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| Matthias Glaubrecht ist Gründungsdirektor des Centrums für Naturkunde der Universität Hamburg. Foto: Bienert |
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Donnerstag, 29. Dezember 2016
Wird Alexander von Humboldt überschätzt?
Samstag, 24. Dezember 2016
Wie die Futura den Mond eroberte
Von Michael Bienert - Zweckmäßig. Elegant. So wollten Architekten und Designern die Welt nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges umgestalten. Schlichte geometrische Formen galten plötzlich als todschick, auch in der Buchkunst. Serifenlose Schriften, bis dahin fast nur für Reklame und Beschilderungen verwendet, wurden zu einem Erkennungsmerkmal moderner Typografie. Doch die erfolgreichste Schrifttype der neuen Zeit entstand nicht am Bauhaus, sondern wurde von dem erfahrenen Typografen Paul Renner in Zusammenarbeit mit der Bauerschen Schriftgießerei in Frankfurt am Main entworfen. Futura, die Zukünftige, kam 1927 nach dreijähriger Entwicklungszeit auf den deutschen Markt. Renner löste das Problem, die eigentlich aus der Schreibschrift stammenden Kleinbuchstaben aus den geometrischen Grundformen Kreis, Dreieck und Quadrat zu konstruieren und harmonisch mit den Großbuchstaben der klassischen Antiqua zu verbinden. Durch feine Abweichungen von der starren Geometrie schuf er ein Schriftbild, das so ausgewogen und lesefreundlich wirkte wie traditionelle Druckschriften.
Ein wunderschön in allen Futura-Varianten gesetztes Buch und eine Ausstellung (noch bis 30. März 2017 im Gutenberg-Museum Mainz) zeichnen den weltweiten Siegeszug der Schrift nach. Kurt Schwitters etwa benutzte sie Futura für ein neues Corporate Design der Stadt Hannover, von Bauhausmeistern wie Laszlo Moholy-Nogy wurde die Futura kopiert, in Frankreich unter dem Namen „Europe“ vertrieben, in den USA machten das Magazin „Vanity Fair“ und Werbegrafiker sie ab 1929 populär.
Da Paul Renner 1932 in der Schweiz eine Streitschrift gegen die Kulturpolitik der Nazis hatte drucken lassen, vertrieben sie ihn vom Direktorenposten der Münchner Meisterschule für Deutschlands Buchdrucker. Doch die Futura wurde weiter benutzt, etwa vom „Verlag nationalsozialistischer Bilder“ des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann. Fans hatte sie auch bei der US-Weltraumagentur NASA: Für die Beschriftung der Gedenkplakette, die 1969 die ersten Mondbesucher am Landungsort hinterließen, kam einzig die Futura in Frage.
Petra Eisele, Annette Ludwig, Isabel Nagele (Hg.)
Futura. Die Schrift
Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2016
520 Seiten, 50 Euro
Petra Eisele, Annette Ludwig, Isabel Nagele (Hg.)
Futura. Die Schrift
Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2016
520 Seiten, 50 Euro
Donnerstag, 22. Dezember 2016
Pumpernickel und andere Merkwürdigkeiten aus der Provinz. Ein Buch über westfälische Erinnerungsorte
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| Typisch Westfalen: Windmühle in Holzhausen Foto: Bienert |
Von Elke Linda Buchholz - 350 km liegt die Porta Westfalica von Berlin entfernt. Aber
in Gedanken ist man auch als Hauptstadtbewohner in Nullkommanix da.
Erinnerungen tragen weit und fern: Auch sie sind Markierungen, Einschreibungen,
Orte, an die man zurückkehren kann. Sofern sie nicht im Nebel der Vergangenheit
verblassen und verschwinden. Um sie anzupeilen, hilft Information.
Punktuelle Tiefenbohrungen ins unwägbare Reich des
Westfälischen unternehmen die über 40 Autoren des jetzt erschienenen Bandes
"Westfälische Erinnerungsorte", herausgegeben von Lena Krull.
