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Mittwoch, 31. März 2010

Im Theater (5): Thalheimers "Nibelungen"


Am Burgunderhof in Worms, fernab ihrer nordischen Heimat, fühlt sich die mit Riesenkräften gesegnete Kriegerin Brunhild wie ein verlorenes Kind. Das Blau des Himmels ängstigt sie, sie sehnt sich nach Nebel und einem kräftigen Gewitter: „Ich kann mich nicht an so viel Licht gewöhnen, / Es tut mir weh, mir ist´s, als ging ich nackt, / Als wäre kein Gewand hier dicht genug.“ Das mythische Superweib, am Deutschen Theater eine sinnliche schwarzlockige Schönheit, zeigt Schwäche und weckt Mitgefühl. Es ist einer der seltenen Momente in Michael Thalheimers dreistündiger Inszenierung von Hebbels „Nibelungen“, in denen Faszination für den Stoff und Nähe zu einer Figur zugelassen wird. Sonst gleicht sie einem Panzer, der dröhnend am Publikum vorbeirasselt und eine platte blutrote Fahrspur hinterlässt. - Lesen Sie die ausführliche Aufführungskritik hier.

Mittwoch, 24. März 2010

Nelly Sachs im Jüdischen Museum

Die erste Literaturausstellung im Jüdischen Museum ist ungewöhnlich gelungen mit ihrer kurvigen Austellungsarchitektur, die sich komplementär zu den spitzen und schiefen Winkeln des Libeskindbaus verhält. Durch kreisrunde Ausschnitte, Ein- und Ausgänge, Durchblicke erlaubt sie diskrete Einblicke in ein Dichterinnenleben, in dem vieles geheim bleiben sollte. Als die jüdische Berlinerin Nelly Sachs 1940 in letzter Minute vor den Nazis nach Schweden fliehen konnte, war sie 49 Jahre alt; erst im Exil und in der Trauer hat sie ihren eigenen lyrischen Ausdruck gefunden. In den sechziger Jahren erhielt sie zahlreiche literarische Ehrungen aus Deutschland - und den Literaturnobelpreis. Die Verfolgung durch die Nazis aber wirkte nach: Die zurückgezogen in einer kleinen Wohnung in Stockholm lebende Dichterin entwickelte Symptome von Verfolgungswahn und musste sich deswegen in klinische Behandlung begeben. Der schwedische Schriftsteller Aris Fioretos hat die Ausstellung kuratiert und eine opulente, einfühlsame und spannend zu lesende Bildbiografie verfasst (Suhrkamp Verlag, 29.90 Euro) - eine grandiose Gelegenheit zur Neuentdeckung der 1970 verstorbenen Dichterin, deren Werk viel zu wenig gelesen wird. - Die ausführliche Ausstellungskritik lesen Sie hier.

Web 2.0 in der Kultur


Die Kommunikation via Internet verändert sich rapide, es entstehen neue Informationskanäle und bewährte verlieren an Bedeutung - das spüren nicht nur die etablierten Medienunternehmen, das beschäftigt auch die Kulturveranstalter und Kulturvermittler. Deshalb stand gestern bei den Berliner Wirtschaftsgesprächen im Berlin-Saal der Zentral- und Landesbibliothek das Thema "Web 2.0. in der Kultur" auf der Tagesordnung. Uwe Mommert von der Landau Media AG stellte eindrucksvolle Statistiken über die Veränderung der Mediennutzung vor: Erst in den letzten zehn Jahren sei das Internet in Deutschland zu einem echten Massenmedium geworden und damit zu einer ernsthaften Konkurrenz für Zeitungsverlage und Fernsehsender. Es werde künftig noch sehr viel mehr Werbegeld ins Internet fließen, weil dort die Kaufentscheidungen getroffen würden. Die Entwicklung gehe von "Massenmedien zu Massen an Medien", neue Formen der PR würden den Journalismus teilweise ersetzen, der Nutzer werde sein eigener Programmdirektor. Hans Hanten, für Medien zuständiger Ministerialdirigent beim Kulturstaatsminister, sieht hingegen den Staat in der Pflicht, ähnlich wie bei Rundfunk und Fernsehen im Internet eine "Grundversorgung" mit qualitativ hochwertigen Inhalten zu sichern. Als Beispiele nannte er das kindgerechte Binnen-Netz fragfinn.de und die Deutsche Digitale Bibliothek. Klaudia Pirc von kulturwerkzeug.de berichtete von neuen Erfahrungen bei der Öffentlichkeitsarbeit für Theater im Internet und Thomas Klugkist, Geschäftsführer des Friedrich Verlags, vom Start des neuen Kulturmagazins kultiversum.de. Unser Eindruck: Ganz genau weiß niemand, wohin die Reise geht, aber Kulturvermittler und Produzenten kommen nicht umhin, sich die neuen Möglichkeiten und Techniken der Internetkommunikation anzueignen. Wobei sie nicht aus den Augen verlieren sollten, dass die Qualität kultureller Inhalte genausowenig an Anklickzahlen zu messen ist wie die Qualität eines Buches an der Auflage oder die Qualität einer Fernsehsendung an der Einschaltquote.

