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Freitag, 15. August 2025

Wolkenbilder und Sprachexpression - Der Poet Paul Gurk im Wedding (Ausstellung)

Von Elke Linda Buchholz - Zu viele Eindrücke, zu viele Worte, zu viel Gefühl: In Paul Gurks Romanen herrscht Überdruck, auch in seinem 350-Seiten-Werk „Berlin“, dem heute bekanntesten und am meisten rezipierten Roman. Der Vielschreiber mit Wohnsitz im Wedding hinterließ über 40 Dramen, 30 Romane, dazu Fabeln, Gedichte und andere Textsorten, so genau weiß das wohl niemand zu überblicken. Vieles wurde nie veröffentlicht, ging verloren im Literaturbetrieb der wechselnden Zeiten. Sein immer wieder sich einstellender Misserfolg wurde für Gurk zur Gewohnheit, er empfand sich sowieso als aus der Zeit gefallen. Ein Einzelgänger, den es in der Metropole hielt, obgleich er sich hier nie zu Hause fühlte. Geboren wurde er in Frankfurt an der Oder. Der renommierte Kleist-Preis 1921 macht den über 40jährigen schlagartig berühmt, aber nicht auf Dauer.

In der Ausstellung „Flucht ins Innere. Der Künstler Paul Gurk in der NS-Diktatur“ kann man hineinblättern in ein Dutzend seiner literarischen Arbeiten. Ist ein Autor vergessen, wenn immer wieder einzelne Werke aufgelegt werden? Etwa zum 100. Todestag 1980 kam es dazu und auch jetzt in einer vom Arco-Verlag gestarteten Neuedition, die auf 15 Bände anwachsen soll. Gurks Themenspektrum reicht vom legendären Berliner Berufsverbrecherduo Gebrüder Sass bis zum Luther-Gegenspieler Thomas Müntzer, von Goya bis zu Judas. Wer sich festliest, erweitert in der winzigen Einraum-Ausstellung schnell seinen Horizont. Denn rasch zu fassen ist dieser Autor nicht. Zumal er eben auch Maler war und von Jugend an Musik komponierte. Ein Das Mitte Museum in der Pankstraße nahe Gesundbrunnen nimmt zum Anlass, dass es einiges Nachgelassene von Paul Gurk bewahrt. Anderes liegt in der Akademie der Künste, im Literaturarchiv Marbach, in der Berlinischen Galerie.

„Ich bin Berlin, die große Stadt, aller Laster und Lüste voll“: Die expressionistische Emphase in Gurks Texten fühlt sich heute leicht angestaubt an. Schon als sein Berlin-Roman mit dem Untertitel „Ein Buch vom Sterben der Seele“ 1934 endlich erschien, kam das ein Jahrzehnt zuvor verfasste Buch zu spät. Längst hatten andere, wie Alfred Döblin mit seinem sprachexperimentellen „Berlin Alexanderplatz“ oder Walter Ruttmann mit seiner gefilmten „Symphonie einer Großstadt“ das Feld der Metropolenerfahrung und Großstadtdarstellung moderner beackert. In Gurks literarischen Figuren wie dem ergrauten Büchertrödler Eckenpenn, der schamhaft errötend ein blaues Bändchen mit seinen eigenen Gedichten an junge Mädchen weitergibt, oder dem gegen Dauermüdigkeit ankämpfenden Nachtwächter Ulenhorst in „Ein ganz gewöhnlicher Mensch“ spiegelt der Autor sich selbst. Diesen Kiezroman siedelte er im Wedding an, wo er selber seit 1936 wohnte. Afrikanische Straße 144b, da hängt eine bronzene Gedenktafel, die nichts über den berühmt-vergessenen Bewohner erzählt. Auch die endlos sich reihenden Häuserzeilen der ab 1929 errichteten, neusachlichen Großsiedlung sind gesichtslos. Aber auf die uralte Robinie gegenüber der Haustür fiel wohl schon zu Gurks Zeiten sein Blick, wenn er hinaustrat.

Kurator Jonas Hartmann legt sein Augenmerk vor allem auf diese Jahre unter dem NS-Regime. Er stellt zur Diskussion, ob Gurk tatsächlich als Innerer Emigrant gelten kann, wie er sich selbst nach 1945 darstellte. Zwiespältig bleibt die Antwort auf diese Frage, so wie vieles an dem Autor und Maler. Gurk konnte weiter publizieren, sandte aber andrerseits in Werken wie seinem dystopischen Text „TUZUP 37“ (1935) anti-totalitäre Signale.