HistorikerInnen und StudentenInnen haben sich mehr als drei dutzend Aspekte
herausgepickt aus dem weitläufigen Terrain. Zwei Seminare der Uni Münster
schoben das Projekt an. Tatsächlich ansteuerbare "Orte", wie der
Teutoburger Wald oder der Möhnesee sind auch dabei. Vor allem aber geht es, im
Sinne der "lieux de mémoire" des französischen Historikers Pierre
Nora, um Abstrakta, um historische Ereignisse und prägende Phänomene, die
Westfalen im Denken der Gegenwart markieren. Und das kann auch der westfälische
Pumpernickel sein. Wo kommt eigentlich dieser komische Name her? Aus dem
Französischen womöglich? Und was ist so westfälisch an dem grobschlächtigen
Brot, das mindestens 16 Stunden nur aus Roggenkörnern, Wasser und Salz gegart
wird? Schon im 16. Jahrhundert lag das westfälische Backwerk einem
durchreisenden italienischen Humanisten schwer im Magen, wie man erfährt.
Die Porta Westfalica selbst rückt durch handfeste
denkmalpflegerische Aktivitäten derzeit ohnehin buchstäblich wieder stärker in
den Blick. Dort, wo der Weserlauf schon im Jurazeitalter sich seinen Weg durch
den Riegel von Wiehen- und Wesergebirge bahnte – was im Volksglauben nur mit
Teufels und Gottes Eingreifen geschehen sein konnte –, platzierte die
Kaiserzeit ein kapitales Kaiser-Wilhelm-Denkmal. 1896 weihten 20.000 mit
Sonderzügen angereiste Gäste und Kaiser Wilhelm II. es bei Sturm und Regen ein.
Der riesige Trumms wilhelminischer Denkmalskunst harrte in den
Nachkriegsjahrzehnten als Sonntagsausflugsziel hoch oben auf dem Berg aus,
wenig geliebt, aber eben vorhanden und rundum zunehmend zugewuchert von Baum-
und Buschwerk. Neuerdings wird das architektonische Renommierstück durch den
Eigentümer, den Landschaftsverband Westfalen-Lippe, aufwendig saniert,
freigeschnitten, durch Ausgrabungen arrondiert und wieder samt Vorplatz und
Substruktionen in seinen imposanten Maßen erlebbar gemacht. Ein riesiges
Restaurant im Sockelgeschoss soll Ausflügler verköstigen, die, so hofft man, in
Massen strömen werden. Bühne der Erinnerung oder kommerzielles Highlight? Auf
dem mattschwarzen Cover glimmt das Wahrzeichen als schimmernd neongrüne
Architekturzeichnung, als sei es ein virtuelles Luftschloss.
Lena Krull (Hg.)
Westfälische Erinnerungsorte
Beiträge zum kollektiven Gedächtnis einer Region
Ferdinand Schönigh Verlag, 2016
592 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 34,90 Euro
Freitag, 2. Dezember 2016
Haus Buchthal - Ausstellung in der Galerie Aedes
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| Foto: Elke Linda Buchholz |
Kapitel zwei. Kaum fünf Jahre wohnte das Paar mit seinen drei Kindern in dem gewagten Objekt, dann reichte es der Familie. Buchthals engagierten einen neuen Architekten. Als Ernst Freud, Sohn des Psychoanalytikers, sein Umbauwerk 1928 vollendet hatte, war die expressionistische Villa Buchthal praktisch aus dem Stadtbild verschwunden. Statt schräger Winkel, Kanten und Ecken dominierten nun glatte weiße Mauern und schlichte Rechteckfenster. Im Inneren wurden die komplexen Grundrisse vereinfacht, soweit möglich. Zusätzliche Obergeschossräume und eine üppige Dachterrasse erweiterten die Wohnfläche. Nicht wiederzuerkennen, das Haus! Weiterlesen im Tagesspiegel
Bauen mit Holz - Ausstellung im Martin-Gropius-Bau
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| © Architekturmuseum der Technischen Universität München |
Montag, 21. November 2016
Antiquaria-Preis 2017 für den "Schriftgott" Friedrich Forssmann
Friedrich Forssmann ist der Star unter den Buchgestaltern in Deutschland, es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann er den Antiquaria-Preis für Buchkultur erhalten würde. Nun ist es soweit, am 26. Januar 2017 wird der Preis im Rahmen der Antiquariatsmesse Ludwigsburg verliehen. Im März dieses Jahres war Forssmann in Berlin, damals schrieben wir über seinen Auftritt:
Die Ankündigung seines Vortrags zur Frage "Was ist gute Buchgestaltung?" zwang die Staatsbibliothek gestern abend, kurzfristig einen neuen Raum in der nahen Universität zu aquirieren, so groß war der Andrang der Neugierigen. Natürlich konnte Forssmann die Frage nicht abschließend beantworten (dann bräuchten wir ja auch keine kreativen Typografen und Umschlagkünstler mehr), unterhielt sein Publikum aber zwei Stunden lang prächtig. Er präsentierte Beispiele vor allem aus der eigenen Produktion und erklärte seine Beweggründe für die Wahl unterschiedlicher Gestaltungsmittel bei der Inszenierung von Werkausgaben, wissenschaftlichen Schriften, Literaturzeitschriften oder aktueller Belletristik.
