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Freitag, 6. Januar 2023

Melancholie der Provinz - "Gelbes Gold" an der Vagantenbühne

Von Michael Bienert - Gelbes Gold – danach fischt der Pommesbudenbesitzer Fritz seit 20 Jahren in seiner Friteuse. Doch die ersehnten Pommestouristen aus der weiten Welt bleiben aus, statt dessen schmilzt die allzu bekannte Stammkundschaft dahin. Denn das Plattenbauviertel an der Autobahn, in dem die Bude steht, wird abgerissen. So verliert Fritz seine bezahlbare Wohnung und auch sein Imbiss wird nach einer anonymen Anzeige vom Gesundheitsamt geschlossen. 

In diese trostlose Szenerie platzt Ana herein, die Tochter von Fritz. In der fernen Großstadt, wo sie studiert, ist sie nie richtig angekommen. Statt nun ihre Abschlussprüfung zu schreiben, lungert sie heimwehkrank dort herum, wo sie aufgewachsen ist. Und merkt, dass sie nicht mehr dazu gehört. Ihre Schulfreundin Juli wollte auch weg, hat aber den Absprung nicht geschafft und arbeitet als Kindergärtnerin in dem schrumpfenden Plattenbauviertel. Bis sie wegen ihres promiskuitiven Lebenswandels gekündigt wird. Dann ist da noch Mimi, seit 15 Jahren Aushilfskraft in der Imbissbude und Lebensgefährtin von Fritz. Sie strampelt sich frei, findet erst eine Anstellung in einem Blumenladen mit Laufkundschaft, später noch einen besseren Job und einen anderen Mann. 

Das Verstricktsein in die soziale Herkunft und die Sehnsucht nach einem neuen Leben, Bindung an ein Milieu und wachsende Entfremdung - das sind die Pole, um die Fabienne Dürs Vierpersonenstück "Gelbes Gold" kreist. Gnadenlos und empfindsam, die Figuren durchaus karikierend, aber nie denunzierend. Die Inszenierung von Bettina Rehm auf der kleinen Vaganten Bühne findet dafür den richtigen Ton. Sie kommt mit wenigen charakteristischen Requisiten und Kostümen (Clara Wanke) aus. Die Figuren gewinnen im Verlauf der eineinhalbstündigen Aufführung an Farbe und Individualität: Felix Theissen als alternder Gastronom, der sich an seinen längst gescheiterten Lebenstraum festklammert; Hannah von Theissen als Lebensgefährtin Mimi, die den Absprung vom sinkenden Boot schafft und dabei beachtliche Energien entwickelt; Sibylle Gogg als Juli, die ziellos ihre Ehe und ihre berufliche Existenz zerstört, bis sie frei ist; und Sarah Maria Sander als melancholische Ana, die nicht mehr weiß, wohin sie gehört. Kein aufmunternder und tröstlicher, aber in sich rundum stimmiger Theaterabend, der sich ironisch-liebevoll an den Nöten von Durchschnittsmenschen aus der Provinz abarbeitet. (© Michael Bienert / 6. Januar 2023)

Aufführungstermine und weitere Informationen            

Montag, 6. Juli 2020

Mit John Heartfield durch Berlin - ein Sommerstreifzug

John-Heartfield-Ausstellung in der Akademie der Künste
Von Michael Bienert Als SA-Männer an der Wohnungstür rumorten, rettete sich der Künstler durch einen Sprung vom Balkon. Zum Glück lag die Wohnung im Hochparterre. Im Hof diente der ausgediente Leuchtreklamekasten eines Friseurs als Versteck. Ohne Papiere floh John Heartfield aus Berlin ins schlesische Oberschreiberhau und überquerte an Ostern 1933 die grüne Grenze nach Tschechien zu Fuß. In Prag tauchte er dann im Café Continental auf, wo andere deutsche Emigranten schon auf ihn warteten.
Das Adressbuch „Künstlerspuren“ von Detlef Lorenz nennt als Ort der Beinahe-Verhaftung das Haus Bleibtreustraße 7, am S-Bahnhof Savignyplatz gleich neben der Stadtbahn. Die alten Berliner Adressbücher verzeichnen keinen Heartfield oder Herzfeld, wie er bürgerlich hieß, nur den Bruder und Malik-Verleger Wieland Herzfelde, der am Kurfürstendamm 76 wohnte. In der Bleibtreustraße 7 gab es mehrere Künstlerateliers und einen Friseur – das alles passt schon.
Heute erinnern fünf Stolpersteine vor dem Haus an die Familie des Diamantenhändlers Abraham Wysniak, dessen Frau Dvora und Tochter Asta im Warschauer Ghetto starben. An der Bleibtreustraße 15 hängen Gedenktafeln für den 1933 vertriebenen Kunsthändler Alfred Flechtheim und die Schauspielerin Tilla Durieux. Und an der Nummer 10/11 gibt es den Hinweis auf die „alte Wunde, unvernarbt“ Mascha Kalékos, die 1974 in ihrem Gedicht „Bleibtreu heißt die Straße“ schrieb: „Hier war mein Glück zu Hause. Und meine Not. / Hier kam mein Kind zur Welt. / Und mußte fort. / Hier besuchten mich meine Freunde / Und die Gestapo.“ Eine Gedenktafel für John Heartfield würde die Betextung der Bleibtreustraße gut ergänzen. Weiterlesen