Dienstag, 23. März 2010

Helmut der Große in der Springer-Passage


Wo befindet sich das Helmut-Kohl-Denkmal in Berlin? Mit der Beantwortung dieser Frage dürften die meisten Stadtführerkollegen ihre Schwierigkeiten haben. Der neue Stadtrundgang Die schnellste Schlagzeile der Welt - Medien in der Stadt führt daran vorbei. Der überlebensgroße Dickschädel des Bildhauers Serge Mangin wurde am 2. Oktober 2007 in der Axel-Springer-Passage enthüllt. Auf dem Foto im Hintergrund glimmt der BILD-Fanshop. Heute waren Michael Bienert und Paul Gronert mit belgischen Journalistikstudenten dort, einer von fünf Gruppen, die den Rundgang in dieser Woche bei StattReisen Berlin gebucht haben. Das Interesse an diesem neuen Bildungsangebot, das Michael und Paul aus Neugier entwickelt haben, übertrifft alle Erwartungen. Noch ehe der erste öffentliche Rundgang stattfand, erreichten schon etliche Anfragen von Gruppen das StattReisen-Büro. Wieder einmal bestätigt sich die Regel: Wenn einen etwas wirklich beschäftigt, dann interessiert das sicher auch andere Leute.

Montag, 22. März 2010

Jugend liest! Schockierend!


Das Aufregendste an der Reise zur Leipziger Buchmesse war diesmal das Umsteigen in Halle. Im schön renovierten Kaierzeitbahnhof schreit es von den Wänden: „Schock Deine Eltern - lies ein Buch!“ Mit grellen Plakaten wirbt die Hallenser Stadtbibliothek um junges Publikum. Und provoziert zugleich die Älteren, die den exzessiven Medienkonsum der Jugend beklagen, aber nicht minder anfällig sind für die Verführungen elektronischer Spielzeuge. Gefahr droht der Buchkultur vor allem von den Erwachsenen, die keine Zeit mehr finden, ihren kleinen Kindern regelmäßig vorzulesen und die als lesende Vorbilder ausfallen. Vom Alltagsverhalten der Elterngeneration hängt ab, ob die Nachwachsenden das Lesen gedruckter Bücher und Zeitungen als etwas begreifen, was zum Erwachsensein dazugehört. Der Streit um Helene Hegemanns „Axolotl“-Roman kommt gerade recht, weil er signalisiert: Immer noch kann ein gedrucktes Buch die Erwachsenenwelt erschrecken. Also, liebe Kinder, schockt Eure Eltern - schreibt ein Buch! - Das Foto rechts zeigt einen Jungautor in den Leipziger Messehallen. Weitere Kulturrepublik-Kolumnen finden Sie hier.

Sonntag, 21. März 2010

Sonntags in der Nikolaikirche


Nach zweijähriger Sanierung ist die Nikolaikirche wiedereröffnet worden, mit einer neuen Dauerausstellung des Stadtmuseums zur Geschichte der Kirche im Berlin des Mittelalters und der frühen Neuzeit. Davon war beim Festakt mit dem Regierenden Bürgermeister, zu dem wir eingeladen waren, nicht viel zu sehen. Der Menschenandrang war so groß, dass viele Leute gar nicht in die Kirche hineinkamen. In den letzten Jahren stößt die Geschichte des alten Berlin auf ein immer breiteres Interesse in der Bevölkerung, das war wieder einmal ganz deutlich zu spüren.