Die Ankündigung seines Vortrags zur Frage "Was ist gute Buchgestaltung?" zwang die Staatsbibliothek gestern abend, kurzfristig einen neuen Raum in der nahen Universität zu aquirieren, so groß war der Andrang der Neugierigen. Natürlich konnte Forssmann die Frage nicht abschließend beantworten (dann bräuchten wir ja auch keine kreativen Typografen und Umschlagkünstler mehr), unterhielt sein Publikum aber zwei Stunden lang prächtig. Er präsentierte Beispiele vor allem aus der eigenen Produktion und erklärte seine Beweggründe für die Wahl unterschiedlicher Gestaltungsmittel bei der Inszenierung von Werkausgaben, wissenschaftlichen Schriften, Literaturzeitschriften oder aktueller Belletristik.
Mittwoch, 16. November 2016
Chamisso Schatten - jetzt auch auf DVD
Wer nicht die Gelegenheit hatte oder es einfach nicht geschafft hat, zwölf Stunden im Kino zu verbringen, um der Filmemacherin Ulrike Ottinger auf ihrer Reise in die Beringsee zu folgen, kann das jetzt gemütlich eingemummelt auf dem heimischen Sofa tun. Ab sofort ist ihr Film "Chamissos Schatten" auf vier DVDs erhältlich. Kein schlechtes Weihnachtsgeschenk und ein passender Zeitvertreib für die langen Abende zwischen den Jahren! Mit ihrem Filmteam ist Ulrike Ottinger den Weltreisenden James Cook, Georg Wilhelm Steller und Adelbert von Chamisso in die entlegene Gegend zwischen Sibirien und Alaska nachgefahren, um sie als moderne Ethnologin und Naturforscherin mit der Kamera zu vermessen. Monate verbrachte sie im Schneideraum und montierte die Impressionen von heute mit den historischen Aufzeichnungen früherer Reisender (gelesen von Hanns Zischler, Thomas Thieme und Burkhardt Klaußner) zusammen. Über Ottingers Arbeit und ihre Erfahrungen haben wir bereits berichtet. Hier kann man den außergewöhnlichen, alle herkömmliche Seherfahrungen sprengenden Film bestellen.
Luthers Idee wird zu Stein - Die Reformation in der Architektur
Martin Luther gilt als Schöpfer des deutschen Wortes "Denkmal", die Stätten seines Wirkens stehen wie viele Kirchen heute unter Denkmalschutz. Im Auftrag der Deutschen Stiftung Denkmalschutz hat Elke Linda Buchholz alles Wissenswerte zu diesem Thema zusammengetragen. Die 40-seitige Broschüre Luthers Idee wird zu Stein - Die Reformation in der Architektur können Sie gratis hier bestellen.
