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Freitag, 1. Oktober 2021

Die unvollendete Metropole - jetzt in Oberschöneweide wiedereröffnet

Der 100. Geburtstag von Groß-Berlin im vergangenen Jahr war der Anlass für eine große Ausstellung zur Planungsgeschichte der Metropole - ausgehend von den Ereignissen der 1920er Jahre, rückblickend bis in die Kaiserzeit, vorausblickend bis in die Zukunft des Jahres 2070, indem die Schau auch Ergebnisse des Internationalen Städtebaulichen Ideenwettbewerbs Berlin-Brandenburg 2070 öffentlich präsentierte. Wegen der Corona-Pandemie war die Ausstellung des Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin-Brandenburg nur vier Wochen im Kronprinzenpalais zugänglich - jetzt kann man sie auf dem eindrucksvollen Industriegelände besichtigen, das die AEG in Oberschöneweide hinterlassen hat. Peter Behrens entwarf die imposante Fabrik für die Automobilproduktion des Konzerns, die 1915 bis 1917 errichtet wurde, alleine diese Anlage ist eine Reise nach Oberschöneweide wert. Die Ausstellung füllt zwei weiträumige Hallen, am Wochenende finden Führungen statt, die auch die Besichtigung der Fabrik und eine Besteigung des markanten Wasserturms einschließen. Weitere Infos: https://unvollendete-metropole.de/ und
www.industriesalon.de/fuehrungen


Mittwoch, 29. September 2021

Romantik im Doppelpack

Geschafft! Der Webmaster muss nur noch darauf warten, dass Brüderchen und Schwesterchen aus der Druckerei kommen. Ende Oktober 2021 werden DAS ROMANTISCHE BERLIN und E. T. A. HOFFMANNS BERLIN im Buchhandel erhältlich sein (Verlag für Berlin-Brandenburg, 176 bzw. 184 Seiten, jeweils über 150 Abbildungen, meist in Farbe, pro Band 25 Euro). In beiden Bänden spielt Adelbert von Chamisso eine Rolle, im ROMANTISCHEN BERLIN ist er sogar von ganz zentraler Bedeutung. Denn das Buch schildert einen Siebenmeilen-Spaziergang durch Raum und Zeit mit einem Ururururenkel von Peter Schlemihl, der berühmtesten Figur des Dichter Chamisso. Pierre Schlemihl ist wie sein Vorfahr Naturwissenschaftler und hat eine starke Neigung zur Poesie. Er führt die Leser ins Berlin von Kleist, Heine, Eichendorff, Tieck, Rahel, Henriette Herz und vielen anderen Zeitgenossen...

Dienstag, 27. Juli 2021

Zu gut für eine Frau

A. D. Therbusch, Selbstporträt, um 1782

Die Augen der Malerin folgen einem auf Schritt und Tritt im Raum: ein Künstlertrick, den viele beherrschten; die klassischen Porträtgalerien sind voll davon. Aber Anna Dorothea Therbusch setzt noch eins drauf. Ein kreisrundes Einglas hängt an einem schwarzen Nieten-Lederband vom duftigen Kopftuch vor ihrem Auge herab. Es schärft ihren Blick und fokussiert. Das aufmerksame Künstlerinnenauge wird zum Mittelpunkt der Bildinszenierung. Im Zeitalter der Aufklärung ist diese uneitel dokumentierte Sehhilfe Programm: Nachweis eines glaubwürdigen Strebens nach Wahrheit. Dicke Folianten am Boden betonen die Intellektualität der Dargestellten. Ihr silbriger Rock schillert als Bravourstück lässig-lockerer Peinture. Anna Dorothea Therbuschs lebensgroße Selbstdarstellung in der Gemäldegalerie nimmt einen Ehrenplatz zwischen Antoine Pesne und Anton Graff, dem älteren und dem jüngeren Kollegen ein...

