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Sonntag, 23. August 2015

glanz & krawall: ORFEO in der Psychiatrie

Foto: glanz & krawall
Bisher machte das Musiktheaterkollektiv glanz & krawall mit seinen Produktionen Technoclubs, Amphitheater und Stummfilmkinos unsicher. Nun wagt es sich auf neues Terrain und bringt Claudio Monteverdis ORFEO in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin Mitte. Das Publikum begibt sich mit Orfeo auf die Suche nach der verloren geglaubten Eurydike und wird Zeuge der Anstrengung, die Geliebte in die eigene Wirklichkeit zurückholen. Dabei überlagern sich immer stärker Hoffnungen und Wünsche mit Ängsten und Projektionen. Ist Eurydike real oder ein Produkt von Orfeos Imagination? Und wenn es diese Beziehung tatsächlich niemals gab, wäre das wirklich so schlimm? Die Regisseurin Marielle Sterra inszeniert Monteverdis frühe Oper (1607) an verschiedenen Orten im historischen Gebäude der Alten Nervenklinik der Charité - bei laufendem Krankenhausbetrieb. Unweit des Berliner Hauptbahnhofs befindet sich dieser blinde Fleck einer rational durchgeplanten Gesellschaft. ENTWEDER WIR BLEIBEN IM IRRENHAUS ODER DIE WELT WIRD EINS, steht dort auf einem Gemälde eines Patienten.

Dienstag, 11. August 2015

Kästners Berlin live: DIE SCHOLLE lädt ein am 27. August

Dirk Lausch (links) hat Michael Bienert (rechts) nach
einem Interview auf dem Schöneberger Gasometer
zu einer Lesung eingeladen.
Die Wohnungsbaugesellschaft DIE SCHOLLE lädt ein zur Autorenlesung mit Michael Bienert am  Donnerstag, 27. August 2015, 15:00 Uhr im Scholle-Treff, Wilmersdorf Düsseldorfer Straße 24 B 10707 Berlin, Eintritt frei!
"Für das aktuelle Scholle-Blättchen haben wir den bekannten Autor Michael Bienert auf dem Gasometer interviewt. Wir sind sehr froh und dankbar, dass es uns gelungen ist, ihn zu einer Lesung aus seinem großartigen und hochgelobten Buch „Kästners Berlin“ in den Scholle-Treff einzuladen. Bienert beschreibt darin die literarischen Orte, die mit Erich Kästner (1899 - 1974), seinen Werken und Berlin verbunden sind. Freuen Sie sich auf Begegnungen u. a. mit Emil Tischbein, Pünktchen und Anton, dem Studenten Fabian und erfahren Sie, warum der Besuch vom Lande am Potsdamer Platz vor Angst die Beine krumm macht … Wenn Sie Interesse haben, nimmt sie der „Literaturdetektiv“ Michael Bienert im Anschluss mit auf einen kurzen Spaziergang durch den Kiez. Moderiert wird die Lesung von Rudi Schalk, der sicherlich auch das eine oder andere Gedicht von Erich Kästner rezitieren wird."
Bitte melden Sie sich bis zum 25. August unter 896 008 37 (Mo - Do),  0175 742 32 01 oder dlausch@maerkische-scholle.de bei Herrn Lausch an. Parole Emil!"

Montag, 27. Juli 2015

Im Theater (58): Saisonabschluss in Bamberg mit der "Zauberflöte"