Mittwoch, 9. November 2016
Fred Hildenbrandts Erinnerungen ans Berlin der Zwanziger Jahre neu ediert
Von Michael Bienert - Leider liegt ein Schatten von Unaufrichtigkeit auf diesem Buch. Wie vertrauenswürdig sind die Erinnerungen eines Journalisten, der von seinem steilen Aufstieg in einem deutsch-jüdischen Zeitungshaus zwischen den Weltkriegen schwärmt, aber verschweigt, dass er sich in den Nazizeit als Buch- und Filmautor genauso geschmeidig dem Ton der Zeit anpasste?
Zehn Jahre lang, von 1922 bis 1932, leitete der in Stuttgart geborene Fred Hildenbrandt das Feuilleton des „Berliner Tageblatts“, das sich als liberales „Weltblatt“ verstand. Er hob Gedichte von Else Lasker-Schüler und Feuilletons von Erich Kästner ins Blatt und bemühte sich um faire Honorare für seine Autoren. Als einflussreicher Feuilletonchef begegnete er der Kulturprominenz der Zeit auf Augenhöhe, oft auch privat auf Partys oder als Wochenendgast. Hildenbrandt spielte Tischtennis mit Hans Albers, tanzte mit Josephine Baker und Gret Palucca, flirtete mit Marlene Dietrich.
Federleicht erzählt er in seinem nach dem Zweiten Weltkrieg verfassten, 1966 postum erschienenen Erinnerungsbuch von schillernden Begegnungen im Kulturbetrieb der „Roaring Twenties“. Dass viele seiner jüdischen Freunde in der Nazizeit drangsaliert wurden, verschweigt er nicht, doch blendet er völlig aus, wie anpassungsfähig er selbst sich durch die braunen Jahre lavierte. Und am Schluss des Buches bleibt völlig unerklärt, wie sich denn 1932 ein „unerbittliches Unheil“ über den Verlagshaus der jüdischen Verlegerfamilie Mosse zusammenbraute und warum Hildenbrandt dem später von den Nazis drangsalierten Chefredakteur Theodor Wolff kündigte, ehe es für ihn brenzlig wurde. Die Schuld für den Niedergang des Verlags schiebt Hildenbrandt dem Verlagschef Hans Lachmann-Mosse in die Schuhe, der sicher Fehler machte, aber auch in einer nahezu aussichtlosen wirtschaftlichen und politischen Lage steckte und schließlich von den Nazis mit seiner Familie in die Emigration gezwungen wurde.
So erhellend es ist, was Hildenbrandt über das Innenleben eines großen Zeitungshauses zum Zeitpunkt seines Eintritts in den Verlag erzählt, so wenig Insiderwissen gibt er über die Situation kurz vor der Machtübernahme der Nazis preis. Das schmälert dann doch das Vergnügen an diesem ansonsten so flott und amüsant hingeworfenen Anekdotenbuch. Immerhin weist ein Nachwort von Thomas Zeipelt auf die braunen Flecken in der Autorenbiografie hin. Nicht unbedingt zwingend erscheint die Kürzung des Textes der Memoiren um zwölf Kapitel, insbesondere der farbige Bericht über eine spektakuläre Hochzeitsfeier in der Berliner Unterwelt fehlt: Damit baut das bildhübsche Bändchen aus dem Transit Verlag die 3-Euro-Altausgaben aus dem Antiquariat selbst zu einer Alternative auf.
Fred Hildenbrandt
„... ich soll dich grüßen von Berlin“.
Erinnerungen 1922-1932
Transit Verlag, Berlin 2016
92 Seiten, 19,80 Euro
Zehn Jahre lang, von 1922 bis 1932, leitete der in Stuttgart geborene Fred Hildenbrandt das Feuilleton des „Berliner Tageblatts“, das sich als liberales „Weltblatt“ verstand. Er hob Gedichte von Else Lasker-Schüler und Feuilletons von Erich Kästner ins Blatt und bemühte sich um faire Honorare für seine Autoren. Als einflussreicher Feuilletonchef begegnete er der Kulturprominenz der Zeit auf Augenhöhe, oft auch privat auf Partys oder als Wochenendgast. Hildenbrandt spielte Tischtennis mit Hans Albers, tanzte mit Josephine Baker und Gret Palucca, flirtete mit Marlene Dietrich.