In Gurks Aquarellen wird es plötzlich still. Nahezu täglich soll er die handlichen Formate in den Jahren nach Hitlers Amtsantritt verfertigt haben, gern im nahen Volkspark Rehberge. Es sind Notate ohne jeden Bezug zum Politischen, auch sie aus der Zeit gefallen. Kein Mensch ist zu sehen. Die Großstadt klemmt einen als enge Häuserflucht klaustrophobisch ein. Oder sie rückt lieber ganz weit weg an den Horizont. Säuberlich notierte Gurk mit Bleistift am Rand die Uhrzeit und Wetterlage. „3 Grad, sehr windig, später Graupel“: das war am 2. Januar 1938. Ein doppelt roter Streifen zwischen den Wolkenbändern glimmt. Auch wenn immer wieder die Sonne aufgeht in Gurks Bildern: Sie bleiben düster, die Himmel über Berlin. Begraben liegt der Künstler nicht weit von seiner letzten Wohnung. Sein Platz auf dem Friedhof an der Müllerstraße ist es seit 2009 kein Ehrengrab mehr.

Mitte Museum
Pankstraße 47
Berlin-Wedding
Bis 2.11.2025


Sonntag-Freitag 10-18 Uhr, Samstag geschlossen
Eintritt frei

Donnerstag, 26. September 2024

Aus für das Kleine Grosz-Museum

Von Elke Linda Buchholz - „Was sind das für Zeiten?“ heißt die aktuelle Sonderausstellung zu George Grosz, Bertolt Brecht und Erwin Piscator. Die drei Kollaborateure hoben mit ihren gemeinsamen Projekten das Theater der 1920er Jahre aus den Angeln, wobei sie auf mehr als avantgardistische Formexperimente zielten. Scharfe Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen war angesagt. Und heute? Keine rosigen Zeiten! Für das Kleine Grosz Museum jedenfalls sieht es schlecht aus. Die Kunstoase an der Bülowstraße wird, so beschloss der Trägerverein „George Grosz in Berlin e.V.“ auf einer außerplanmäßigen Mitgliederversammlung, schließen. Nämlich gleich nach Ende der laufenden Schau, im November. 

Was ist geschehen? Die Verantwortlichen geben sich schmallippig, für nähere Auskünfte steht vorerst niemand zur Verfügung. Eine Presseerklärung zitiert den Kurator und Co-Vorsitzenden des Vereins Pay Matthis Karstens: „Wir wollen auf dem Höhepunkt schließen.“ Das Projekt sei ohnehin nur auf Zeit angelegt gewesen. Die prekäre Finanzlage macht es den Engagierten aber offenbar schwer, das aus einer privaten Initiative gestartete Haus dauerhaft weiter zu betreiben. Zwar gibt es zahlreiche Förderer, darunter die Berliner Sparkasse, und auch der Hauptstadtkulturfond half teilweise, Sonderausstellungen zu ermöglichen. Aber nur auf der Basis der ehrenamtlichen Tätigkeit von Vereinsmitgliedern sei das Erreichte möglich gewesen: „Wunderbar, aber nicht nachhaltig“, so Schatzmeister Timon Meyer. Nun droht das ursprünglich auf 5 Jahre angelegte Kleine Grosz Museum sogar früher als geplant zu verschwinden.

Es verbirgt sich zwischen Hochbahn, Autotrassen und Geschäftshäusern an einer unwirtlichen Ecke Schönebergs hinter hohen Mauern. Wer eintritt, den überrascht eine stilvolle Tankstelle der 1950er Jahre - zum Kunstort gewandelt und mit einem asiatisch angehauchten Garten umkränzt. Der Galerist Juerg Judin hatte das Architekturkleinod entdeckt und anfangs ein Wohn- und Atelierhaus daraus gemacht. Später überließ es dem Grosz Museum gegen Miete. Tatsächlich suchte der 2015 gegründete Verein schon länger einen geeigneten Ort. Angetreten ist er für die dauerhafte Sichtbarmachung von George Grosz in und für seine Stadt. Treibende Kraft dabei ist der Sammler und kunsthistorische Autodidakt Ralph Jentsch. Er fungiert im Auftrag der Söhne und Erben des Künstlers als Nachlassverwalter des New Yorker George Grosz Estate. So bilden die im privaten Besitz der Familie verbliebenen Werke den Grundstock des Museums und seiner Ausstellungen. Zudem trug Jentsch ein Riesenarchiv zu Grosz und seinem künstlerischen Umfeld zusammen, mit Fotos, Skizzen, Einladungskarten, Katalogen. 

Seit seiner Eröffnung im Mai 2022 hat das Kleine Grosz Museum sich unverzichtbar gemacht. Mehr als 30.000 Besucher und Besucherinnen kommen jährlich, wie es heißt. Sogar im Museumscafé hängen Originalwerke. Ein kantiger, schmaler Neubau nimmt die Ausstellungen auf: unten läuft eine Dauerpräsentation zu dem 1893 in Berlin geborenen Georg Ehrenfried Gross, wie er eigentlich hieß. Im Obergeschoss wechseln die Themen. Mit anspruchsvollen, fachlich kompetenten und erfrischend inszenierten Ausstellungen machte sich das junge Haus einen Namen, begleitet von materialreichen Katalogen. Die Premierenschau beleuchtete erstmals überhaupt das Frühwerk von Grosz. Es folgten wenig erforschte Aspekte seines Schaffens, wie die Sowjetrussland-Reise, das vielschichtige Collagen-Werk oder die Auseinandersetzung mit Holocaust und Zweitem Weltkrieg. Als Grosz diese späten Blätter schuf, lebte der als entartet Vertriebene schon in seinem Traumland Amerika. Kurz vor seinem Tod kehrte er desillusioniert nach Berlin zurück. Das Kleine Grosz Museum hat seinem Werk, gerade auch den fragilen Arbeiten auf Papier, einen Ort gegeben. Und damit soll jetzt Schluss sein? Berlin braucht den scharfkantigen, freisinnigen Grosz. Und Grosz braucht Berlin, jetzt erst recht.

