch, bekannt als nimmermüder Schauspielerirrwisch von der Volksbühne, als spät berufener Regisseur richtig austoben. Nun wurde er gleich mit zwei Volldampf-Inszenierungen von Ibsens „Nora“ und Hauptmanns „Biberpelz“ zum Theatertreffen eingeladen. „In der sogenannten Provinz sind wunderbare Leute unterwegs“, stellte Fritsch auf der gestrigen Vorab-Pressekonferenz klar, bei der er einen temperamentvollen Auftritt hinlegte (Foto) und auf die pseudonaturalistische Sosse schimpfte, die das Fernsehen täglich über uns ausgießt. Schon seit Jahren experimentiert er mit Video und Internet, nun hat er die Chance genutzt, seinen schrillen „Biberpelz“ schön künstlich fürs Fernsehen zu adaptieren – zu besichtigen am 14. Mai auf 3sat. Das Theatertreffen beginnt am Freitag mit Karin Beiers Kölner Inszenierung von „Das Werk/Im Bus/Ein Sturz“ mit Texten von Elfriede Jelinek (tags darauf auch 3sat zu sehen), bis dahin soll das Festspielhaus an der Schaperstraße, das sich gestern noch als Baustelle (siehe unten) präsentierte, für das Publikum gefahrlos begehbar sein. Michael Bienert ist wieder als Theaterkritiker für die STUTTGARTER ZEITUNG dabei. Hier geht es zum aktuellen Blog des Theatertreffens.

Samstag, 30. April 2011

Ein Garten aus Worten

Seit gestern ist der Christliche Garten innerhalb der Gärten der Welt in Marzahn für die Öffentlichkeit zugänglich; wir konnten ihn schon vor der Eröffnung betreten (Foto) und durften im Februar eine Ausstellung über das spannende Projekt in Stuttgart eröffnen. Mehr über die Idee, die Entstehungsgeschichte und die zu einem goldglänzenden Wandelgang geformten Texte des Gartens lesen Sie hier.

Donnerstag, 28. April 2011

Ai Weiwei und die Kunst der Aufklärung - eine Diskussion

Ai Weiwei bleibt verschwunden. Seit der Verhaftung des chinesischen Künstlers auf dem Pekinger Flughafen am 3. April gibt es kein Lebenszeichen von ihm, keinen Hinweis auf seinen Aufenthaltsort, keine Auskunft für die Angehörigen. Auch nach chinesischem Recht ist das ungesetzlich. Die chinesische Regierung demonstriert, dass die Künstler im Land nicht auf Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung von Menschenrechten hoffen können, wenn sie diese hörbar einklagen.
Weil das Ai Weiwei im In- und Ausland wiederholt getan hat, musste er im September 2009 in München bereits notoperiert werden. Der Schlag eines Polizisten auf den Kopf des Künstlers hatte eine Hirnblutung ausgelöst. Statt danach Ruhe zu geben, hat Ai Weiwei die Computertomografien der Kopfverletzung zum Kunstwerk erklärt und veröffentlicht (die Abbildung zeigt das Cover der Zeitschrift lettre, Nr. 87, März 2010).
Ähnlich auf den Kopf geschlagen fühlen sich deutsche Kulturpolitiker, Kulturvermittler und Museumsleute durch Ais Verschwindenlassen sofort nach der pompösen Eröffnung der deutschen Großausstellung „Die Kunst der Aufklärung” im Pekinger Nationalmuseum. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, spricht von einer „Ohrfeige”. Trotzdem rät er davon ab, die Schau vorzeitig abzubrechen. Man müsse dem gewachsenen Interesse der Chinesen an anderen Kulturen entgegenkommen, auch wenn sich das Regime so verhalte. Darin war sich das hochkarätige Podium einig, das in der Berliner Akademie der Künste über das weitere Vorgehen diskutierte.
Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) forderte die Freilassung des Künstlers, übte aber auch Kritik am devoten Auftreten der Museumsdirektoren aus München, Dresden und Berlin bei der Ausstellungseröffnung in Peking. Dass die vom Auswärtigen Amt mit 6,6 Millionen Euro finanzierte Schau kaum beworben werde, der Eintritt für Chinesen kostspielig und der Katalog unbezahlbar sei, gehe nicht an. Neumann wünscht eine Aktualisierung des Rahmenprogramms und eine bessere Vermittlung der anspruchsvollen Ausstellung. In puncto Diskussionskultur allerdings agierte der Minister alles andere als vorbildlich: Zwar redete er im vorbereiteten Statement nicht um den heißen Brei herum, wich aber dem Podiumsgespräch und damit unkontrollierbaren Nachfragen aus.
Egon Bahr, der während Willy Brandts Kanzlerschaft viele Verhandlungen mit autoritären Regimen im Ostblocks geführt hat, plädierte für Fingerspitzengefühl im weiteren Umgang mit der chinesischen Führung: „Wenn ich ein solches Land in seinem Prestigebedürfnis verletze, kann ich dem Einzelnen schaden, dem ich helfen will.” Der kurz vor der Ausstellungseröffnung von den Chinesen ausgeladene Sinologe Tilman Spengler rät dazu, weiter auf möglichst vielen Ebenen im Gespräch zu bleiben: „China ist in einem Wandlungsprozess, dessen Ausgang wir nicht kennen.” Spengler vermutet, dass die plötzliche Verhaftung Ai Weiweis durch Richtungskämpfe innerhalb des Kulturapparates ausgelöst worden sein könnte.
Auch Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts, will die Laufzeit der Aufklärungsausstellung von einem Jahr für den Dialog nutzen. Ein Modell für künftigen Kulturaustausch sieht er in der Ausstellung nicht. Das Großprojekt sei zu einem Staatsakt geworden, das habe zu viel politische Aufmerksamkeit auf das Vorhaben gezogen und der Idee geschadet, den Chinesen die Grundlagen unserer Kultur näherzubringen. Herausgekommen sei eine Kunstausstellung, die „den Begriff der Aufklärung nicht wirklich vermittelt”. Dieses vernichtende Urteil wollte der mitverantwortliche Münchner Museumsdirektor Klaus Schrenk nicht auf sich sitzen lassen. Er hofft, dass die Schau nach der vollständigen Eröffnung des riesigen Pekinger Nationalmuseums im Juli wesentlich mehr Publikum findet und am Ende doch als kulturpolitischer Erfolg verbucht werden kann.

