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Sonntag, 23. September 2018

ABC des Reisens - Ausstellung in der Kunstbibliothek

Von Elke Linda Buchholz. Reisen kostet. Als Reichstagsarchitekt Paul Wallot 1875 auf Tour ging, notierte er akribisch seine Tagesausgaben in einem Skizzenbuch. Zu Buche schlugen Eisenbahn, Diorama, „Caffé“. Das zerfledderte Büchlein blättert die Kunstbibliothek jetzt auf, nebst einem Sparkassen-Plakat von 1954, das auch Pfennigfuchsern eine Urlaubsreise ans Herz legt: „Sparen ermöglicht die Urlaubsreise.“ Quer durch die Zeiten navigiert die Ausstellung, mit der das Haus seinen 150. Geburtstag feiert. Dröge Chronologien und penible Ordnungsraster bleiben im Staub der Geschichte zurück. Als locker gestricktes „ABC des Reisens“ schlängelt sich der Parcours entlang lexikalischer Stichworte von „A“ wie Album bis „Z“ wie Ziel. Das gibt allen fünf Abteilungen der einst als Vorlagensammlung fürs Kunstgewerbe gegründeten Institution die Chance, mit spannenden und skurrilen Preziosen zu glänzen.

Die berühmte Modebilder-Sammlung etwa steuert hinreißende Entwürfe für Bademoden und knitterfreie Reisekostüme bei, während Fotokuratorin Christine Kühn unter „S“ wie Souvenir rare historische Venedig-Aufnahmen, etwa von Fotopionier Alfred Stieglitz, auspackt. Dass schon die ältesten gedruckten Reiseführer, wie der um 1627 erschienene Bestseller Josef Furttenbachs „Itinerarium Italiae“, die gleichen Routen empfahlen, auf denen noch heute die Touristenströme unterwegs sind, belegen kostbare Originalbände aus den unerschöpflichen Bibliotheksdepots. Schnell wird klar: Mit dem Zeitalter des Reisens beginnt auch die Kommunikation darüber. Erst in Bild und Schrift geronnen, gewinnt die schweifende Bewegung der Reisenden Gestalt und Form, wird vom flüchtigen Erlebnis oder erträumten Plan zur haltbaren Erinnerung.

Dickleibige Klebealben und winzige Notizbücher füllten reisende Künstler wie Anton von Werner oder der heute vergessene Robert Wimmer. Dessen wuchtiges Italien-Skizzenbuch von 1852, ein wahres Kompendium künstlerischer Formen, wird gerade digitalisiert. Zu den frühesten Reisenden, die sich auf den Weg machten, gehörten Wallfahrer und Pilger. Ein Riesenwimmelbild Jerusalems, 1735 in Kupfer gestochen, veranschaulicht den starken Reiz, den das heilige Land ausübte. Erich Mendelsohn dagegen kam 1923 nicht aus religiösen Gründen nach Palästina, sondern als Planer für eine Elektrizitätsgesellschaft. Seine Glasdias dokumentieren einen aufmerksamen, nüchternen Blick auf das Land, in dem der Architekt später als NS-Emigrant Zuflucht fand. Reisen ist immer auch in politische und wirtschaftliche Realitäten verflochten.


Unter „C“ wie Cartographia zeigt sich, wie der Horizont der Europäer sich weitete. In Schedels Weltchronik von 1493 taucht Amerika noch gar nicht auf, ein Werbeplakat der Hamburg-Amerika- Schiffslinie um 1900 dagegen peilt das Nordkap als neue Touristendestination an. Mit Dampfschiff, Eisenbahn, Flugzeug nimmt die Abfolge der Verkehrsmittel lexikalisch von D bis F flott Fahrt auf. Rasante Plakate im Stil der Moderne tragen dem Rausch der Geschwindigkeit Rechnung.

Klar, den Bibliothekaren liegt der Umgang mit alphabetischen Ordnungssystemen quasi im Blut: Jeder Karteikasten, jedes Register ordnet die Welt nach diesem Raster. Und schon kommt der Buchstabe „V“ ins Visier – und damit „Virtual Travel“. Kein Privileg des Digitalzeitalters, wie Kuratorin Christina Thomson meint: Schon die Zeitgenossen um 1900 genossen beim Blick ins Stereoskop die mediale Faszination imaginärer Reiseziele in 3D. 
Derweil rattert ein Projektor mit einem Film von Marcel Broodthaers nostalgisch vor sich hin. Zu sehen sind nur Standfotos, unscharf wie verblasste Erinnerungen. Ein Segelschiff flimmert vorüber. Es braucht unsere Imagination, um die Bilder in Bewegung zu setzen. Das beste Vehikel für uferlose Reisen ist ohnehin der menschliche Geist. Das macht auch der italienische Gegenwartskünstler Flavio de Marco im Foyer klar. Er hat einen umfänglichen Reiseführer für eine Insel namens Stella verfasst. Sie liegt in der Ägais und existiert nur in der Phantasie.

Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz, bis 6. Januar; Di bis 10-18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa + So 11-18 Uhr. Katalog 16 

Montag, 3. September 2018

Hannah Höchs Adressbuch

Hannah Höchs Adressbuch
Foto: Berlinische Galerie
Von Elke Linda Buchholz. 
Hannah Höch nimmt 1917 ein kleines Büchlein zur Hand und trägt fein säuberlich die ersten Namen von Bekannten und Freunden ein. Gut sechzig Jahre später hat die Künstlerin ihr Adressbuch noch immer in Gebrauch. Unversehens ist es zu einer veritablen Collage angewachsen. Eingelegte Visitenkarten, überklebte Zusatzseiten, durchgestrichene Einträge und ergänzte Notizen haben die anfängliche Ordnung von A wie Amsterdam, Hans Arp und Augenarzt bis Z wie Zürich, Gertrud Zarniko und Galerie Zinke längst unterminiert. Das zerfledderte Original ruht heute in der Berlinischen Galerie: eine fragile Kostbarkeit mit maroder Heftung, abgegriffenen Ecken und knallroten Farbklecksen auf dem Umschlag. 

1400 Namen hat Hannah Höch in ihrem Adressbuch verzeichnet. Über 400 davon liegen jetzt in einer liebevoll gemachten Edition des Transit Verlags vor – nun tatsächlich streng alphabetisch geordnet und mit einem hübschen roten Lesebändchen versehen. Herausgeber Harald Neckelmann hat die Einträge Höchs nicht nur geduldig entziffert, sondern vor allem mit dem nötigen kulturhistorischen Unterfutter versehen. Kurzbiographien, Zitate aus Briefen und Terminkalendern ergänzen das lexikalische Höch-"Who is who". Schnell wird klar, dass der private Mikrokosmos ein überraschendes kulturelles Panorama aufspannt: Fundgrube und Steinbruch für künftige Forschungsstreifzüge. Künstlerinnen und Künstlerkollegen, Galeristen und Museen, MoMA-Kuratoren und Berliner Bürgermeister, Pariser Hotels und ein Reparaturschnelldienst finden sich darin alphabetisch verquirlt. Am besten schmökert man in dem bilderreichen Halbleinenband querbeet und gönnt sich das Vergnügen, dazu das digitale Faksimile des Notizbuchs auf dem DFG-Viewer online aufzublättern. 

"Dr. Alfred Döblin, Frankfurter Allee 370" notierte die Künstlerin unter "D" zwischen "Dungert, Max" und "von Dultzig, Frohnau". Aus Neckelmanns lexikalischem Eintrag dazu erfährt man, dass der Schriftsteller und Nervenarzt 1924 an einer Soirée mit Schwitters in Höchs Atelier teilnahm. Unter "M" findet sich Piet Mondrian in Paris auf einer Seite mit der Kunsthistorikerin Lu Märten, deren Charlottenburger Adresse Höch dick durchstrich und später doch wieder eintrug. Warum auch immer. Beide standen seit den Zwanziger Jahren in Kontakt. Von ihrem Dada-Partner Raoul Hausmann verzeichnet Höchs prozesshaftes Kompendium gleich mehrere Adressen in Berlin, auf Ibiza und in Limoges. Den Avantgardearchitekten Wassili Luckhardt besuchte die Künstlerin in seinem Haus in der Fabeckstraße 48, das sie "stilstreng – sehr schön" fand. Auch ihre eigene Adresse, in der Friedenauer Rubensstr. 66, bevor sie an die Wildbahn 33 in Heiligensee zog, hat Künstlerin vermerkt.

Oft verbergen sich hinter den knappen Namenseinträgen ganze Geschichten. Etwa auf Seite 42: "Bauhaus: Christof Hertel Dessau". Hertel betreute am Dessauer Bauhaus den Ausstellungsbetrieb. Für Mai 1932 plante er Hannah Höchs erste Einzelausstellung und quittierte die von ihr eingesandten 15 Fotomontagen und 31 Aquarelle als "wunderbare Auswahl". Aber die Schau wurde nie eröffnet. Sie fiel dem politischen Rechtsruck im Freistaat Anhalt zum Opfer, ebenso wie wenig später das Bauhaus Dessau. Noch vor Ende des Jahres musste die Schule nach Berlin ausweichen. Als dort 1979 das Bauhaus-Archiv eröffnet wurde, klebte sich Höch die ausgeschnittene Adresse ebenfalls in ihr Findbuch ein.