Das Porträt, das Elke Linda Buchholz zum 300. Geburtstag der Malerin Anna Dorothea Therbusch für den Tagesspiegel geschrieben hat, ist so schön, dass es noch eine Weile in ganzer Länge als Aufmacher auf unserer Website stehen bleiben darf: http://www.text-der-stadt.de/Therbusch.html

Montag, 12. Juli 2021

Goldstaub für die Ohren

Goldstaub - das ist ein Podcast von Arne Krasting und Else Edelstahl, der ganz und gar den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gewidmet ist. In der 21. Folge sind Michael Bienert und die Schauspielerin Fritzi Haberlandt zu Gast; Anlass ist die Irmgard-Keun-Woche im Literaturforum im Brecht-Haus (https://lfbrecht.de/projekte/irmgard-keun-woche/programm/ ), das Thema sind die Romane von Irmgard Keun und das Berlin der frühen 1930er-Jahre.

https://www.gold-staub.de/ 

https://goldstaub.podigee.io/21-keun

Sonntag, 27. Juni 2021

Spaziergänge durch Irmgard Keuns kunstseidenes Berlin - wieder ab Juli 2021!

In einer Seitenstraße des Kurfürstendamms wurde Irmgard Keun 1905 geboren und in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche getauft. An der Tauentzienstraße fand sie ihren ersten Verlag. Dort erschien 1932 ihr Berlin-Roman "Das kunstseidene Mädchen". Am Kurfürstendamm geht die Protagonistin Doris auf Männerfang und strandet zuletzt in der Wartehalle im Bahnhof Zoo. 

Im fünften Band seiner Buchreihe "Literarische Schauplätze" hat Michael Bienert "Das kunstseidene Berlin" der Weimarer Republik vorgestellt (vbb 2020, 200 Seiten, 25 Euro), nun führt er nach langer Corona-Pause wieder durchs Berlin Irmgard Keuns. 

Um Abstandsregeln einhalten zu können, ist die Teilnehmerzahl ist auf ca. 15 Personen begrenzt. Voranmeldung und Angabe von Kontaktdaten ist erforderlich unter: kunstseide@text-der-stadt.de 

Der genaue Treffpunkt am Kurfürstendamm wird bei Anmeldung bekannt gegeben. 

Preis pro Person: 8 Euro (keine Ermäßigungen). Termine: Samstag, 10. Juli 2021, 14 Uhr; Freitag 16. Juli 2021, 16 Uhr; Samstag, 17. Juli, 14 Uhr

Donnerstag, 10. Juni 2021

Das romantische Berlin. Literarische Schauplätze

Eine junge Generation stellte um 1800 in Berlin alle überkommenen Traditionen infrage. „Die Welt muss romantisiert werden“, lautete die Parole der radikalen Avantgarde. Die junge Großstadt wurde zum Experimentallabor für eine neue Poesie und eine Vermischung von Kunst und Leben, für entfesselte Sexualität und die Befreiung aus einer zu engen Vernunft. Männer- und Frauenrollen kamen auf den Prüfstand und wurden neu ausbalanciert. 

Im sechsten Band der Buchreihe Literarische Schauplätze wandert ein Stadtführer mit Siebenmeilenstiefeln durch das heutige Berlin. Er sucht nach sichtbaren Spuren der Romantik und fragt: Was hat es mit dem Kleisthaus und der Eichendorffgasse, mit dem Dorothea-Schlegel-Platz oder dem Humboldt Forum auf sich? Wo waren die Treffpunkte romantischer Netzwerke? Welche Orte inspirierten vor 200 Jahren zu verträumten oder frechen Texten über Berlin? Auf dem romantisierenden Streifzug kommen viele Stimmen zu Wort: Bettine von Arnim und Rahel Varnhagen, Goethe und Schiller, Heine und Tieck, Kleist und Eichendorff, auch Durchreisende wie Napoleon, Stendhal und Germaine de Staël - und selbstverständlich Adelbert von Chamisso!

Das neue Buch von Michael Bienert erscheint im Oktober 2021 zusammen mit der 2. Auflage von E. T. A. Hoffmanns Berlin in gleicher Ausstattung.

Michael Bienert: Das romantische Berlin. Literarische Schauplätze, ca. 200 Seiten, ca. 200 Abbildungen Hardcover mit Schutzumschlag,  Format: 21,0 x 22,5 cm,  ISBN 978-3-96982-024-7, € 25,00

Dienstag, 8. Juni 2021

Was hat der Mehringplatz in Kreuzberg mit Rom zu tun? Video mit dem "Berlinologen" Michael Bienert



Die Kunst des Improvisierens - ein Besuch im wiedereröffneten Käthe-Kollwitz-Museum

Das private Käthe-Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße wurde Ende Mai 35 Jahre alt. Nun bereitet es seinen Umzug in den Theaterbau des Schlosses Charlottenburg vor. Ein Situationsbericht.

