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Freitag, 2. Juni 2017

Der Mosse-Almanach 2017 I 20 Jahre Mosse-Lectures

Das Mosse-Haus an der Jerusalemer,
Ecke Schützenstraße.
Anzeige von 1928
Seit 20 Jahren organisiert das Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität die Mosse-Lectures in Erinnerung an die jüdische Verlegerfamilie Mosse, die 1933 aus Berlin vertrieben wurde.  Der Verlagsgründer Rudolf Mosse war einer der großen Pressezaren des Kaiserreichs, mit dem Berliner Tageblatt schenkte er der Reichshauptstadt ein liberales, demokratisches Debattenforum, das nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs treu zur Weimarer Republik stand. Im wiederaufgebauten Verlagshaus, seit dem Umbau durch Erich Mendelssohn eine Ikone moderner Geschäftshausarchitektur, fanden vor 20 Jahren die ersten Lectures statt. Die Vortragsreihen zu kulturwissenschaftlichen und aktuellen gesellschaftlichen Themen sind akademisch fundiert, richten sich aber eine breitere Öffentlichkeit, bieten auch Schriftstellern, Künstlern, Architekten Querdenkern ein Forum. In diesem Semester bildet die "Kritik des Liberalismus" den roten Programmfaden, bei der Festveranstaltung gestern abend würdigte Jost Hermand die liberale, bildungsorientierte und demokratische Gesinnung Rudolf Mosses und seiner Erben.
Zum 20. Geburtstag der von Klaus R. Scherpe mitbegründeten Veranstaltungsreihe ist ein von Elisabeth Wagner herausgegebener Almanach erschienen, der mit vielen historischen Quellen die Aktivitäten der Familie Mosse in Berlin beleuchtet: Ihre Topografie umfasst neben den Verlagsstandorten im Zeitungsviertel auch das fürstliche Mosse-Palais am Leipziger Platz und das philanthropische Mosse-Stift in Schmargendorf, sowie das verfallende Schloss Schenkendorf in Brandenburg. Vorgestellt werden Protagonisten des Berliner Tageblatts wie der Kunstkritiker Fritz Stahl, der Theaterkritiker Alfred Kerr, die Gerichtsreporterin Gabriele Tergit. Albrecht Dümling widmet sich dem Einfluss der Familie Mosse auf das Berliner Musikleben, Jost Hermand aus der Perspektive des Kollegen dem Historiker George L. Mosse, der 1997 mit einem Vortrag die Mosse-Lectures eröffnete - das Manuskript, ein Zeitdokument, ist als Faksimile reproduziert. Lisa Trekel und Johanna Hähner stellen die Mosse-Frauen vor.
Michael Bienert und Elke Linda Buchholz schildern das Schicksal der Kunstsammlung Rudolf Mosses, die 1934 versteigert wurde und erst durch spektakuläre Restitutionsfälle in jüngster Zeit wieder ins Bewusstein der Berliner Öffentlichkeit zurückgekehrt ist.

Elisabeth Wagner [Hg.]
MOSSE ALMANACH 2017
Historisches und Aktuelles aus dem Hause Mosse.
20 Jahre MOSSE-LECTURES
an der Humboldt-Universität zu Berlin.
Verlag Vorwerk 8, Berlin 2017, 272 Seiten, 19 Euro
ISBN 978-3-940384-91-1

Zur Website der Mosse-Lectures

Dienstag, 30. Mai 2017

Im Theater (63): Oliver Reese & Co. stellen ihre Pläne für das Berliner Ensemble vor