Hannah Höch: „Mir die Welt geweitet“. Das Adressbuch. Hg. von Harald Neckelmann. 320 S., Transit Verlag, 25 €. Online Digitalisat des Originalnotizbuchs auf: www.dfg-viewer.de

Montag, 27. August 2018

BRECHTS BERLIN - Die Stalinallee (Videotrailer)


Auf einem Spaziergang über die ehemalige Stalinallee 
stellt der Autor Michael Bienert sein neues Buch BRECHTS BERLIN vor,
 das im Oktober 2018 im Verlag für Berlin-Brandenburg erscheint.


Bildhauer mit Beduinenzelt - Für Jussuf Abbo wird eine Gedenktafel in Berlin enthüllt

Jussuf Abbo
Foto: Wikimedia Commons
Von Elke Linda Buchholz - Jussuf Abbo. Ein Name, den man nicht so schnell vergisst. Aber wer war er? Die Kunstgeschichte gibt eine Vermisstenanzeige auf. Aus dem Gedächtnis Berlins ist der Bildhauer, der einst aus Safed in Palästina hier anlangte, nahezu spurlos verschwunden. Jetzt kehrt er zurück. Diese Woche wird eine Gedenktafel für ihn am Reichpietschufer 92 enthüllt. Aber das Haus, in dem der Bildhauer viele Jahre werkelte, steht nicht mehr. Und schon mit der Beschriftung der Gedenktafel fangen die Probleme an, seufzt Dorothea Schöne. Die Leiterin des Kunsthauses Dahlem hat sich an Abbos Spuren geheftet. In tausend Richtungen laufen die Fäden. Sie weben einen bunten Teppich mit geheimnisvoll schillernden Erinnerungsmustern, der mehr Lücken und Leerstellen als belastbare Stellen liefert. Wurde der Künstler nun 1890 geboren oder 1888, 1889 oder "im Jahr der großen Dürre", wie ein Nachkomme erzählte? Dokumente fehlen. Damals gehörte Abbos Geburtsort Safed, ein uraltes Zentrum des Kabbalismus, zum Osmanischen Reich. Heute liegt die Region in Israel. Als das Osmanische Reich von der Weltkarte verschwand, wurde Jussuf Abbo staatenlos. Ihn kümmerte das erstmal wenig. Was braucht man Papiere, wenn man künstlerisch arbeiten kann und die Dinge gut laufen...

Sonntag, 1. Juli 2018

Unter Pflegefällen. Jens Sparschuhs Roman aus dem Altersheim

Von Michael Bienert. Nie verläuft ein langes Leben in gerader Linie. Biografien beschreiben Zickzack- und Wellenlinien, wenigstens einen Bogen von Nullpunkt zu Nullpunkt. Kleinkinder und die ganz Alten sind ähnlich schwach und hilfebedürftig, sie müssen gestützt und umsorgt werden, oft auch gefüttert und gewindelt.
Täglich hat der Ex-Journalist Titus Brose die prekäre Situation der Pflegefälle vor Augen. Er arbeitet im „Alten Fährhaus“, einem Seniorenheim bei Berlin, dessen Insassen auf die Überfahrt ins Jenseits warten. Brose verdient er seinen Lebensunterhalt damit, im Auftrag einer Agentur die Lebenserinnerungen der Alten in Bücher zu verwandeln. Die paar gebundenen Exemplare sind nicht für den Buchmarkt bestimmt, sondern werden von den Angehörigen gut bezahlt.
Zu den kuriosen Bewohnern des Alten Fährhauses gehört Dr. Einhorn, der sich seit Jahrzehnten mit dem Dichter und Naturforscher Adelbert von Chamisso befasst. Eine Merkwürdigkeit in Chamissos Lebenslauf lässt den Forscher nicht los: Immer wieder hat der Dichter Ereignisse aus seinem Leben in seinen Schriften literarisch antizipiert. Ein Schlüsselrolle darin spielte sein Freund Julius Eduard Hitzig, der auch die erste Biografie Chamissos verfasste. Einhorn ist überzeugt, dass Chamissos Leben nur zu verstehen sei, indem man es chronologisch rückwärts erzählt. Er schickt Brose ins Leipziger Stadtarchiv, um dort ein biografisches Detail aus Chamissos Leben zu ermitteln, das Einhorns Theorie der „Zeitschleifen“ bestätigen soll.
Was ihm im Alten Fährhaus begegnet, bringt den Biografieprofi Brose zusehends aus dem Konzept – und öffnet ihm einen Zugang zum Erzählen seiner eigenen Geschichte. Wie Hitzig in das Leben Chamissos, so greift Brose als Regisseur ins Leben einer Insassin des Pflegeheims ein, nachdem diese ihm einen unerfüllten Lebenswunsch offenbart hat. Der Erzähler Jens Sparschuh entlässt seine Leser somit nicht ungetröstet aus dem bedrückenden Altersheimszenario seines jüngsten Romans. Seinem Helden Titus Brose verhelfen die Pflegefälle zu einem Wechsel der Perspektive auf das eigene Leben, und darin liegt auch die stille Kraft dieses unaufgeregt erzählten Romans.