Von Michael Bienert  Im engen Treppenaufgang zu den Ausstellungskabinetten hängen in regelmäßigen Abständen weiße unbeschriebene Blätter an die Wand. Ist das Kunst oder wird das vielleicht noch welche? „Wir wussten uns nicht anders zu helfen“, erklärt Josephine Gabler, die Leiterin des Käthe-Kollwitz-Museums. Ihre Vorgängerin hatte die Idee, die Treppe im verwinkelten Haus aufzuwerten, indem sie einen Zeitstrahl mit Daten zum Leben von Käthe Kollwitz auf die Wände drucken ließ. Besucherinnen und Besucher schätzen das. Sie bleiben gern auf der Treppe stehen. Das aber macht es Auf- und Absteigenden gänzlich unmöglich, Corona-Abstandsregeln einzuhalten. Also wurden die Wandtexte erstmal provisorisch abgedeckt. 

Egal ob ausländische Touristen oder Berliner Schulklassen, ein großer Teil des Publikum blieb seit dem Beginn der Pandemie aus oder durfte gar nicht erst rein ins Museum. Mit katastrophalen Folgen für den Haushalt, denn etwa Hälfte des Etats stammt sonst aus Eigeneinnahmen wie Eintrittsgeldern und Erlösen aus dem Museumsshop. „Wir haben gespart, wo wir nur sparen konnten“, sagt Gabler. Geholfen habe die Kulturverwaltung. Sie hob die Zweckbindung für zugesagte Fördermittel unbürokratisch auf, so konnte die Museumsdirektorin trotz ausbleibenden Publikumsverkehrs weitermachen. Die lange Schließzeit hat sie genutzt, um dem Museum ein frisches neues Logo und einen ansprechenden Internetauftritt zu geben, außerdem soll demnächst ein Multimediaguide fertig sein. Zwei Sonderausstellungen mussten abgesagt werden, eine zu Max Klinger und eine zu Ida Gerhardi, einer Zeitgenossin von Käthe Kollwitz. Gerhardi habe hinreissend in Pariser Tanzlokalen gezeichnet, schwärmt die Ausstellungsmacherin. Unbedingt will sie die Präsentation nachholen. 

Dieser Tage abgehängt wird die Sonderausstellung „Mit Händen sprechen“: Die Themenwahl war auch eine Reaktion auf die Kontaktbeschränkungen während der Pandemie. Die kleine Schau fokussierte den Blick auf die tätigen, schützenden, fordernden Hände in Werken von Kollwitz, auf ihre Haptik. Gedacht als Highlight für die Zeit zwischen den Jahren, hat kaum ein Mensch die Ausstellung sehen können. Immerhin bleibt ein Spaziergang durch die Ausstellung im Internet verfügbar. Im Haus wir jetzt Platz gemacht für Zeichnungen, Keramiken und Hinterglasmalereien von sechs lebenden Künstlerinnen unter dem Motto „Schwarz und Weiß“. Sie sind im 1867 gegründeten Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen organisiert, dem auch schon Käthe Kollwitz angehörte und wo sie unterrichtet hat.

Die Dauerausstellung ist wochentags wieder geöffnet, aber an den Wochenenden ist noch zu. Ein Grund: Es fehlt an Personal. Beim Hochfahren des Ausstellungsbetriebs gibt es ähnliche Hemmnisse wie in der Gastronomie. Aufsichtskräfte, die früher auf Minijobbasis im Museum aushalfen, konnten in der Pandemie nicht weiterbeschäftigt werden. Einige haben sich zurückgezogen oder andere Jobs gesucht. An eine große Feier zum 35. Geburtstag des Museums in der Fasanenstraße war nicht zu denken. In einem Youtube-Video erinnert sich Eberhard Diepgen, damals Regierender Bürgermeister in West-Berlin, an die Museumseröffnung am 31. Mai 1986. Um „kulturelle Aufrüstung rund um den Kurfürstendamm und Belebung des Kurfürstendamms durch die Nebenstraßen“ sei es gegangen. In Vorbereitung der 750-Jahr-Feier in West-Berlin wollte der Senat den politisch verengten Kollwitz-Huldigungen im Osten etwas entgegensetzen, den Blick mehr auf Kollwitz als Künstlerin lenken. Heute ist Diepgen Vorsitzender des Trägervereins des Museums und hilft beim anstehenden Umzug ins Museumsquartier am Schloss Charlottenburg. Auslöser einer langwierigen Standortsuche war der Wunsch des Eigentümers, in dem Haus in der Fasanenstraße ein Exilmuseum einzurichten, für das inzwischen jedoch ein Neubau am Anhalter Bahnhof geplant ist. Trotzdem zieht das Kollwitzmuseum raus aus seinem Haus, denn eine heute ortsübliche Miete kann es in Kurfürstendammnähe auf Dauer nicht erwirtschaften. 