Samstag, 20. März 2010

Die Schätze des Aga Khan


Unscheinbar wirkt das Manuskript mit seinen kreuz und quer übereinander geschriebenen arabischen Schriftzügen, den brüchigen Papierrändern und dem eher nachlässig gezeichneten roten Ornament auf der Titelseite. Es ist die älteste Abschrift des "Kanons der Medizin" von Avicenna, der eigentlich Abu Ibn Sina hieß. Sie entstand im Jahr 1052, nur 15 Jahre nach dem Tod des persischen Arztes. Schon im Mittelalter ins Lateinische übersetzt, wurde der "Qanun al-Tibb" das medizinische Standardwerk für die Ärzte Europas. Auf dem Titelblatt der Handschrift haben verschiedene Besitzer ihre Namen verewigt. Jetzt gehört sie Karim Aga Khan IV.: Er ist das geistliche Oberhaupt der 20 Millionen Ismailiten, einer islamischen Glaubensgemeinschaft, deren Mitglieder über 25 Länder verstreut leben. Ihnen gilt der Aga Khan als direkter Nachkomme des Propheten Mohammed. Seit diesem Wochenende ist seine exquisite Sammlung islamischer Kunst im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen, Elke Linda Buchholz hat die Ausstellung in der STUTTGARTER ZEITUNG besprochen. Mehr

Donnerstag, 18. März 2010

Schnurrende Textfabrik


Nebenan bastelt die Kollegin an einem Artikel über die Aga-Khan-Ausstellung mit islamischer Kunst im Martin-Gropius-Bau. Bei mir hat eine Redakteurin einen Feuilletontext über den Netzbau von Spinnen für die Wochenendbeilage ihrer Zeitung bestellt. Zum Glück findet sich im weltweiten Informationsgewebe eine fantastische Website von Samuel Zschokke, Mitarbeiter der Universität Basel, zu diesem Thema. Mitten in den Spinnen-Studien ruft Friedel Drautzburg an, der Kneipier der "Ständigen Vertretung" am Schiffbauerdamm. Er braucht binnen weniger Stunden einen Pressetext anlässlich der Enthüllung eines neuen Mauermahnmals, das der Künstler Ben Wagin (Foto) in seinem Auftrag gestaltet hat. Ben Wagin und sein "Parlament der Bäume" habe ich in meinem Buch Stille Winkel an der Berliner Mauer porträtiert. Rasch spuckt die schnurrende Textfabrik einen kleinen Aufsatz aus, der heute abend an die Pressevertreter und Gäste verteilt werden soll. Wer immer möchte, ist zur Denkmalseinweihung um 18 Uhr herzlich eingeladen. Ort: S- und U-Bahnhof Friedrichstraße, an der Brücke über die Spree.

Dienstag, 16. März 2010

Heute abend: Alfred Döblin an der Saar


"Nun sitze ich in diesem lothringischen Nest. Ich sehe keine Autos, keine Droschke; ab und zu einen Handwagen, bäurische Leute mit schiefen schwarzen Filzhüten", schrieb Alfred Döblin am 3. Januar 1915 an den Galeristen und Verleger Herwarth Walden nach Berlin. In Saargemünd trat der Schriftsteller Döblin seinen Dienst als Militärarzt hinter den Kampflinien an, verantwortlich für "drei Baracken zu je 20 schweren Fällen". Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges arbeitete er fern von Berlin im deutsch-französischen Grenzgebiet, das für Alfred Döblin und seine Familie eine Schicksalregion werden sollte. Ralph Schock, Literaturredakteur beim Saarländischen Rundfunk, hat dazu im Gollenstein Verlag ein Buch herausgegeben, heute abend liest er daraus in der Saarländischen Galerie (Am Festungsgraben 1, 20 Uhr) und spricht darüber mit Michael Bienert.

Montag, 15. März 2010

Zähne zeigen im Zeitungsviertel


So grimmig schaue ich bei Stadtführungen nicht immer drein. Aber wenn es um die Ausbeutung freier Mitarbeiter durch große Medienkonzerne geht, hört der Spaß auf. Wie man auf den Fotos sieht, die Lena S. am vergangenen Samstag beim Rundgang Die schnellste Schlagzeile Berlins geschossen hat, ging es richtig zur Sache. Wie schön, wenn man dann auch noch einen so engagierten Kollegen wie Paul Gronert an der Seite hat.