Montag, 31. Januar 2022

Das verborgene Museum - Nachruf und Ausblick

Ausstellungsraum im Verborgenen Museum (Wikimedia)

Von Elke Linda Buchholz - Wo gab es das sonst? Das spezielle farbige Leuchten in den Landschaften der Expressionistin Ilse Heller-Lazard, der scharfe Blick der Fotoreporterin Inge Morath oder der Witz in den winzigen Gesellschaftsszenen der Malerin Mathilde Tardif: im Verborgenen Museum gab es jedesmal etwas Besonderes, meist noch nie Gesehenes zu entdecken. Versteckt im Hinterhof der Charlottenburger Schlüterstraße 70 nistete die Institution auf 100 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Aber nicht wegen seiner Lage hieß das Verborgene Museum so. Alles begann mit einem Paukenschlag, 35 Jahre ist das her.

Zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987 holte eine Projektgruppe um die Künstlerinnen Evelyn Kuwertz und Gisela Breitling das Strandgut der weiblichen Kunstgeschichte aus den Museumsdepots der Hauptstadt. In der Akademie der Künste am Hanseatenweg wurde ausgepackt. Beim Durchforsten der Bestände von Gemäldegalerie, Bauhaus-Archiv, Brücke-Museum und anderen war man auf 600 Werke von Frauen aus fünf Jahrhunderten gestoßen. Nahezu völlig vergessen. Eine fatale Amnesie. Die Schau „Das Verborgene Museum“ rückte rund 150 Exponate ins Licht. Mokant witzelte die Kritik über die „Fleißarbeit“ der „Damenriege“, aber es gab auch Anerkennung für das Ende der weiblichen Bescheidenheit. 

Als gemeinnütziger Verein organisiert blieben die Initiatorinnen dran an ihrem Thema. Fortan richtete sich der Fokus auf einzelne Künstlerinnen, vornehmlich der Moderne. Ausstellung folgte auf Ausstellung, Katalog auf Katalog. Mit geringen Mitteln, viel ehrenamtlichem Engagement und immer wieder neu beantragten Projektfinanzierungen etablierte sich ein weltweit einzigartiges Museum: Anlaufstelle für Interessierte, Knotenpunkt für Netzwerkerinnen und Auffanglager für weibliche Kunst. Die langjährige Chefkuratorin Marion Beckers und Elisabeth Moortgat aus dem Vorstand bewiesen enorme Hartnäckigkeit. Vielfach glich die Wiederentdeckung vergessener Namen einer Detektivrecherche. Werke wurden in Privatsammlungen, Depots und Nachlässen aufgespürt, verwischte Lebensspuren rekonstruiert. Etwa bei Künstlerinnen jüdischer Herkunft, die durch Exil und Verfolgung zusätzlich in Vergessenheit gerieten.

Mittwoch, 1. Dezember 2021

Pierre Schlemihl führt durch Berlin

"Anstatt die Romantik aus historischer Perspektive aufzurollen, geht Bienert von den Orten, den oft noch vorhandenen Schauplätzen aus, die Geschichte und Geschichten erzählen. So nimmt er seine Leser mit zum Goethedenkmal im Tiergarten, Symbol des Kults um den Dichter, in die Jägerstraße, wo Wilhelm und Alexander von Humboldt aufwuchsen und später, zusammen mit anderen in der Dachstube Rahel Varnhagens zu Gast waren. Er wirft auch einen Blick auf die Charité, die damals aus dem Pflegenotstand heraus Prostituierte als Krankenschwestern rekrutierte, und auf den Monbijouplatz, wo Bettine und Achim von Arnim inmitten von Rosen und Jasmin ihre heimliche Hochzeitsnacht verbrachten. Dass Bienert dazu den fiktiven Stadtführer Pierre Schlemihl einführt, wäre gar nicht nötig gewesen. Auch so folgt man dem Autor gern überallhin und könnte bei der Lektüre völlig abtauchen in das damalige Lebensgefühl, würde das Buch nicht auch die heutige Stadt in den Blick nehmen", schreibt Ulrike Wiebrecht im Tagesspiegel über das neueste Buch des Webmasters.
Hier in Gänze lesen



Mittwoch, 20. Oktober 2021

Der Romantiker als Expressionist

Carl Blechen, Vorfrühling Villa Borghese, 1829
Wie Max Liebermann Carl Blechen kuratierte: Eine Ausstellung in der Liebermannvilla verfolgt Blechens Rezeption bis in die NS-Zeit. 