Mittwoch, 27. April 2011

Digitale Berlin-Bibliothek

Die Zentral- und Landesbibliothek Berlin hat einige hundert Berlin-Bücher aus den Jahren 1710 bis 1861 digitalisiert und auf der Plattform Europeana zum kostenfreien Download bereitgestellt. Es handelt sich um Klassiker wie Friedrich Nicolais Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam (1769), vor allem aber um wenig bekannte und bisher kaum genutzte Berlin-Topografien, Reiseführer und Spezialabhandlungen aus dem 19. Jahrhundert - etwa eine Monografie über das Thaer-Denkmal des Bildhauers Rauch mit einem Text Theodor Fontanes. Eine unerschöpfliche Fundgrube für Berlin-Forscher und Liebhaber, eine Übersicht finden Sie hier.


Dichten für Berlin

Die Literaturwerkstatt Berlin ruft die Berliner dazu auf, an einem großen Berlin-Gedicht mitzuschreiben. Im Zentrum des Gedichtes soll der jeweilige Bezirk selbst stehen, seine Geschichte und seine Eigenarten. Die fertigen Texte werden Ende Juni zu einem großen Poem verbunden,100 Zeilen pro Bezirk, zwölf gleichberechtigte Teile, die ein vielstimmiges Ganzes ergeben werden. Das daraus entstehende Berlin-Gedicht wird zur 20-Jahr-Feier der Literaturwerkstatt Berlin am 17. September 2011 in der Kulturbrauerei vorgetragen und ist zentraler Bestandteil eines Bürgerfestes der Poesie. An der Stadt und an Sprache Interessierte können mitmachen, unabhängig von Alter und Herkunft. Unter der Mentorschaft von erfahrenen Dichtern können sie in einer kostenlosen Schreibwerkstatt einen Text zu dem Bezirk erarbeiten, in dem sie wohnen. Die Schreibwerkstätten finden ab Anfang Mai bis Ende Juni statt, in allen Berliner Bezirken. Die Mentoren der Schreibwerkstätten sind die Dichter Andreas Altmann, Kerstin Hensel, Norbert Hummelt, Orsolya Kalász, Björn Kuhligk, Michael Lentz, Brigitte Oleschinski, Valeri Scherstjanoi, Tom Schulz, Michael Speier, Ulf Stolterfoht und Ron Winkler. Anmeldeschluss ist der 4. Mai. Interessenten melden sich bitte mit Angabe des Bezirkes bei Dr. Matthias Kniep.