Von Michael Bienert - Endlich wieder ein Arbeitsplatz in Berlin! Oliver Reese, in guten Zeiten Chefdramaturg am Maxim-Gorki-Theater und Deutschen Theater (bei Bernd Wilms), zuletzt Intendant am Schauspiel Frankfurt, ist die Erleichterung anzumerken. Aber ziemlich aufgeregt ist er auch, das merkt man, jetzt in der Nachfolge von Helene Weigel, Ruth Berghaus, Heiner Müller und dem unerwähnt bleibenden Claus Peymann das Programm des Berliner Ensembles für die Spielzeit 2017/2018 vorzustellen. Reese gibt den Anti-Peymann: Keine großen Sprüche zur Weltlage, keine scharfen Worte gegen die Presse, kein Politiker-Bashing. Hier sitzt kein ichbezogenes Genie, sondern ein Teamspieler, ist die Botschaft. Zum Leitungsteam zählt er ausdrücklich auch Michael Thalheimer (Chefregisseur), Sibylle Baschung (Dramaturgie), Clara Topic-Matutin (Dramaturgie, Talentscout) und Moritz Rinke (Leiter Autorenprogramm), sie sitzen mit auf der Bühne im Rangfoyer des Theaters. Man kennt sich seit mindestens 12 Jahren und will hier "mit Geduld" etwas Schönes auf die Beine stellen. Auch unter den 28 fest engagierten Schauspielern sind viele Bekannte, alle haben schon an großen Bühnen gespielt, am Deutschen Theater, der Schaubühne, der Volksbühne, dem Burgtheater, wir nennen nur: Constanze Becker, Judith Engel, Ingo Hülsmann, Corinna Kirchhoff, Wolfgang Michael, vom alten Berliner Ensemble Peymanns werden nur Peter Luppa und Veit Schubert übernommen. 17 der 12 Premieren in der kommenden Spielzeit sind lebenden Autoren gewidmet, Frank Castorf inszeniert daneben Les Miserables und Thalheimer Brechts Kaukasischen Kreidekreis. Das weitere ist bitteschön auf der neuen Website des Berliner Ensembles nachzulesen. Interessant ist das von Moritz Rinke geleitete Projekt einer Autorenwerkstatt, bei der die Schreiber vor allem eng mit Schauspielern zusammenarbeiten sollen und auch das Publikum in die Stückentwicklung einbezogen werden könnte. Es ist schon eine tolle Truppe, die Oliver Reese um sich versammelt hat, keine Frage. Dahinter steckt eine gediegene Theaterphilosophie (Autorentheater! Ensembletheater! Gegenwartsstoffe! Erzählung statt Dekonstruktion!), die sich gar nicht so sehr von der des scheidenden Peymann unterscheidet (seine letzte Inszenierung wird sogar übernommen). Anders als das Volksbühnenpublikum nach dem Abgang von Frank Castorf muss das Stammpublikum des Berliner Ensembles keinen totalen Traditionsbruch fürchten.