Montag, 27. August 2018

BRECHTS BERLIN - Die Stalinallee (Videotrailer)


Auf einem Spaziergang über die ehemalige Stalinallee 
stellt der Autor Michael Bienert sein neues Buch BRECHTS BERLIN vor,
 das im Oktober 2018 im Verlag für Berlin-Brandenburg erscheint.


Montag, 19. März 2018

Im Theater (65): Sandra Leupold inszeniert Sciarrinos "Die tödliche Blume" in Lübeck

Theater Lübeck
Von Michael Bienert - Ist das schon Musik oder nur ein Nebengeräusch vom Sitznachbarn? In Salvatore Sciarrinos Oper "Die tödliche Blume" stellt sich diese Frage unvermeidlich. Fünffaches Pianissimo, das aus der Lautlosigkeit kommt und wieder aushaucht, wird den Musikern mehr als einmal abverlangt. Dabei sollen sie den Instrumenten laut Partitur höchst unkonventionelle Klänge entlocken. So erinnert der Orchesterklang bisweilen an elektronische experimentelle Musik der 1960er Jahre: Wie das brummt, haucht, sirrt, rappelt und trappelt, oft an der Grenze der Hörbarkeit, und wie sich das mit dem Räuspern und den Magengeräuschen des Nebenmenschen im Publikum vermengt!  Mucksmäuschenstill ist das geduldigste Opernpublikum nicht, und im Lübecker Stadttheater sitzen weniger Neue-Musik-Fanatiker als betagte Operngänger. Dass sie sich hörend wahrnehmen, ist vom Komponisten ganz sicher mitbedacht, ja erwünscht. Denn seine Oper soll nichts übertönen, sondern im Gegenteil: Sciarrino will den Hörsinn schärfen und damit die Welt ein bisschen besser machen. Sensibilisierung für das Ausgeblendete, Überhörte, nicht als Klang und Musik Akzeptierte ist das pädagogische Ziel. Weswegen das Publikum schon vor Beginn der Vorstellung im Foyer an Hörstationen Stimmen lauschen oder durch eine mit bunten Eierkartons ausgeschlagene Hörmuschel kriechen darf, in der das Geräusch der Menge von Schritt zu Schritt eine andere Farbe annimmt.

Sonntag, 11. März 2018

Im Theater (64): Brechts "Kreidekreis" als Fluchtgeschichte am Berliner Ensemble

Von Michael Bienert - Wer eine E-Gitarren-Allergie hat, muss um diese Inszenierung einen Bogen machen. Wer die Leadgitarre von Jimmy Page in Led Zeppelins "Dazed And Confused" schon immer liebte, kommt ganz sicher seine Kosten. Gut eineinhalb Stunden dröhnt, jault, zirpt und singt es aus dem Gitarrenverstärker ganz hinten auf der leeren Bühne des Berliner Ensembles, manchmal an der Schmerzgrenze. Der Gitarrist Kai Brückner baut live für die Ohren das fehlende Bühnenbild zu Brechts "Kaukasischem Kreidekreis" in der Regie des Hardrock-Liebhabers Michael Thalheimer. Es ist eine der Inszenierungen, mit denen Intendant Oliver Reese das Berliner Ensemble vor einem halben Jahr wiedereröffnet hat, die erste Brecht-Inszenierung unter der neuen Intendanz. Wie geht es weiter mit der Brecht-Aufführungstradition an diesem Haus, von dem - komme was da wolle - immer noch wegweisende Brecht-Inszierungen erwartet werden?