Von Elke Linda Buchholz. ︎ Kein anderer Zeitgenosse ließ das Licht so heftig und ungebremst strahlen wie Carl Blechen in seinen Mini-Ölskizzen aus Italien. Kaum postkartengroß sind die Formate bisweilen. Dafür steckt die Intensität des erlebten Moments drin. Sonne pur! Auf ockerfarbenen Felsen, auf Blattwerk, auf dem Rasen vor der Villa Borghese, die winzig klein zur Randerscheinung wird. Da hat ein eigensinniger Maler hingeschaut und umgesetzt, was er sah. Genau das faszinierte Max Liebermann. Er fand, Blechen sei damit „das Einfachste und daher Schwerste“ gelungen. Weiterlesen

Dienstag, 27. Juli 2021

Zu gut für eine Frau

A. D. Therbusch, Selbstporträt, um 1782

Die Augen der Malerin folgen einem auf Schritt und Tritt im Raum: ein Künstlertrick, den viele beherrschten; die klassischen Porträtgalerien sind voll davon. Aber Anna Dorothea Therbusch setzt noch eins drauf. Ein kreisrundes Einglas hängt an einem schwarzen Nieten-Lederband vom duftigen Kopftuch vor ihrem Auge herab. Es schärft ihren Blick und fokussiert. Das aufmerksame Künstlerinnenauge wird zum Mittelpunkt der Bildinszenierung. Im Zeitalter der Aufklärung ist diese uneitel dokumentierte Sehhilfe Programm: Nachweis eines glaubwürdigen Strebens nach Wahrheit. Dicke Folianten am Boden betonen die Intellektualität der Dargestellten. Ihr silbriger Rock schillert als Bravourstück lässig-lockerer Peinture. Anna Dorothea Therbuschs lebensgroße Selbstdarstellung in der Gemäldegalerie nimmt einen Ehrenplatz zwischen Antoine Pesne und Anton Graff, dem älteren und dem jüngeren Kollegen ein...

Das Porträt, das Elke Linda Buchholz zum 300. Geburtstag der Malerin Anna Dorothea Therbusch für den Tagesspiegel geschrieben hat, ist so schön, dass es noch eine Weile in ganzer Länge als Aufmacher auf unserer Website stehen bleiben darf: http://www.text-der-stadt.de/Therbusch.html

Dienstag, 8. Juni 2021

Die Kunst des Improvisierens - ein Besuch im wiedereröffneten Käthe-Kollwitz-Museum

Das private Käthe-Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße wurde Ende Mai 35 Jahre alt. Nun bereitet es seinen Umzug in den Theaterbau des Schlosses Charlottenburg vor. Ein Situationsbericht.

Von Michael Bienert  Im engen Treppenaufgang zu den Ausstellungskabinetten hängen in regelmäßigen Abständen weiße unbeschriebene Blätter an die Wand. Ist das Kunst oder wird das vielleicht noch welche? „Wir wussten uns nicht anders zu helfen“, erklärt Josephine Gabler, die Leiterin des Käthe-Kollwitz-Museums. Ihre Vorgängerin hatte die Idee, die Treppe im verwinkelten Haus aufzuwerten, indem sie einen Zeitstrahl mit Daten zum Leben von Käthe Kollwitz auf die Wände drucken ließ. Besucherinnen und Besucher schätzen das. Sie bleiben gern auf der Treppe stehen. Das aber macht es Auf- und Absteigenden gänzlich unmöglich, Corona-Abstandsregeln einzuhalten. Also wurden die Wandtexte erstmal provisorisch abgedeckt. 

Egal ob ausländische Touristen oder Berliner Schulklassen, ein großer Teil des Publikum blieb seit dem Beginn der Pandemie aus oder durfte gar nicht erst rein ins Museum. Mit katastrophalen Folgen für den Haushalt, denn etwa Hälfte des Etats stammt sonst aus Eigeneinnahmen wie Eintrittsgeldern und Erlösen aus dem Museumsshop. „Wir haben gespart, wo wir nur sparen konnten“, sagt Gabler. Geholfen habe die Kulturverwaltung. Sie hob die Zweckbindung für zugesagte Fördermittel unbürokratisch auf, so konnte die Museumsdirektorin trotz ausbleibenden Publikumsverkehrs weitermachen. Die lange Schließzeit hat sie genutzt, um dem Museum ein frisches neues Logo und einen ansprechenden Internetauftritt zu geben, außerdem soll demnächst ein Multimediaguide fertig sein. Zwei Sonderausstellungen mussten abgesagt werden, eine zu Max Klinger und eine zu Ida Gerhardi, einer Zeitgenossin von Käthe Kollwitz. Gerhardi habe hinreissend in Pariser Tanzlokalen gezeichnet, schwärmt die Ausstellungsmacherin. Unbedingt will sie die Präsentation nachholen. 