Mittwoch, 17. Mai 2017

Harry Croners Berlin - Zwei Bildbände aus dem Verlag M

Der Dönhoffplatz 1937
Foto von Harry Croner
Von Michael Bienert - Am 23. März 1935 sprach der erste nationalsozialistische Bürgermeister des Bezirks Mitte, Wilhelm Lach, auf einer öffentlichen Sitzung des Vereins über die geschichtliche Sendung der Berliner Innenstadt. Er erklärte es für unmöglich, dass statt der Straße unter den Linden der Kurfürstendamm - wie in der Weimarer Republik - die Lebensnote angebe. Nach seiner Ansicht konnte das nur geschehen „unter einer marxistisch-liberalistischen Verwaltung, die ohne Verständnis für die Traditionen, nicht erkannte, dass die Innenstadt der substantiell wertvollste Teil von Berlin ist und bleiben muss." Der 1901 geborene Lach wurde wenige Monate später Opfer eines Verkehrsunfalls.
Diese Information stammt von der Website des Vereins für die Geschichte Berlins. Sie wirft ein Licht auf ein Foto, das in einem neuen Bildband des Verlags M, des Hausverlages des Stadtmuseums, abgedruckt ist. Zu sehen ist dort eine Parkanlage auf dem Dönhoffplatz, in der Mitte steht ein Glockenturm mit weithin sichtbaren Uhrenziffernblättern, erst bei sehr genauem Hinsehen erkennt man das Hakenkreuz am Sockel. Die Bildlegende im Fotobuch lautet: "In der Weimarer Republik wurde der Platz zunehmend als Erholungsraum an einer der beliebtesten Einkaufsmeilen Berlin, der Leipziger Straße, wahrgenommen. Seit 1935 befand sich in der Mitte des Platzes ein Glockenturm mit Lebensuhr. Alle fünf Minuten ertönte ein Kinderlied zum Zeichen der Geburt eines Menschen in Deutschland, alle sieben Minuten spielten die Glocken einen Choral für einen Sterbenden."
Wer Wilhelm Lach war, erfahre ich nicht aus dem Buch. Dass dieser Glockenturm etwas mit der Naziideologie zu tun haben könnte, dass hier ein öffentlicher Platz zu einem Propagandainstrument für die Geburtensteigerung des deutschen Volkes gemacht wurde, muss ich mir zusammenreimen.
Historische Fotografien zusammenzustellen und zu kommentieren, ist eben auch eine Kunst. Bei dem Band Berlin 1937/1947 mit Fotos von Harry Croner besteht der Kunstgriff der Herausgeberinnen Angelika Ret, Bärbel Reißmann und Bettina Machner darin, Fotos von der scheinbar heilen Welt im Berlin der nationalsozialistischen Vorkriegszeit mit Fotos der kaputten Stadt nach dem Bombenkrieg zu kombinieren. Auf den ersten Blick wirkt es politisch korrekt und eindrucksvoll, auf den zweiten Blick melden sich Zweifel: Reicht es, die Bilder von 1937 als Beleg dafür heranzuziehen, dass die Nationalsozialisten damals fest im Sattel saßen und ein großer Teil der Bevölkerung glaubte, Hitlers Deutschland-zuerst-Politik habe alle Probleme gelöst? Aussagekräftiger wäre es vielleicht gewesen, die Bilder mit Aufnahmen von 1927 zu kontrastieren, um zu begreifen, wie das Stadtbild von den Nazis brutal aufgeräumt und mit einem NS-Bildprogramm überzogen wurde.
Der junge Fotograf Harry Croner hatte - jedenfalls suggeriert das die Auswahl - noch nicht die Kraft, sich mit der Kamera gegen die Stadtbildpolitik der Nazis zu wehren. Die im Buch veröffentlichten Fotos zeigen eine scheinbar intakte Metropole. Die Bildkommentare lassen daran auch wenig Zweifel aufkommen, während das Vorwort des Historikers Götz Aly immerhin das sich im Hintergrund zusammenballende Unheil reflektiert. Von weit höherem dokumentarischem Wert als seine Bilder von 1937 sind Croners Fotoserien aus dem zerstörten Berlin. Nach dem Krieg war Croner ein fleißiger Pressefotograf, bis Ende der 1980er Jahre hat er viel Kulturprominenz, Theater und Kabarett abgelichtet, hat den Glamour West-Berlin in Schwarz-Weiß-Aufnahmen festgehalten, die  Optimismus und gute Laune ausstrahlen: zu besichtigen in dem bereits 2014 erschienenen Fotoband Bühne West-Berlin. 1989, zwei Jahre vor Croners Tod, erwarb das Berlin Museum sein 1,3 Millionen Fotos und andere Dokumente umfassendes Archiv. Für ein stadthistorisches Museum mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Theatergeschichte ist es ein großes Glück, aus so einem Fundus schöpfen zu können. Ich frage mich beim Durchblättern der beiden Bildbände, ob es in einem Fotoarchiv dieser Größe nicht nicht doch mehr Bilder zu entdecken gäbe, die Berlin aus einer unüblicheren Perspektive zeigen.

Berlin 1937/1947
Fotografien von Harry Croner
Herausgegeben von: Angelika Ret, Bärbel Reißmann, Bettina Macher
Edition Stadtmuseum Berlin 2017,
152 Seiten, 132 Abbildungen, 19,90 €




Bühne West-Berlin
Fotografien von Harry Croner aus vier Jahrzehnten
Herausgegeben von Peter Schwirkmann, Bettina Machner, Bärbel Reißmann und Angelika Ret Edition Stadtmuseum Berlin 2014
288 Seiten, 282 Abbildungen, 29,90 €

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Freitag, 12. Mai 2017

Von der "Zeitungsstadt Berlin" zur Medienmetropole - Buchpremiere im Ullsteinhaus