Ab 1. April 2022 gilt ein Mietvertrag für den Theaterbau des Schlosses Charlottenburg, bis dahin will Josephine Gabler den Standort in der Fasanenstraße offen halten. Für den Jahreswechsel plant sie eine Ausstellung zu Heinrich Zille, mit dem Kollwitz gut befreundet war. Um Zilles kritischen Blick auf die sozialen Missstände im Berlin seiner Zeit soll es gehen. Wann Gabler ihre neue Dauerausstellung im Erdgeschoss des Theaterbau eröffnen kann, weiß sie noch nicht so genau. Die Räume, die bis vor zehn Jahren vom Museums für Vor- und Frühgeschichte genutzt werden, seien gut in Schuss. Anders als in der verwinkelten Fasanenstraße müsse erst eine räumliche Struktur durch eine Ausstellungsarchitektur geschaffen werden. Unter dem Eindruck der Corona-Auflagen musste Gabler die Planungen für den Eingangsbereich komplett überdenken. Er werde nun doch völlig umgestaltet, um eine Stauung von Besuchern auszuschließen. Dafür stünden Mittel aus dem „Neustart“-Programm der Bundesregierung zur Verfügung. Hundertprozentig finanziell abgesichert sind Umzug und Neustart bisher nicht, denn noch sind nicht alle Anträge bewilligt. Und auch wenn alles klappt, wird das Museum 2022 zwar wiedereröffnen, aber nicht in vollem Umfang. Noch bis 2024 sind Bauarbeiten am Dach des Langhansbaus am Schloss Charlottenburg geplant, solange wird der neue Museumsstandort eingerüstet bleiben. Danach räumen die Depots des Museums für Vor- und Frühgeschichte das erste Obergeschoss. Dann erst wird das Kollwitz-Museum dort reichlich Platz für Sonderausstellungen haben, insgesamt 300 Quadratmeter mehr als in der Fasanenstraße. „Aber man kann bis dahin auch im kleinen Format sehr schöne Sachen machen“, verspricht Josephine Gabler. Hauptsache, es geht irgendwie weiter. 

Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstraße 24, zur Zeit geöffnet Mo-Fr von 10-16 Uhr. Zeitfenstertickets und Informationen: www.kaethe-kollwitz.berlin

Montag, 31. Mai 2021

Das Schloss der Republik

"Jahrzehntelang haben Monarchisten und Kommunisten gleichermaßen behauptet, das Schloss sei das Schloss der Hohenzollern gewesen. Es ist an der Zeit, daran zu erinnern, was es seit der Revolution wirklich gewesen ist: das Schloss der Republik", schreibt Christian Walther in seiner illustrierten Geschichte des Berliner Stadtschlosses, das 1950 abgerissen wurde und als Humboldt-Forum inzwischen wiederauferstanden ist. Mit einem erfrischenden Kunstgriff erzählt der Journalist die Geschichte des Hohenzollernpalastes aus der Perspektive von neun Frauen, die von 1918 bis zum Abriss in dem Gebäude arbeiteten. Die Physikerin Lise Meitner hielt im Schloss Vorträge für die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wisssenschaften, deren Generalverwaltung im Schloss untergebracht war; wie auch angegliederte Institute, in denen etliche junge Wissenschaftlerinnen beschäftigt waren. Eine von ihnen, Marguerite Wolff, publizierte nicht nur zum Völkerrecht, sondern mit einem Co-Autor einen Leitfaden für Autofahrer, ehe sie 1933 als Jüdin ihre Stelle verlor und ins Exil ging. Die Österreicherin Eugenie Schwarzwald funktionierte in der Inflationszeit die Schlossküche für die Speisung von Bedürftigen um, und die Reichstagsabgeordnete Marie-Elisabeth Lüders setzte sich dafür ein, dass Studentinnen sich in einer Wohnung im Schloss tagsüber entspannen und ungestört arbeiten konnten. Vor dem Abriss erhielt die Fotografin Eva Kemlein den Auftrag, die Kriegsruine umfassend zu dokumentieren. Viele unbekannte und überraschende Aspekte der Nutzungsgeschichte des Schlosses hat Christian Walther ausgegraben, die sich mit der Zukunft seines Wiedergängers als Humboldt-Forum berühren. Schon in der Weimarer Republik war das Schloss Sitz der Deutschen Forschungsgemeinschaft und damit ein Ort des Wissens und der Wissenschaften; auch der Deutsche Akademische Austauschdienst hatte dort seine Zentrale. Es gab nicht nur das Schlossmuseum, in vielen Räumen zeigte die Weimarer Republik ein junges, modernes, aufgeklärtes und vielfach weibliches Gesicht.