Foto:Thomas Bachmann / Sommer Oper Bamberg
Auf Recherchetour in Bamberg schaut sich der Berlinologe, der auch im Urlaub an seinem neuen Buch über E. T. A. Hoffmanns Berlin weiterschreibt, das Theater an, wo Hoffmann ab 1808 ein paar Jahre als Kapellmeister, Bühnenbildner, Komponist und Mädchen für alles gearbeitet hat.
Gestern war dort großer Kehraus: mit einem Fest in der Studiobühne und dem angrenzenden Park hat sich das Ensemble um den Intendanten und Hoffmannologen Rainer Lewandowski endgültig von seinem Bamberger Publikum veranschiedet. Seit der Spielzeit 1989/90 - länger als Frank Castorf an der Berliner Volksbühne und für Bamberger Verhältnisse ähnlich erfolgreich - hat Lewandowski das Haus geleitet. In diese Zeit fällt der kluge Aus- und Umbau des gut 200 Jahre alten Stadttheaters, dessen Zuschauerraum im klassizistischen Stil des 19. Jahrhunderts wiederhergestellt wurde: Nicht viel anders hat er ausgesehen und wohl auch nicht gelungen, als Hoffmann hier arbeitete. Gestern abend wurde dort zum Saisonschluss eines seiner Lieblingsstücke aufgeführt, Mozarts "Zauberflöte". Eine Produktion der Sommer Oper Bamberg mit 17 jungen Nachwuchssängern (450 hatten sich beworben) und einem kleinen, handverlesenen Orchester mit wunderbar trocken-präzisem Klang aus dem Orchestergraben, geleitet von Till Fabian Weser.
Ein Workshop mit der Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager hat die Sänger mit wenig Bühnenerfahrung auf die Arbeit mit der Regisseurin Doris Sophie Heinrichsen vorbereitet, das Ergebnis war im Szenischen nicht immer  perfekt, konnte sich aber sehen und vor allem hören lassen. Die Hauptrollen waren doppelt besetzt, bei der letzten Vorstellung gestern wechselten die Sänger in der Pause; besonders positiv fielen auf Jasmin Maria Hörner als anmutig-blonde Bilderbuch-Pamina, die beiden Königinnen der Nacht Danae Kontora und Svetlana Merzlova und die beiden Papagenos im Cowboylook Ludwig Obst und Oliver Pürckhauer. Als Amazonentrio aus einem Guss überzeugten die drei Damen der Königin der Nacht (Simone Krampe, Isabel Segarra und Ulrike Malotta).
Das Bühnenbild stellte eine Bibliothek vor, einen Tempel des Wissens mit gemalten Bücherregalen zu beiden Seiten wie auf einer historischen Kulissenbühne, verwandelbar durch Videoprojektionen im Hintergrund. Den Palast Sarastros und den Garten der Vernunft so zu deuten, als Ort der Bildung, leuchtet ein. 
Solche Aufführungen leben nicht davon, dass alles routiniert bis aufs i-Tüpfelchen zu Ende inszeniert ist oder das Theater neu erfunden wird, sondern von der hohen Motivation der Nachwuchskünstler, die ihre Chance zu nutzen und ihr Bestes geben. Kurzum: Diese Aufführung lebte und es war ein großes Vergnügen, sie sich anzusehen. Es war die sechste Produktion der Sommeroper in nunmehr zehn Jahren und hoffentlich bleiben die Sponsoren bei der Stange, damit es in zwei Jahre wieder eine so gelungene Nachwuchsförderung geben kann.

Dienstag, 7. Juli 2015

Schnell und billig Wohnungen bauen - heute und vor 80 Jahren

Die Museumswohnung in Haselhorst
Foto: Sabine Dobre/Gewobag
Berlin soll schon bald wieder vier Millionen Einwohner haben, so steht es heute in allen Zeitungen. Das heißt: Es muss gebaut werden. Wohnungen für Geringverdiener waren schon im Berlin der Weimarer Republik Mangelware. In einem Beitrag für das rbb-Inforadio schlägt Susanne Gugel den Bogen von der 1930 bis 1935 errichteten Reichsforschungssiedlung in Spandau zu heutigen Aufgaben im Wohnungsbau. Dafür hat sie Michael Bienert in der Museumswohnung in Haselhorst befragt. Zum Beitrag

Die Museumswohnung in Haselhorst kann jeweils am letzten Sonntag im Monat und am Tag des offenen Denkmals 2015 besichtigt werden. Mehr Infos

Im Berlin Story Verlag ist eine zweite, erweiterte Auflage von Michael Bienerts Buch Moderne Baukunst in Haselhorst erschienen, in dem auch die Museumswohnung vorgestellt wird. 