Dieser Tage abgehängt wird die Sonderausstellung „Mit Händen sprechen“: Die Themenwahl war auch eine Reaktion auf die Kontaktbeschränkungen während der Pandemie. Die kleine Schau fokussierte den Blick auf die tätigen, schützenden, fordernden Hände in Werken von Kollwitz, auf ihre Haptik. Gedacht als Highlight für die Zeit zwischen den Jahren, hat kaum ein Mensch die Ausstellung sehen können. Immerhin bleibt ein Spaziergang durch die Ausstellung im Internet verfügbar. Im Haus wir jetzt Platz gemacht für Zeichnungen, Keramiken und Hinterglasmalereien von sechs lebenden Künstlerinnen unter dem Motto „Schwarz und Weiß“. Sie sind im 1867 gegründeten Verein der Künstlerinnen und Kunstfreundinnen organisiert, dem auch schon Käthe Kollwitz angehörte und wo sie unterrichtet hat.

Die Dauerausstellung ist wochentags wieder geöffnet, aber an den Wochenenden ist noch zu. Ein Grund: Es fehlt an Personal. Beim Hochfahren des Ausstellungsbetriebs gibt es ähnliche Hemmnisse wie in der Gastronomie. Aufsichtskräfte, die früher auf Minijobbasis im Museum aushalfen, konnten in der Pandemie nicht weiterbeschäftigt werden. Einige haben sich zurückgezogen oder andere Jobs gesucht. An eine große Feier zum 35. Geburtstag des Museums in der Fasanenstraße war nicht zu denken. In einem Youtube-Video erinnert sich Eberhard Diepgen, damals Regierender Bürgermeister in West-Berlin, an die Museumseröffnung am 31. Mai 1986. Um „kulturelle Aufrüstung rund um den Kurfürstendamm und Belebung des Kurfürstendamms durch die Nebenstraßen“ sei es gegangen. In Vorbereitung der 750-Jahr-Feier in West-Berlin wollte der Senat den politisch verengten Kollwitz-Huldigungen im Osten etwas entgegensetzen, den Blick mehr auf Kollwitz als Künstlerin lenken. Heute ist Diepgen Vorsitzender des Trägervereins des Museums und hilft beim anstehenden Umzug ins Museumsquartier am Schloss Charlottenburg. Auslöser einer langwierigen Standortsuche war der Wunsch des Eigentümers, in dem Haus in der Fasanenstraße ein Exilmuseum einzurichten, für das inzwischen jedoch ein Neubau am Anhalter Bahnhof geplant ist. Trotzdem zieht das Kollwitzmuseum raus aus seinem Haus, denn eine heute ortsübliche Miete kann es in Kurfürstendammnähe auf Dauer nicht erwirtschaften. 

Ab 1. April 2022 gilt ein Mietvertrag für den Theaterbau des Schlosses Charlottenburg, bis dahin will Josephine Gabler den Standort in der Fasanenstraße offen halten. Für den Jahreswechsel plant sie eine Ausstellung zu Heinrich Zille, mit dem Kollwitz gut befreundet war. Um Zilles kritischen Blick auf die sozialen Missstände im Berlin seiner Zeit soll es gehen. Wann Gabler ihre neue Dauerausstellung im Erdgeschoss des Theaterbau eröffnen kann, weiß sie noch nicht so genau. Die Räume, die bis vor zehn Jahren vom Museums für Vor- und Frühgeschichte genutzt werden, seien gut in Schuss. Anders als in der verwinkelten Fasanenstraße müsse erst eine räumliche Struktur durch eine Ausstellungsarchitektur geschaffen werden. Unter dem Eindruck der Corona-Auflagen musste Gabler die Planungen für den Eingangsbereich komplett überdenken. Er werde nun doch völlig umgestaltet, um eine Stauung von Besuchern auszuschließen. Dafür stünden Mittel aus dem „Neustart“-Programm der Bundesregierung zur Verfügung. Hundertprozentig finanziell abgesichert sind Umzug und Neustart bisher nicht, denn noch sind nicht alle Anträge bewilligt. Und auch wenn alles klappt, wird das Museum 2022 zwar wiedereröffnen, aber nicht in vollem Umfang. Noch bis 2024 sind Bauarbeiten am Dach des Langhansbaus am Schloss Charlottenburg geplant, solange wird der neue Museumsstandort eingerüstet bleiben. Danach räumen die Depots des Museums für Vor- und Frühgeschichte das erste Obergeschoss. Dann erst wird das Kollwitz-Museum dort reichlich Platz für Sonderausstellungen haben, insgesamt 300 Quadratmeter mehr als in der Fasanenstraße. „Aber man kann bis dahin auch im kleinen Format sehr schöne Sachen machen“, verspricht Josephine Gabler. Hauptsache, es geht irgendwie weiter. 