Elektronische Kommunikation gehörte schon
1927 zum Alltag im Ullsteinhaus.
Von Michael Bienert - Die Zeitungsstadt Berlin wird immer unsichtbarer. Zeitungsausrufer gibt es schon lange nicht mehr, die Kioske werden weniger, die Zeitungsleser in U-Bahnen und Bussen sind beinahe verschwunden. Kaum zu glauben, dass immer noch etwa eine halbe Millionen Tageszeitung täglich in Berlin verkauft werden. Die Auflagen sinken stetig, rasche Informationen suchen und finden die meisten Leser im Internet. Die Epoche des Papiers und der Zeitungen scheint reif fürs Museum. Seit Jahren will eine Initiative ein Pressemuseum im Ullsteinhaus etablieren, kommt aber damit nicht wirklich vom Fleck.
Nun steht ein rundes Jubiläum ins Haus: 1617, vor vierhundert Jahren erschien die Frischmann-Zeitung, die erste gedruckte Zeitung in Berlin. Doch Feierlaune ist nirgends zu spüren. Das Jubiläum löst bange Fragen aus: Wie lange wird es gedruckte Zeitungen überhaupt noch geben wird und was bedeutet die digitale Revolution für den Journalismus? Der Axel-Springer-Verlag hat Traditionsblätter wie die Berliner Morgenpost und das Hamburger Abendblatt bereits abgestoßen, weil er in ihnen nur noch lästigen Ballast auf dem Weg zum digitalen Medienkonzern sah. Der Medienwissenschaftler Leonard Novy ist überzeugt, dass es in absehbarer Zeit zur Einstellungen weiterer Zeitungstitel in Berlin kommen wird, weil die Gewohnheiten der Medienkonsumenten sich ändern und die ökonomische Basis der Zeitungen schrumpft.
Gestern abend im Ullsteinhaus saß Novy auf einem Podium mit Morgenpost-Chefredakteur Carsten Erdmann und Tagesspiegel-Herausgeber Sebastian Turner, Brigitte Fehrle moderierte die Diskussion um den Überlebenskampf der Qualitätszeitungen. Die Morgenpost versucht mit der größten Lokalredaktion in Berlin die Leser zu halten, der Tagesspiegel erweitert sein Angebotsspektrum für anspruchsvolle und zahlungskräftige Zielgruppen wie Ärzte und Lobbyisten. Experimentieren, um zu überleben, lautet die gemeinsame Devise.
Dass Qualitätsjournalismus niemals alleine durch den Verkauf toller Artikel an die Leser finanzierbar war, sondern durchs Anzeigengeschäft und den Verkauf weniger anspruchsvoller Produkte mitfinanziert werden musste, kann man aus Peter de Mendelssohns Buch Zeitungsstadt Berlin lernen. Zum 400. Berliner Zeitungsjubiläum wurde das Buch, dessen Autor bereits 1982 starb, neu aufgelegt. De Mendelssohn arbeitete vor 1933 als Journalist in Berlin, nach dem Zweiten Weltkrieg war er als britischer Presseoffizier an der Gründung des Tagesspiegels und der Welt beteiligt. Seine Erzählung vom Aufstieg und Niedergang der Zeitungsstadt Berlin in der NS-Zeit bezieht ihre Anschaulichkeit aus dieser Zeitzeugenschaft und der Vertrautheit mit der journalistischen Praxis. Für die Neuausgabe haben die Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister, Leif Kramp und Stephan Weichert ein 50-seitiges Update unter der Überschrift Von der Zeitungsstadt zur Digitalwirtschaft verfasst, das die jüngsten Entwicklungen resümiert, und siehe da: Im Zeitraffer wird sichtbar, wie quirlig und kreativ die Zeitungsstadt Berlin allen Unkenrufen zum Trotz geblieben ist. Springer hat durch seine Digitalisierungsstrategie den Profit enorm gesteigert, die taz hat sich mit Hilfe eines Genossenschaftsmodells stabilisiert, der Tagesspiegel mit den Mehr Berlin-Seiten und dem Checkpoint-Newsletter erfolgreich neue Formate im Print- und Onlinebereich etabliert. Die FAZ ist mit der Wiederbelebung des Berlin-Feuilletons auf den Berliner Seiten zwar gescheitert, aber sie hat damit Berliner Zeitungsgeschichte geschrieben. Den Namen Zeitungsstadt verdient Berlin vielleicht bald nicht mehr. Als Medienstadt ist die Hauptstadt so bunt, experimentierfreudig und vielstimmig wie in den besten Zeiten.