Sonntag, 14. Juni 2015

Friedenauer Lesenacht: Kästner auf der Dachterrasse

So idyllisch sieht es auf der Dachterrasse des Hauses Niedstraße 6 aus, wo Michael Bienert am kommenden Samstag, dem 20. Juni 2015, um 20.40 und 21.20 Uhr aus seinem Buch Kästners Berlin liest. Die Veranstaltung findet im Rahmen der Friedenauer Lesenacht statt, bei der zahlreiche Autoren an ungewöhnlichen Orten auftreten. Zum Programmheft

Nachtrag: Wegen des gewaltigen Publikumsandrangs musste die Veranstaltung dann doch auf dem Dachboden stattfinden, was der Stimmung allerdings keinen Abbruch tat, wie die folgenden Fotos zeigen...

Auf dem höchsten Berg Berlins...

Michael Bienert auf dem Höhenkamm der Arkenberge
Foto: Sonja Buchholz
...war heute zum ersten Mal Gipfelfest. Im vergangenen Jahr ist die Bauschuttdeponie Arkenberge am  nordöstlichen Stadtrand über den Teufelsberg hinausgewachsen und gilt nun offiziell mit 122 Metern über Normalnull als höchste Erhebung innerhalb der Berliner Stadtgrenze. Das Gelände soll künftig als Naherholungsgebiet und Naturerlebnispark genutzt werden. Weitere Informationen

Freitag, 5. Juni 2015

Im Kino: "Die Frau in Gold"

Wir sind wegen Helen Mirren ins Kino gegangen, die so liebenswert schräge, sensible, nervige, stolze, stilbewusste ältere Damen verkörpert. Diesmal ist es Maria Altmann, eine inzwischen verstorbene jüdische Emigrantin aus Wien: Sie verklagte den österreichischen Staat vor einem Jahrzehnt mit Erfolg auf die Herausgabe des goldtrahlenden Klimt-Porträts von Adele Bloch-Bauer, ihrer Tante, das in der Nazizeit unrechtmäßig aus Familienbesitz entwendet worden war. Der Spielfilm folgt dem Kampf der alten Dame und ihres jungen Anwalts Randal Schoenberg (Ryan Reynolds) durch alle Instanzen und Winkelzüge, mit Rückblenden in die Zeit des "Anschlusses" Österreichs an Nazideutschland und der Ausplünderung des jüdischen Großbürgertums.
Sie machen die versteckten, verdrängten Wunden sichtbar, die in der Holocaust-Überlebenden Maria Altmann, dem nachgeborenen Anwalt aus der Schönberg-Familie und dem Reporter Hubertus Czernin (Daniel Brühl) durch den Restitutionsfall aufbrechen. Im Grunde geht es dabei gar nicht um Kunst oder der irrsinnig hohen Marktwert der geraubten Kunstwerke,  sondern um Gerechtigkeit und ein Schuldeingeständnis des österreichischen Staates: Die Enttäuschung der jüdischen Erbin darüber, dass ihr dies von der Gegenseite verweigert wird und sie die Herausgabe der Raubkunst in einem nervenaufreibenden Kampf erzwingen muss, führt letztlich dazu, dass das berühmte Bloch-Bauer-Porträt heute in einer New Yorker Galerie hängt und nicht mehr im Wiener Belvedere. Für europäische Augen ist dieser Hollywood-Film ein bisschen zu didaktisch und melodramatisch, wirken die Rückblenden in die NS-ein wenig klischeehaft und allzu sentimental, was indes durch die schauspielerische Qualität ausbalanciert wird. Es lohnt sich besonders, diesen Film im umsynchronisierten Original (mit Untertiteln in den Hackeschen Höfen) anzusehen, da er streckenweise zwischen den englischen und deutschen Sprache - mit verschiedenen Akzentfärbungen - wechselt. Zum Trailer

Mittwoch, 3. Juni 2015

Endlich gelesen: Nellja Veremejs "Berlin liegt im Osten"