Käthe-Kollwitz-Museum, Fasanenstraße 24, zur Zeit geöffnet Mo-Fr von 10-16 Uhr. Zeitfenstertickets und Informationen: www.kaethe-kollwitz.berlin

Mittwoch, 14. Oktober 2020

Lotosschuh und Reisepiano

Käthe Kollwitz: Pflüger (1908)
Bewegung als Statussymbol: eine Ausstellung von Volontärinnen und Volontären der Staatlichen Museen am Kulturforum 

Von Elke Linda Buchholz Sind Sie gut angekommen? Gleich der erste Wandtext geht auf Tuchfühlung und verweist die Besucher auf ihre eigene Körperbewegung, um an diesen Ort zu gelangen. Im Crossover geht es dann quer durch Zeiten, Kunstgattungen und Weltregionen, immer den Formen der Bewegung auf der Spur. Allerdings: nicht von den leiblichen Erfahrungen des Gehens, Rennens, Dehnens und Streckens selbst ist die Rede. Das vielköpfige kuratorische Team der Volontärinnen und Volontäre aus 15 Häusern der Staatlichen Museen versteht das Sich Bewegen als sozialen Akt. Weiterlesen auf text der stadt


Mittwoch, 11. Dezember 2019

Ein Schwein, sonst nichts. Der Bildhauer August Gaul im Käthe-Kollwitz-Museum

Von Elke Linda Buchholz - Kaum streichholzschachtelgroß ist das Schwein. Es legt die Ohren an, gespannt vom Rüssel bis zum Ringelschwanz. Ein Schwein, sonst nichts: Saumäßig gut getroffen und 1914 in Bronze verewigt von August Gaul. Aber könnte es nicht auch ein Glückssymbol sein? Des Bildhauers Idee, so ein Hausschwein in kapitaler Größe als Brunnenfigur auf den Wittenbergplatz zu hieven, irritierte die Berliner. Weiterlesen auf www.tagesspiegel.de

Samstag, 1. Juni 2019

Buchstaben für das Humboldt-Forum

Ralf de Moll
Foto: Michael Bienert
Als das alte Berliner Schloss noch stand, bauten Arbeiter in den Pankehallen Geldschränke und Tresore. Seit 1985 aber gipsen, meißeln, sägen und schweißen Künstler in der roten Backsteinfabrik am Gesundbrunnen. Für drei Monate haben sich nun Christiane Dellbrügge und Ralf de Moll in die Formwerkstatt eingemietet, um 110 Buchstaben für einen Schmuckfries im Humboldt-Forum zu fabrizieren. Michael Bienert hat sie besucht und im Tagesspiegel darüber berichtet. Hier lesen

Mittwoch, 17. April 2019

Lotte Laserstein in der Berlinischen Galerie

Wanda von Debschitz-Kunowski,
Lotte Laserstein
Repro: Anja Elisabeth Witte

© VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Von Elke Linda Buchholz Zuerst im Frankfurter Städel, jetzt in der Berlinischen Galerie: Zwei der renommiertesten Museen Deutschlands rollen für Lotte Laserstein den roten Teppich des ganz großen Ausstellungsformats aus und widmen ihr eine Solo-Retrospektive. Sie hat es verdient. Die lange Zeit völlig vergessene Laserstein gehört mit ihren eigenwilligen Porträts, modernen Alltagsszenen und psychologisch tiefgründigen Gruppentableaux unbedingt mit in den kunsthistorischen Kanon und ins Gedächtnis der breiten Öffentlichkeit. Ihre ausgeklügelten Kompositionen und die versierte Pinselführung verraten ein herausragendes Talent. Vor allem aber wirft Laserstein einen ganz eigenen Blick auf ihre Zeitgenossinnen und Zeitgenossen der 20er Jahre, hinterfragt Geschlechterrollen und stellt auf den Prüfstand, was das sein könnte: die Neue Frau, von der in den Medien damals so viel die Rede war. Es gehört mehr dazu als ein Kurzhaarschnitt, die traditionellen Genderklischees auszuhebeln, das machen Lasersteins subtile Schilderungen klar.
Weiterlesen auf www.text-der-stadt.de

Mittwoch, 7. November 2018

Das geheime Leben der Dinge. Wie im ethnologischen Museum in Dahlem Indigene mit Ethnologen zusammenarbeiten

Orlando Fontes (links) und ein Kollege im Depot des
Ethnologischen Museums in Dahlem.
Foto: SPK/photothek.net/Inga Kjer
Von Elke Linda Buchholz. Behutsam streicht Orlando Fontes aus Brasilien über die Oberfläche eines bauchigen Keramikgefäßes. Kritisch betrachtet ein anderer Experte den farbenprächtigen Federschmuck, dessen einzelne Bestandteile er vorsichtig aus der Archivbox im Dahlemer Depot hebt. Was wissen sie beide über diese Gegenstände? Welche uralten, mythischen Erzählungen verbinden sich damit? Was bedeuten die über 100 Jahre alten Objekte den Herkunftsgesellschaften, deren Kultur sie verkörpern? Zusammen mit zahlreichen weiteren Vertretern indigener Gruppen aus dem nördlichen Amazonastiefland reiste Orlando Fontes im Oktober zu einem Arbeitstreffen nach Berlin. Für Projektleiterin Andrea Scholz vom Ethnologischen Museum war der zweiwöchige Workshop samt Symposium ein wissenschaftliches Abenteuer mit offenem Ausgang. Ihr von der Volkswagenstiftung und der Bundeskulturstiftung gefördertes Pioniervorhaben "Geteiltes Wissen" nimmt bis 2020 rund 3000 Objekte in den Blick. Es geht um Wissensproduktion unmittelbar am Gegenstand. Vor allem aber geht es um neue Formen der Zusammenarbeit und des Austauschs auf Augenhöhe.