Peter de Mendelssohn u. a.
Zeitungsstadt Berlin
Menschen und Mächte in der deutschen Presse
Ullstein, Berlin 2017
ISBN-13 9783550081576, 816 Seiten, 42 Euro

Donnerstag, 27. April 2017

Die Magie der kleinen Dinge in der Gemäldegalerie

Hans Verhagen der Stomme:
Ratten und Mäuse
Quelle: smb / Kupferstichkabinett / V. H. Schneider 
Von Elke Linda Buchholz - Der kleine Kabinettraum der Gemäldegalerie ist selbst eine Miniatur. Wer sich hierher verirrt, wird mit 26 feinsten niederländischen Naturstudien beglückt. Die Blütenlese bestechend präziser Zeichnungen und Drucke fungiert als Seitenstück zur großen Maria Sibylla Merian-Schau eine Etage höher und beleuchtet, querbeet, was den Beobachtungsgeist der Künstler weckte. Winzige Walderdbeeren, blaue Akelei und Vergissmeinnicht ließ um 1500 ein unbekannter Miniaturist als Randzier um die stille Studierstube des Heiligen Markus wachsen. Unten krabbelt eine Raupe vorbei.
Rund 100 Jahre später hat sich die Naturstudie bei Roelant Savery zur Hauptsache emanzipiert. Der Tierspezialist konterfeit eine Grüne Meerkatze haargenau ab. Nicht in deren heimatlicher Sahararegion, sondern im kaiserlichen Tierpark Rudolfs II. in Prag begegnete der Maler dem dunklen Blick des gefangenen Tieres. Auch die Kette vergaß Savery nicht zu notieren. Er brauchte solche Tierstudien als Basismaterial für seine begehrten, vor Tierarten strotzenden Paradiesdarstellungen, von denen auch die Gemäldegalerie eine besitzt.
Der Antwerpener Zeitgenosse Hans Verhagen der Stomme strichelte die Textur von Schildkrötenpanzern so exakt, dass sich die Spezies bis heute bestimmen lassen. Seine lebensgroßen Ratten und Mäuse sträuben niedlich ihr graues oder braunes Fell. Auch ein Albino ist darunter. Sonderbares und Fremdartiges faszinierte besonders. Bis ins Makabre überspitzte Meisterzeichner Jacques de Gheyn den Naturalismus. Eine tote Ratte zeigt er enthäutet und skelettiert. Weiterlesen auf tagesspiegel.de

Freitag, 7. April 2017

Tonnenleicht - Der Bildhauer Fritz Kühn

Durch die kupfergetriebenen Reliefportale von Fritz Kühn schreitet man in die Komische Oper. Im kriegsgeschundenen Innenraum der Parochialkirche hängt sein mächtiges Kreuz. Am Strausberger Platz setzt sein quasi schwebendes Brunnenrund aus geometrisch-abstrakten Kupferplatten einen modernistischen Kontrapunkt zur neoprächtigen Henselmann-Architektur. Wer die Stadtbibliothek betritt, kann sich buchstäblich im Vorbeigehen ein „A“ greifen: In 117 Varianten ziert das berühmte Buchstabenportal seit 1965 die Front. Nun ist im Kunsthaus Dahlem eine Ausstellung über den Künstler Fritz Kühn zu sehen, Elke Linda Buchholz hat sie für den Tagesspiegel besucht: http://www.tagesspiegel.de/kultur/fritz-kuehn-im-kunsthaus-dahlem-tonnenleicht/19608116.html