Federleicht erzählt er in seinem nach dem Zweiten Weltkrieg verfassten, 1966 postum erschienenen Erinnerungsbuch von schillernden Begegnungen im Kulturbetrieb der „Roaring Twenties“. Dass viele seiner jüdischen Freunde in der Nazizeit drangsaliert wurden, verschweigt er nicht, doch blendet er völlig aus, wie anpassungsfähig er selbst sich durch die braunen Jahre lavierte. Und am Schluss des Buches bleibt völlig unerklärt, wie sich denn 1932 ein „unerbittliches Unheil“ über den Verlagshaus der jüdischen Verlegerfamilie Mosse zusammenbraute und warum Hildenbrandt dem später von den Nazis drangsalierten Chefredakteur Theodor Wolff kündigte, ehe es für ihn brenzlig wurde. Die Schuld für den Niedergang des Verlags schiebt Hildenbrandt dem Verlagschef Hans Lachmann-Mosse in die Schuhe, der sicher Fehler machte, aber auch in einer nahezu aussichtlosen wirtschaftlichen und politischen Lage steckte und schließlich von den Nazis mit seiner Familie in die Emigration gezwungen wurde.
So erhellend es ist, was Hildenbrandt über das Innenleben eines großen Zeitungshauses zum Zeitpunkt seines Eintritts in den Verlag erzählt, so wenig Insiderwissen gibt er über die Situation kurz vor der Machtübernahme der Nazis preis. Das schmälert dann doch das Vergnügen an diesem ansonsten so flott und amüsant hingeworfenen Anekdotenbuch. Immerhin weist ein Nachwort von Thomas Zeipelt auf die braunen Flecken in der Autorenbiografie hin. Nicht unbedingt zwingend erscheint die Kürzung des Textes der Memoiren um zwölf Kapitel, insbesondere der farbige Bericht über eine spektakuläre Hochzeitsfeier in der Berliner Unterwelt fehlt: Damit baut das bildhübsche Bändchen aus dem Transit Verlag die 3-Euro-Altausgaben aus dem Antiquariat selbst zu einer Alternative auf.
Fred Hildenbrandt
„... ich soll dich grüßen von Berlin“.
Erinnerungen 1922-1932
Transit Verlag, Berlin 2016
92 Seiten, 19,80 Euro
Montag, 7. November 2016
Blind Date mit dem Hasen - Cornelia Schleime erhält den Hannah-Höch-Preis - Ausstellung in der Berlinischen Galerie
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| Cornelia Schleime (2010). Foto: E. L. Buchholz |
Cornelia Schleime ist eine Künstlern, die seit vielen Jahren am klassischen Pinselmetier festhält. Märchenhaftes bevölkert ihre hybriden Gemälde: Rehlein, Froschbein, Mädchenzopf, Möwenflug. Frauengesichter im Close-Up verschwistern sich mit Anleihen aus Tierreich. Darin nistet auch Erotik. Es geht ums Jagen und Gejagtwerden, ums Verletzlichsein und Gefährlichsein. Auch dem Papst Wojtyla ist die Malerin, selbst katholisch erzogen, zwar in einer Bildserie schon auf den Leib gerückt. Aber ansonsten dominieren bei ihr die Frauen. Sie proben Rollen und Posen, vollführen Metamorphosen. Sie tragen Geweih oder Federn, Schlangenleib oder Rattenkrallen. Jede dieser Rehfrauen, Zopfmädchen und Handschuhträgerinnen könnte die Künstlerin selbst sein. Bei aller mädchenschlanken Zartheit stattet sie ihre Geschöpfe mit einer sehr widerständigen Kraft aus. Furchtlosigkeit blickt einem aus den Augen dieser Frauen entgegen. Sie verführen. Und irgendwas in ihnen ist gefährlich.