Dienstag, 30. Oktober 2018

London 1938: Eine Ausstellung über von den Nazis verfemte Kunst in der Liebermann-Villa

Albert Einstein, gemalt von Max Lieberman
Von Elke Linda Buchholz - Albert Einstein hat es aus London nicht pünktlich zur Eröffnung geschafft. Das Porträt des Nobelpreisträgers, das Max Liebermann 1925 malte, trifft erst mit Verspätung in der Villa des Malers am Wannsee ein. Museumsdirektor Martin Fass seufzt: Es hakte an der britischen Ausfuhrgenehmigung. Ausstellungen organisieren ist eben immer ein Riesenaufwand, nicht nur in Brexit-Zeiten. Zollformalitäten, Versicherungen, Leihverträge, Papiere. Wie schwierig muss die Logistik erst einst im Vorkriegsjahr 1938 gewesen sein. Damals ging das Einstein-Bildnis den umgekehrten Weg. Liebermanns Witwe Martha schickte es aus Berlin als Leihgabe zur Londoner Ausstellung „Twentieth Century German Art“. Weiterlesen

Mittwoch, 24. Oktober 2018

Dienstag, 9. Oktober 2018

Künstler, die auf Bäumen hocken - Ausstellung im Düppeler Forst (noch bis 28. Oktober 2018)

Von Elke Linda Buchholz - Mitten auf dem Waldweg liegt ein Lineal. Ein minimalistischer künstlerischer Eingriff in den Naturraum oder nur ein vergessenes Relikt vom Ausstellungsaufbau? Wer dieser Tage durch den herbstlichen Forst Düppel streift, darf sich auf ungewöhnliche Entdeckungen gefasst machen. "Through a Forest Wilderness" nennt sich die ausgedehnte Frischluftschau, die ihren Besuchern zu festem Schuhwerk rät. Wie Künstler seit den Pioniertagen von Fluxus und Happening den Wald als künstlerisches Terrain eroberten, will sie erkunden. Im Osten überwog dabei oft der Impuls, staatlicher Kontrolle zu entweichen, im Westen eher die Lust an antikommerziellen Ausdruckformen. Also: den Wetterbericht studieren und ab in den Wald! Der Parcours beginnt gleich gegenüber der Kirche Sankt Peter und Paul auf Nikolskoe, die schon seit 1837 einen kulturellen Außenposten im Forstgrün markiert. Die Busanbindung ist sporadisch, aber immerhin vorhanden. Und schon nach wenigen Schritten scheint die urbane Gegenwart weit weg. Äste knacken, Laub raschelt unter den Füßen, die Pfade werden schmaler. Die Sinne schärfen sich. Es riecht nach Herbst. Wald ist immer eine immersive Ganzkörpererfahrung. Jetzt aber hat sich die Natur mit intellektuellem Input aufgeladen. Die Idee dazu hegte Kuratorin Petra Stegmann seit 10 Jahren, sie bereitete ihr Projekt mit einer Indoor-Ausstellung in Potsdam letztes Jahr vor. Nun half die Bundeskulturstiftung, das Thema dorthin zu verpflanzen, wo es hingehört: ins Freie.

Montag, 3. September 2018

Hannah Höchs Adressbuch

Hannah Höchs Adressbuch
Foto: Berlinische Galerie
Von Elke Linda Buchholz. 
Hannah Höch nimmt 1917 ein kleines Büchlein zur Hand und trägt fein säuberlich die ersten Namen von Bekannten und Freunden ein. Gut sechzig Jahre später hat die Künstlerin ihr Adressbuch noch immer in Gebrauch. Unversehens ist es zu einer veritablen Collage angewachsen. Eingelegte Visitenkarten, überklebte Zusatzseiten, durchgestrichene Einträge und ergänzte Notizen haben die anfängliche Ordnung von A wie Amsterdam, Hans Arp und Augenarzt bis Z wie Zürich, Gertrud Zarniko und Galerie Zinke längst unterminiert. Das zerfledderte Original ruht heute in der Berlinischen Galerie: eine fragile Kostbarkeit mit maroder Heftung, abgegriffenen Ecken und knallroten Farbklecksen auf dem Umschlag. 