Montag, 3. April 2017

Im Theater (62): "Freischütz"-Premiere in Heidelberg

Die Wolfsschlucht ist eine leere Drehbühne, mehr nicht. Umso verstörender, was dort exekutiert wird: Kaspar und Max müssen einen Menschen ausweiden, damit Samiel die Zauberkugeln herausrückt, die immer ins Ziel treffen. Die Berliner Regisseurin Sandra Leupold geht volles Risiko, wenn sie die Wolfsschluchtszene mit fast nichts als halbnackten Körpern und Theaterblut spielen lässt, sie polarisiert damit das Heidelberger Publikum, hält aber fein die Balance zwischen demonstrativem Theaterspiel und blutigem Ernst. Die drei Akteure (Alexander Geller als Max, James Homann als Kaspar, AP Zahmer als Samiel) sind auf der rotierenden Scheibe physisch extrem gefordert, wissen dabei in jeder Sekunde, was sie tun, während die Höllenmusik Webers schroff aus dem Orchestergraben wetterleuchtet (am Pult: Dietger Holm).
Nichts ist in dieser Aufführung romantisch weichgespült und breitgemalt, die Musik eine Geisterbahnfahrt durch alptraumhafte Seelenzustände. Verquält schleppt sich Max von Szene zu Szene, mitleidlos gemobbt vom Jägerchor und den Jägerfrauen, rumgeschubst, angespuckt, verprügelt. Auch Agathe (Hye-Sung Na) wird ihrer Liebe zu Max auch nicht froh. Lyrische Momente  ("Oh lass Hoffnung dich beleben...") verlegt die Regie (durch Lichtwechsel) eindeutig in die Innenwelt der Figuren, die soziale Welt bietet dafür keinen Anhalt.
"Durch die Wälder, durch die Auen" geht es ohne Schmelz, der "Jungfernkranz" ist Teil eines albernen Junggesellinnenabschieds, für den die von Ännchen (Irina Simmes) angeführten Mädels sich mit Geweihchen schmücken. Man und frau trägt quietschbunte Turnschuhe zu Röcken, Kleidern, Uniformen und Jagdtracht (Kostüme: Jessica Rockstroh) aus der Restaurationsperiode um das Uraufführungsjahr 1821: Die Nationaloper spielt in deutscher Vergangenheit, steht aber im Hier und Heute. Eine "Alptraumlandschaft der deutschen Seele" (Sandra Leupold) führt sie vor, dumpf bedrückend und zugleich schwebend. Vom Schnürboden heben und senken sich ganz sachte Brautkleid, Gewehr, Spindel, Uhr, Tannenzapfen, Plastikgießkanne, Jägerhut, Geweih, Horn, Kerzenlicht und Dutzende weiterer Requisiten, füllen den tiefschwarzen Bühnenhimmel (Stefan Heinrichs), eine surreal anmutende Rauminstallation.
In der Volkssage "Der Freischütz", auf der die Oper basiert, gibt es kein Happyend: Die teuflische siebte Kugel trifft die Braut und der Bräutigam endet im Irrenhaus. Darauf steuert auch die Oper zu, doch ein heiliger Mann schreitet ein, der die Liebenden schützt und das Schlimmste verhindert. "Der rein ist von Herzen und schuldlos von Leben, darf kindlich der Milde des Vaters vertraun", lautet dann die Schlusssentenz der Oper. Die Regisseurin ist misstrauisch, sieht gerade in diesem milden Finale einen Ausgangspunkt der deutschen Misere, das Sich-Einrichten in einer langen Kette der Subordination. Biedermeierlich bleibt es bei den Rollenzuweisungen an die Geschlechter, die Frauen dürfen zuhause häkeln, während die feschen Jäger draußen im Wald herumballern. Webers Schluss können Regisseurin und Dirigent nicht umschreiben, ihre Skepsis ist nicht zu überhören.
Termine, Besetzung und Fotos auf der Website des Theaters Heidelberg