Dass Schleime nicht nur im Grenzbereich zwischen Innen- und Außenwelten navigiert, sondern auch in Sprachbildern denkt, verraten Werktitel wie "Wer aus mir trinkt, wird ein Reh", "Die Nacht hat Flügel" oder "Leise spricht die Zunge". Auch einen Roman hat sie schon geschrieben. Er heißt "Weit fort", bearbeitet aber autobiographische Erfahrungen, die der Künstlerin allzu nahegingen. "Ein Wimpernschlag" nennt Schleime nun ihre längst überfällige Retrospektive, die ihr die Berlinische Galerie in diesem Herbst widmet. Der federleichte Titel nimmt dem Anlass seine Wucht: Geehrt wird Schleime für ihr Lebenswerk mit dem Hannah-Höch-Preis, dem wichtigsten Kunstpreis des Landes Berlin. Man bekommt ihn erst nach dem 60. Geburtstag. Rückschau also ist angesagt. (Augenblicke, Blinzeln, ein Leben im Zeitraffer. Doch Vorsicht.) "Inszenieren tu ich mich immer", meinte die Künstlerin einmal in einem Dokumentarfilm: "Ich glaube, damit bin ich schon zur Welt gekommen."
Seit über einem Jahrzehnt hat sich die Großstadtpflanze Schleime dem Biotop Berlin entzogen. Ihr Prenzlberger Wohnatelier steuert sie nur noch sporadisch an. Ansonsten schätzt sie Freiraum und Freiblick im Ruppiner Land. Dort auf dem Dorf hat sie ein altes Gemäuer bezogen, das sich hinten zum freien Feld öffnet. Ohne Grenzen. Geboren wurde Schleime 1953 in Ostberlin. Nicht sehr regimetreu sei ihre Familie gewesen, verrät sie. Aber die Neugier zur frühen Biographie speist die Künstlerin mit wenigen Stichworten ab: Friseurlehre, Maskenbildstudium (abgebrochen), Pferdepflegerin auf der Vollblutrennbahn in Dresden. Wichtiger wird, was dann kommt: Fünf Jahre Kunststudium in der DDR machen Cornelia Schleime zum Teil einer aufmüpfigen Untergroundszene, die sich in Punk, Performances und Atelierausstellungen sich eine eigene Öffentlichkeit kreiert. Ausstellungsverbote bremsen Schleime aus. Sie antwortet mit Kopfeinschnürungen, Körperbemalungen, festgehalten auf Fotos und experimentellen S8-Filmen. Dass der Staat immer mitmischte und selbst das Privateste unterminierte, zeigte sich später, als der Freund Sascha Anderson sich als Stasispitzel entpuppte. Mittlerweile hat Schleime sich mit ihm ausgesöhnt, wie sie unlängst zu Protokoll gab. Was sie vor ihrer 1984 ertrotzten Übersiedlung in den Westen malte, zeichnete und filmte, ist nahezu komplett verschollen. Eine Leerstelle klafft im Oeuvre. Ein paar Fotos, Filmrollen und Reisetagebücher dokumentieren Bruchstücke davon. Und Spuren von Erfahrungen bleiben immer. Die Narben tragen ihre Protagonistinnen noch auf der Haut. Vielleicht sind es diese merkwürdig schrundigen Partien in Schleimes Gemälden aber auch nur Störfelder, bewusst eingebaut, um den Betrachter nicht einzulullen, sondern wachzuhalten. Wachsam und empfänglich für die Untertöne, die Fragen, die diese Bilder stellen und partout nicht beantworten wollen.
Eine Schlüsselszene Schleimes wiederholt sich seit Jahren an verschiedenen Schauplätzen, als One-Woman-Performance: Eine Frau zieht an ihren überlangen Zöpfen einen Kinderwagen hinter sich her. Sie passiert 1993 im buntgetupften Minirock das Haus eines Stasi-Offiziers, streift 2009 barfuß über Brandenburger Stoppelfelder, taucht 2010 in die Ostseebrandung ein, schreitet 2015 in Pelzstiefeln die Orangerie von Schloss Putbus ab. Die Geschichte ist nicht zu Ende. Die Erinnerungen im Schlepptau, geht es voran.
Ausstellung in der Berlinischen Galerie vom 25.11.2016 bis 24.4.2017 http://www.berlinischegalerie.de/ausstellungen-berlin/vorschau/cornelia-schleime/
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