Christian Walther: Des Kaisers Nachmieter, Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2021, 184 Seiten, 151 Abbildungen  ISBN: 978-3-947215-28-7, 25 €

Donnerstag, 1. April 2021

Der vergessene Garten der TU Berlin. Entdeckungsreise mit einem Buch von Dorothea Zöbl

Borsigs Arkaden auf dem TU-Gelände


Von Michael Bienert. Viel altes Berlin kennt man nur von Postkarten, Zeichnungen, alten Fotos. Umso verblüffender, wenn dann plötzlich etwas dasteht, das völlig verschwunden schien. So ist es mir dieser Tage mit der Borsigschen Maschinenbaufabrik an der Chausseestraße gegangen und mit dem alten Berliner Dom im Lustgarten. Beides wurde in der Kaiserzeit abgerissen, um Platz für Neues zu schaffen. Doch zur selben Zeit plante Berlin einen neuen Wissenschaftscampus im Neuen Westen, in Charlottenburg, auf dem heutigen TU-Gelände. Als Anschauungsobjekt für den Architekturunterricht und das Fach Ornamentzeichnen wurden hinter dem neu errichteten Riesenbau der Technischen Hochschule zierliche Arkaden wiederaufgebaut, die dreißig Jahre den Eingangsbereich der Borsigschen Fabrik von der Straße getrennt und den Arbeitern in der Pausen Schutz vor Regen geboten hatten. Und auch eine elf Meter hohe ionische Säule des Schinkeldoms fand in der Nähe einen neuen Platz und diente fortan als Muster für angehende Architekten. 

Entdeckt habe ich die Spolien durch einen Zufall: In der Senatsbibliothek fiel mein Blick auf eine Neuerwerbung, Dorothea Zöbls „Der vergessene Garten der TU Berlin“ (Gebrüder Mann Verlag, 2019, 140 Seiten, 29,90 Euro). Ein wunderbar gelungener, hervorragend illustrierter Stadtteilführer, der die Augen für die historischen Schichtungen öffnet im Dreieck zwischen Ernst-Reuter-Platz, Straße des 17. Juni, Fasanen- und Hardenbergstraße. Bis in die 1950er-Jahre durchschnitt dieses Gelände die Kurfürstenallee, inzwischen zur Flanierstrecke umgewandelt, mit reizvollen Einblicken in die Bildhauerateliers der Universität der Künste und die kleine Fabrikstadt, die seit der Kaiserzeit die ehemalige Technische Hochschule mit Wärme und Strom versorgte. Zur Zeit ist man da fast ganz alleine, denn die TU-Institute sind wegen Corona für den Publikumsverkehr geschlossen. Der Campus aber ist weiterhin für Spaziergängerinnen und Spaziergänger zugänglich. 

Zöbls Buch ruft auch politische Geschichte in Erinnerung, etwa die Sitzungen des Deutschen Bundestages, der in den 1950er-Jahren im neusachlichen Physikgebäude tagte. Dort am Eingang erinnert immerhin eine Tafel an Ernst Ruska, nach dem der Bau heute benannt ist: Ruska erfand um 1934 Elektronenmikroskop und erhielt 1986 den Physiknobelpreis. Überhaupt wundert man sich, wie wenig Information zur Geschichte auf dem Campus zu finden ist. Dorothea Zöbls Buch geht von den Spolien aus und befragt diese Fundstücke detektivisch nach den komplexen historischen Zusammenhängen, in denen sie standen. Es ist ein großes berlinologisches Vergnügen, ihrer Recherche zu folgen. 

Zu den Verlagsinformationen über das Buch