Universalkünstler: Friedrich Kiesler im Martin-Gropius-Bau

Seine Architekturentwürfe wurden, bis auf einen, nicht gebaut. Seine Designermöbel gingen nicht in Serie. Berühmt wurde er außerhalb von Insiderkreisen auch nicht. Aber Friedrich Kieslers wortstarke, mit Witz und Furor formulierten Manifeste wurden gelesen, seine Bücher gedruckt. Und seine Ideen wirken bis heute nach.
Eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, konzipiert von der Wiener Nachlassstiftung des Universalkünstlers und Utopisten, beleuchtet seine Ideen und Projekte. Sie will zeigen, wie aktuell Kiesler angesichts von Transdisziplinarität, Mobilität und dem Crossover zwischen Design und Wissenschaft ist. Mehr dazu von Elke Linda Buchholz auf www.tagesspiegel.de

Donnerstag, 30. März 2017

Soziale Moderne: Otto Bartning in der Akademie der Künste

Wohnblock von Otto Bartning in Haselhorst
Foto: Bienert
Als Kirchenbaumeister gehört Otto Bartning zu den bekannten deutschen Architekten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Person und ihr Gesamtwerk sind dahinter verblasst - zu Unrecht, wie nun eine große Retrospektive in der Akademie der Künste zeigt. Zu Lebzeiten unter Kollegen hoch geschätzt, nannte ihn Oskar Schlemmer einmal den "eigentlichen Vater des Bauhaus-Gedankens" - doch war Walter Gropius der viel geschicktere Propagandist der gemeinsam entwickelten Ideen für eine neue Kunstausbildung, während Bartning sich nie in den Vordergrund spielte. Zentral für ihn war der Gedanke einer Gemeinschaft, für die Architekten angemessene Räume schaffen sollten, seien es Kirchen, Krankenhäuser, Wohngebäude oder ein Wohnquartier wie das Berliner Hansaviertel. Ohne selbst dort zu bauen, war Bartning der Initiator, Organisator und Regisseur der Bauausstellung im Tiergarten vor 60 Jahren. Die weiten Ausstellungshallen der Akademie der Künste am Hanseatenweg sind daher der ideale Ort für eine Würdigung.
Stahlkirche in Köln, 1928
Ausgangspunkt war die langjährige wissenschaftliche Aufarbeitung des privaten Nachlasses von Otto Bartning in der TU Darmstadt. Moderne Baugesinnung beflügelte den jungen Architekten schon in der Kaiserzeit, er schloss sich dem Deutschen Werkbund an, nach der Novemberrevolution dem Arbeitsrat für Kunst, engagierte sich in der 1926 gegründeten Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen und in der Architektenvereinigung Der Ring: Bartning war immer zur Stelle, wenn es darum ging, modern, qualitätvoll und wirtschaftlich zu bauen.
Otto Bartning um 1930
(Foto: AdK)
In der Nazizeit ging er nicht ins Exil wie viele Weggefährten, verlor aber an Einfluss, hielt sich von der Naziideologie fern und baute ausschließlich Kirchen. Politisch unbelastet spielte Bartning in der Nachkriegszeit eine wichtige Rolle als Integrationsfigur und Brückenbauer zu vertriebenen Kollegen, ab 1950 als Präsident des Bundes Deutscher Architekten. Das Wort "Wiederaufbau" lehnte er ab: "Aber schlichte Räume lassen sich auf den bestehenden Grundmauern und aus den brauchbaren Trümmerstoffen errichten." Auf gesellschaftliche Herausforderungen angemessen zu reagieren, als Architekt das Beste daraus zu machen, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen, diese Grundhaltung zieht sich durch Bartnings vielfältiges Werk, das in der großen Akademieausstellung und in dem schönen Katalog eine völlig angemessene Würdigung erfährt.

Bis 18. 6. 2017 in der Akademie der Künste am Hanseatenweg
Weitere Informationen 

Sonntag, 12. März 2017

Hier baut Suhrkamp


Hinter der Volksbühne, zwischen Tor- und Linienstraße, baut der vor sieben Jahren von Frankfurt nach Berlin umgezogene Suhrkamp Verlag seinen neuen Geschäftssitz. Die Informationspolitik des Bauherren und Baumfällungen auf der Grünfläche haben Anwohnerproteste ausgelöst, der Verlag versichert, es werde ein neuer hochwertiger Stadtplatz vor dem Neubau entstehen. Mehr im Tagesspiegel