Mittwoch, 31. Januar 2018

Max Reinhardts Reisetasche wieder in Berlin

Einen Kleinlaster voller Dokumente und persönlicher Gegenstände aus dem privaten Nachlass Max Reinhardts hat das Stadtmuseum Berlin erworben, zu welchem Preis, darüber wurde Stillschweigen vereinbart. Ein paar Stücke aus der Erwerbung wurden heute am Rand des Jahrespressekonferenz des Stadtmuseums gezeigt: eine offenbar viel benutzte Reisetasche des alle überragenden Berliner Theaterregisseurs des frühen 20. Jahrhunderts, ein von ihm selbst entworfenes Siegel, eine Krawattennadel und ein Zeitungsetui, Theaterzettel und das „Time“-Magazin mit dem Konterfei des vor den Nazis ins Exil geflohenen Theatermannes auf dem Titel. Der umfangreiche Bestand wird nun erschlossen und soll danach in der digitalen Sammlungspräsentation des Stadtmuseums recherchierbar sein. Das Stadtmuseum verfügt ohnehin über eine riesige theaterhistorische Sammlung, die Gegenstände aus den Besitz Max Reinhardts ergänzen sie um Objekte mit einer ganz persönlichen Aura.

Dienstag, 30. Mai 2017

Im Theater (63): Oliver Reese & Co. stellen ihre Pläne für das Berliner Ensemble vor

Von Michael Bienert - Endlich wieder ein Arbeitsplatz in Berlin! Oliver Reese, in guten Zeiten Chefdramaturg am Maxim-Gorki-Theater und Deutschen Theater (bei Bernd Wilms), zuletzt Intendant am Schauspiel Frankfurt, ist die Erleichterung anzumerken. Aber ziemlich aufgeregt ist er auch, das merkt man, jetzt in der Nachfolge von Helene Weigel, Ruth Berghaus, Heiner Müller und dem unerwähnt bleibenden Claus Peymann das Programm des Berliner Ensembles für die Spielzeit 2017/2018 vorzustellen. Reese gibt den Anti-Peymann: Keine großen Sprüche zur Weltlage, keine scharfen Worte gegen die Presse, kein Politiker-Bashing. Hier sitzt kein ichbezogenes Genie, sondern ein Teamspieler, ist die Botschaft. Zum Leitungsteam zählt er ausdrücklich auch Michael Thalheimer (Chefregisseur), Sibylle Baschung (Dramaturgie), Clara Topic-Matutin (Dramaturgie, Talentscout) und Moritz Rinke (Leiter Autorenprogramm), sie sitzen mit auf der Bühne im Rangfoyer des Theaters. Man kennt sich seit mindestens 12 Jahren und will hier "mit Geduld" etwas Schönes auf die Beine stellen. Auch unter den 28 fest engagierten Schauspielern sind viele Bekannte, alle haben schon an großen Bühnen gespielt, am Deutschen Theater, der Schaubühne, der Volksbühne, dem Burgtheater, wir nennen nur: Constanze Becker, Judith Engel, Ingo Hülsmann, Corinna Kirchhoff, Wolfgang Michael, vom alten Berliner Ensemble Peymanns werden nur Peter Luppa und Veit Schubert übernommen. 17 der 12 Premieren in der kommenden Spielzeit sind lebenden Autoren gewidmet, Frank Castorf inszeniert daneben Les Miserables und Thalheimer Brechts Kaukasischen Kreidekreis. Das weitere ist bitteschön auf der neuen Website des Berliner Ensembles nachzulesen. Interessant ist das von Moritz Rinke geleitete Projekt einer Autorenwerkstatt, bei der die Schreiber vor allem eng mit Schauspielern zusammenarbeiten sollen und auch das Publikum in die Stückentwicklung einbezogen werden könnte. Es ist schon eine tolle Truppe, die Oliver Reese um sich versammelt hat, keine Frage. Dahinter steckt eine gediegene Theaterphilosophie (Autorentheater! Ensembletheater! Gegenwartsstoffe! Erzählung statt Dekonstruktion!), die sich gar nicht so sehr von der des scheidenden Peymann unterscheidet (seine letzte Inszenierung wird sogar übernommen). Anders als das Volksbühnenpublikum nach dem Abgang von Frank Castorf muss das Stammpublikum des Berliner Ensembles keinen totalen Traditionsbruch fürchten.

