Von Michael Bienert Sehr versteckt hängt im Haus der Kulturen der Welt eine der üblichen
Berliner Gedenktafeln aus KPM-Porzellan zur Erinnerung an Bettine von Arnim.
Sie wohnte ab 1847 bis zu ihrem Tod 1859 in einem verschwundenen Haus am
Tiergartenrand mit der Adresse In den Zelten 5. Doch es gibt noch mehr
verschwundene Adressen – nicht weniger als 16 Wohnorte Bettines in Berlin
lassen sich nachweisen und weisen sein als Wahlberlinerin aus. Geboren in
Frankfurt am Main, fühlte sie sich in der Geselligkeit der preußischen Hauptstadt
wohler als in der Abgeschiedenheit von Schloss Wiepersdorf, wo ihr Mann, der
Dichter Achim von Arnim, ein Gut bewirtschaftete – und wo Bettine begraben
liegt.
Dass auch das Leben in der Hauptstadt idyllisch sein konnte,
dokumentiert ein Brief der eben verheirateten Ehefrau aus der ersten
gemeinsamen Wohnung des Paares in der Wilhelmstraße, adressiert an Goethe am 8.
Mai 1811: „Ich wohne hier in einem Paradies! Die Nachtigallen schmettern in den
Kastanienbäumen vor meinem Schlaffenster, und der Mond, der nimmer so hell
geschienen, weckt mich mit vollen Strahlen (…): von morgens früh an gehe ich
der Musik nach, und Arnim treibt seine eigenen Geschäfte; gegen Abend
bearbeiten wir ein kleines Gärtgen hinter unserem Häuslein, das mitten in einem
großen Garten steht; und nun! Philemon und Baucis konnten nicht ruhiger leben.“
Das Ehepaar hatte mehrere Kinder, lebte sich aber in den
folgenden Jahren ziemlich auseinander. Die schöpferische Energie der musisch
begabten und politisch interessierten Bettine drohte zwischen Erziehungs- und
Hausarbeit zu ersticken. Erst als Arnim 1831 plötzlich an einem Schlaganfall
starb, da war Bettine 45 Jahre alt, begann ihr Eigenleben als Schriftstellerin.
Als Adlige ergriff sie in ihren Büchern Partei für die Benachteiligten, für die
Selbstbestimmung der Frauen, für die politische Mitsprache der Bürger und
Arbeiter, und versuchte dem preußischen König die Augen für die Not der
Armen öffnen. Sie machte sich damit angreifbar und wurde bespitzelt, wie aus
einem Geheimdienstbericht von 1847 über die Berliner Salons hervorgeht: „Die
Tendenz der Teegesellschaften ist eine sozialistische, indem die Versammelten
sich vorzugsweise über ein in Wesen und Form zu verbesserndes Lebens unterhalten
und besprechen. Vorzüglich ist es das weibliche Geschlecht, das sich nach der
Befreiung von den Fesseln des Herkommens, der Mode der Konvenienz sehnt. Unter
allen Frauen dieser Art in Berlin, die einen öffentlichen Ruf genießen, ist
Bettina von Arnim unstreitig die erste und bedeutendste. Daß ihre Abendzirkel
den bezeichneten Charakter haben, ist hier allgemein und selbst dem Hofe
bekannt.“
Sonja Hilzinger gibt in ihrem Frankfurter Buntbuch eine
knappe, schön illustrierte Einführung in Leben und Werk, die das Moderne, das Unbequeme
und Mutige in Bettines gelebtem Lebensentwurf unterstreicht.
Sonja
Hilzinger: „Herzhaft in die Dornen der Zeit greifen…“ Bettine von Arnim in Berlin
(1810-1859), Frankfurter Buntbuch 67, Verlag für Berlin-Brandenburg 2020, 32
Seiten, 23 Abbildungen, Broschur mit Schutzumschlag, ISBN:
978-3-947215-94-2, € 8,00.