Jens Sparschuh: Das Leben kostet viel Zeit. Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018, 384 Seiten, 20 Euro.

Der Affe fällt nicht weit vom Stamm - eine furiose Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum

Von Elke Linda Buchholz. Die Chefin des Georg-Kolbe-Museums hat sich zu einer Radikalkur entschlossen. Ganz wohl ist Julia Wallner nicht dabei. Sie hat schlecht geschlafen vor der Ausstellung „Der Affe fällt nicht weit vom Stamm“ von Volker März. Denn im ehemaligen Kaminzimmer des historischen Bildhauerateliers steht jetzt Hitler neben Franco. Das akademische Franco-Porträt schuf Kolbe als Auftragswerk. Sein Bremer Künstlerfreund Gerhard Marcks, ein verfemter Künstler, ließ sein Hitler-Konterfei irritierenderweise noch 1949 in Bronze gießen. Die beiden Diktatorenköpfe hat der Gastkünstler aus dem Depot gefischt und knallt sie dem Besucher gleich zu Beginn des Rundgangs direkt vor die Nase. Ruhms. Weiterlesen

Max Lieberman trifft Paul Klee: Eine Ausstellung am Wannsee

Die Liebermannvilla am Wannsee
Von Elke Linda Buchholz. Liebermann empfängt Klee. Zwei Maler geraten ins Gespräch. Ihre Auffassungen unterscheiden sich gründlich, aber es gibt auch überraschende Berührungspunkte. Mal schweigt der eine, mal lässt der andere dem Kollegen den Vortritt. Zum Vergleich stellen sie ihre Bilder nebeneinander. In Wirklichkeit hat diese Begegnung zwischen dem preußischen Impressionisten Liebermann und dem Schweizer Bauhausmeister Klee nie stattgefunden. Sie lebten in getrennten Kunstuniversen. Aber ihre Werke nehmen in Liebermanns sommerlicher Villa jetzt den Gesprächsfaden auf. Weiterlesen

Ein Besuch bei Josephine Gabler, der neuen Direktorin des Berliner Kollwitz-Museums

Noch ist das Kollwitzmuseum in der
Fasanenstraße zu finden.
Von Elke Linda Buchholz. Vor dem Haus riecht es nach Orangen. Ein Saftstand des Auktionshauses Villa Grisebach nebenan empfängt mit frisch gepressten Vitaminen. Auch Josephine Gabler, die neue Direktorin des Kollwitz-Museums, verbreitet positive Aufbruchstimmung in ihrem sonnigen Arbeitszimmer. Sie will das Haus endlich wieder in ruhigeres Fahrwasser lenken. Genug sei über die Querelen im vergangenen Jahr geschrieben worden, als die Stiftung des langjährigen Auktionshausleiters Bernd Schultz dem Kollwitz-Museum kündigte und die damalige Direktorin Iris Berndt entnervt die Segel strich. Weiterlesen

Sonntag, 3. Juni 2018

550 Jahre Kammergericht im Buch

Noch eine trockene "Festschrift" auf ein Gericht oder ein spannender Spaziergang durch die Justizgeschichte? Martin Rath ist recht angetan von Michael Bienerts Buch "Das Kammergericht in Berlin", das jetzt erschienen ist. Hier lesen auf Legal Tribune Online


Mittwoch, 18. April 2018

Berlinführer in neuen Auflagen

Die Wegweiser von Michael Bienert und Elke Linda Buchholz durch das Berlin der Kaiserzeit (4. Auflage) und das Berlin der Zwanziger Jahre (8. Auflage) sind echte Longseller, was sicher auch daran liegt, dass sie von Auflage zu Auflage gründlich durchgesehen, aktualisiert und verbessert werden. Inzwischen sind auch etliche Farbfotos hinzugekommen, die in den ersten Auflagen fehlten. Jetzt sind die neuesten Nachauflagen aus der Druckerei eingetroffen. Modernes Berlin der Kaiserzeit und Die Zwanziger Jahre in Berlin erscheinen weiterhin im Berlin Story Verlag, sind über den gesamten Buchhandel zu beziehen und kosten unverändert (!) 19,95 pro Exemplar.