Blick durch die Brunnenstraße zum Alex,
vom Tagungsort der literarischen Runde zum
Handlungszentrum des Romans
Das literarische Sextett, das gestern in der Berliner Brunnenstraße tagte, war sich einig: Dies ist ein richtig guter Berlin-Roman! Drei emeritierte Lingustikprofessor/inn/en, ein Kulturjournalist, eine Germanistik-Doktorandin und ein Jurist schwärmten sich gegenseitig vor, wie lebensnah, lebensklug und warmherzig Nellja Veremej ihre Geschichte einer aus der zerfallenden Sowjetunion nach Berlin ausgewanderten Altenpflegerin erzählt. Wie das Buch bis zum Schluß spannend bleibt, obwohl es eigentlich keine Entwicklung schildert, weil man immer neue Seiten an den Haupt- und Nebenfiguren entdeckt. So unaufdringlich ist es komponiert, dass man erst vom Ende her das kunstvolle Gewebe der Motive durchschaut - und staunt über das Geschick und die Sprachmächtigkeit einer Autorin, die mit etwa Fünfzig ihr Romandebut vorlegt und seit höchstens zehn Jahren in deutscher Sprache schreibt. "Mit der Liebe stand es nicht gut in unserer Familie. Zwar gab es sie bei uns im Überfluss, nur erwidert wurde sie nicht. Die Liebesstrahlen stießen in alle Himmelsrichtungen in die Leere, sie waren wie die Speichen eines endgültig kaputten und enthäuteten Regenschirms." Veremejs poetische Sprachbilder sind Blitze, die einen Sachverhalt schlagartig erhellen und auf den Punkt bringen. Ihre zweite Hauptfigur, der ehemalige DDR-Journalist und Berlinkenner Ulf, hat die NS-Zeit und die sowjetische Besatzung als Junge miterlebt: Veremej erzählt davon so anschaulich, als wäre sie selbst dabei gewesen, und man fragt sich, woher sie das hat. Der Roman spielt hauptsächlich in den Straßen zwischen Alexanderplatz, Volksbühne und Rosenthaler Platz, so wie Döblins Alexanderplatz-Roman von 1929, und gelegentlich streut die Autorin mit leichter Hand Reminiszenzen daran ein. Ohne Lamoryanz erzählt sie - hochaktuell - von den Schwierigkeiten einer Migrantenfamilie, am Ort ihrer Sehnsucht - Berlin - anzukommen und sich heimisch zu fühlen. Die Familie der Erzählerin Lena zerfällt, ihre Liebesaffäre mit einem selbstbewussten deutschen Arzt zerbricht, noch ehe sie richtig begonnen hat. Liebesroman, Familienroman, Migrantenroman, Ost-West-Roman, Wenderoman: Etwas von allem steckt in diesem Buch, das dabei weder überladen noch leichtgewichtig wirkt, weder  überhitzt noch unterkühlt - und schon gar nicht mittelmäßig. Wir sind extrem gespannt, was von dieser Autorin noch kommt!

Nellja Veremej
Berlin liegt im Osten
Roman
Verlag Jung und Jung
318 Seiten, gebunden, 22 Euro

Montag, 1. Juni 2015

Berlin wird nummeriert - Reprint des Berliner Adressbuchs von 1801 erschienen

Bevor es ein richtiges Adressbuch geben konnte, mussten erst einmal die Häuser in Berlin durchnummeriert werden. 1801 war es soweit: Aus diesem Jahr stammt das erste Adressbuch mit Straßennamen und Hausnummern, die man heute noch wiederfinden kann. Für einen schönen Reprint dieser Rarität hat Michael Bienert ein ausführliches Vorwort über das damalige Berlin und die Entstehung des Adressbuches verfasst.

Zu beziehen über den Shop des Kleist-Archivs Sembdner der Stadt Heilbronn:

http://www.kleist-shop.de/index.php/kategorie-layout/heilbronner-kleist-reprints/berlin-adressbuch-1801-detail