Sonntag, 1. Juli 2018

Max Lieberman trifft Paul Klee: Eine Ausstellung am Wannsee

Die Liebermannvilla am Wannsee
Von Elke Linda Buchholz. Liebermann empfängt Klee. Zwei Maler geraten ins Gespräch. Ihre Auffassungen unterscheiden sich gründlich, aber es gibt auch überraschende Berührungspunkte. Mal schweigt der eine, mal lässt der andere dem Kollegen den Vortritt. Zum Vergleich stellen sie ihre Bilder nebeneinander. In Wirklichkeit hat diese Begegnung zwischen dem preußischen Impressionisten Liebermann und dem Schweizer Bauhausmeister Klee nie stattgefunden. Sie lebten in getrennten Kunstuniversen. Aber ihre Werke nehmen in Liebermanns sommerlicher Villa jetzt den Gesprächsfaden auf. Weiterlesen

Samstag, 24. März 2018

Max Beckmanns Welttheater in Potsdam

Von Elke Linda Buchholz - Das ganze Leben als Bühnenspektakel zwischen Comedy und Tragödie: Diesen Gedanken hat Max Beckmann (1884-1950) in zahllosen Variationen gemalt – in grellen Farben, exaltierten Posen und wechselnden Kostümen. Der Klassiker der Moderne inszenierte sich und seine Zeitgenossen mit Vorliebe als Artisten und Karnevalisten auf den Bretterbühnen seiner Leinwände. Weiterlesen auf http://kunstundfilm.de/2018/03/max-beckmann-welttheater/

Donnerstag, 22. März 2018

Exil ist keine Kunst - Privatinitiativen für ein Exilmuseum und die Ideenlosigkeit der Kulturpolitik

Thomas B. Schumann wirbt für sein
Exilmuseum. Foto: Bienert
Von Michael Bienert - In Berlin will ein erfolgreicher Kunsthändler sein Lebenswerk krönen, indem er der Stadt ein Museum schenkt, das dauerhaft an die von den Nazis vertriebenen Mitbürger und Künstler erinnert. Der Mann hat Geld und ein Netzwerk, aber keine Sammlung, die auf den Museumszweck zugeschnitten wäre. In der Nähe von Köln sitzt ein manischer Sammler in einem zweistöckigen Bungalow, vollgestopft mit 50.000 Büchern, vor allem von Exilautoren, mit Dokumenten, ganzen Nachlässen und 700 Bildwerken, die von exilierten Künstlern stammen. Seit zehn Jahren sucht der Rheinländer einen Ort und Unterstützung für ein Museum des Exils. Was läge also näher, als dass die beiden unternehmungslustigen älteren Herren sich zusammentun, um ihren Traum gemeinsam zu realisieren?

Freitag, 26. Januar 2018

Die Berliner Secession nach der Revolution

Das 1921 zum Theater am Kurfürstendamm umgewidmete
Secessionsgebäude am Kurfürstendamm 208/209. Was
noch davon da ist, wird 2018 komplett abgerissen.
Von Michael Bienert - Die Berliner Secession gilt als die bedeutendste Künstlervereinigung in der deutschen Hauptstadt vor dem Ersten Weltkrieg: Sie war Sammelbecken und die Ausstellungsplattform der „Modernen“, die künstlerische Ausdrucksformen jenseits der akademischen Kunst des Kaiserreichs suchten. Mit dessen Untergang verschoben sich die Fronten: Protagonisten der Berliner Secession wie Max Liebermann oder Käthe Kollwitz wurden in der Weimarer Republik zu Leitfiguren der Preußischen Akademie der Künste. In der Kunst- und Kulturgeschichtsschreibung der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg spielt die Secession daher nur noch eine Nebenrolle. In ihrem Buch Die Berliner Secession 1899-1937 verändert Anke Matelowki diese vertraute Perspektive auf den Gegenstand: Vier Fünftel des Buches widmen sich der Zeit zwischen dem Überlebenskampf der Secession nach dem Ersten Weltkrieg bis zum sang- und klanglosen Verschwinden aus dem NS-Kulturbetrieb nach der letzten dokumentierten Ausstellung im Jahr 1936. Die Secession stand in dieser Zeit nicht länger in lebendiger Opposition zu einer herrschenden Kunstrichtung, blieb aber ein lebendiger Interessenverband und ein Ausstellungsforum für fast alle modernen Kunstströmungen der Zeit. So waren Otto Dix und George Grosz in den Secessionsausstellungen vertreten, Bildhauerinnen wie Renée Sintenis und Milly Steeger, viele jüdische Künstler, aber eben auch die späteren Nazi-Staatsbildhauer Arno Breker und Josef Thorak. Akribisch hat Anke Matelowski über viele Jahrzehnte Dokumente zusammengetragen, nicht nur in der Akademie der Künste, wo sie als Archivmitarbeiterin an der Quelle sitzt, sondern in zahllosen Archiven. Das Ergebnis ist ein wissenschaftliches Standardwerk zum Auf und Ab im Berliner Kunstleben der Weimarer Republik, denn nicht nur die Geschichte der Secession wird nacherzählt, ebenso werden ihre Stellung innerhalb des Kunstbetriebs, ihre Beziehungen zu anderen Künstlervereinigungen und die wirtschaftliche Situation der Künstler generell beleuchtet. Der Schweizer Nimbus-Verlag hat ein schönes Kunstbuch aus diesem Werk der kunst- und kulturwissenschaftlichen Grundlagenforschung gemacht, das auch einen gewichtigen Beitrag zur Berlin-Forschung darstellt.

Anke Matelowski
Die Berliner Secession 1899-1937
Chronik, Kontext, Schicksal
Wädenswil 2017
680 Seiten, 68 Euro
ISBN 978-3-03850-033-9
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