Montag, 3. April 2017

Im Theater (62): "Freischütz"-Premiere in Heidelberg

Die Wolfsschlucht ist eine leere Drehbühne, mehr nicht. Umso verstörender, was dort exekutiert wird: Kaspar und Max müssen einen Menschen ausweiden, damit Samiel die Zauberkugeln herausrückt, die immer ins Ziel treffen. Die Berliner Regisseurin Sandra Leupold geht volles Risiko, wenn sie die Wolfsschluchtszene mit fast nichts als halbnackten Körpern und Theaterblut spielen lässt, sie polarisiert damit das Heidelberger Publikum, hält aber fein die Balance zwischen demonstrativem Theaterspiel und blutigem Ernst. Die drei Akteure (Alexander Geller als Max, James Homann als Kaspar, AP Zahmer als Samiel) sind auf der rotierenden Scheibe physisch extrem gefordert, wissen dabei in jeder Sekunde, was sie tun, während die Höllenmusik Webers schroff aus dem Orchestergraben wetterleuchtet (am Pult: Dietger Holm).
Nichts ist in dieser Aufführung romantisch weichgespült und breitgemalt, die Musik eine Geisterbahnfahrt durch alptraumhafte Seelenzustände. Verquält schleppt sich Max von Szene zu Szene, mitleidlos gemobbt vom Jägerchor und den Jägerfrauen, rumgeschubst, angespuckt, verprügelt. Auch Agathe (Hye-Sung Na) wird ihrer Liebe zu Max auch nicht froh. Lyrische Momente  ("Oh lass Hoffnung dich beleben...") verlegt die Regie (durch Lichtwechsel) eindeutig in die Innenwelt der Figuren, die soziale Welt bietet dafür keinen Anhalt.
"Durch die Wälder, durch die Auen" geht es ohne Schmelz, der "Jungfernkranz" ist Teil eines albernen Junggesellinnenabschieds, für den die von Ännchen (Irina Simmes) angeführten Mädels sich mit Geweihchen schmücken. Man und frau trägt quietschbunte Turnschuhe zu Röcken, Kleidern, Uniformen und Jagdtracht (Kostüme: Jessica Rockstroh) aus der Restaurationsperiode um das Uraufführungsjahr 1821: Die Nationaloper spielt in deutscher Vergangenheit, steht aber im Hier und Heute. Eine "Alptraumlandschaft der deutschen Seele" (Sandra Leupold) führt sie vor, dumpf bedrückend und zugleich schwebend. Vom Schnürboden heben und senken sich ganz sachte Brautkleid, Gewehr, Spindel, Uhr, Tannenzapfen, Plastikgießkanne, Jägerhut, Geweih, Horn, Kerzenlicht und Dutzende weiterer Requisiten, füllen den tiefschwarzen Bühnenhimmel (Stefan Heinrichs), eine surreal anmutende Rauminstallation.
In der Volkssage "Der Freischütz", auf der die Oper basiert, gibt es kein Happyend: Die teuflische siebte Kugel trifft die Braut und der Bräutigam endet im Irrenhaus. Darauf steuert auch die Oper zu, doch ein heiliger Mann schreitet ein, der die Liebenden schützt und das Schlimmste verhindert. "Der rein ist von Herzen und schuldlos von Leben, darf kindlich der Milde des Vaters vertraun", lautet dann die Schlusssentenz der Oper. Die Regisseurin ist misstrauisch, sieht gerade in diesem milden Finale einen Ausgangspunkt der deutschen Misere, das Sich-Einrichten in einer langen Kette der Subordination. Biedermeierlich bleibt es bei den Rollenzuweisungen an die Geschlechter, die Frauen dürfen zuhause häkeln, während die feschen Jäger draußen im Wald herumballern. Webers Schluss können Regisseurin und Dirigent nicht umschreiben, ihre Skepsis ist nicht zu überhören.
Termine, Besetzung und Fotos auf der Website des Theaters Heidelberg

Samstag, 14. Mai 2016

Im Theater (61): "Berlin Alexanderplatz" am Deutschen Theater

Von Michael Bienert - Die Hälfte des Publikums verlässt den Saal schon in den beiden Pausen, die der Regisseur Sebastian Hartmann zuschauerfreundlich in seine Viereinhalb-Stunden-Adaption des berühmtesten Berlin-Romans eingeschaltet hat. An den Schauspielern des Deutschen Theaters liegt es nicht: Ob als perfekt disponierter Chor, ob in Spielszenen oder Monologen, in den ausgefeilten Auftritten reiht sich Kabinettstückchen an Kabinettstückchen, wird Döblins Roman Berlin Alexanderplatz als Sprachkunstwerk beim Wort genommen und zum Leuchten gebracht. Ja, auf eine vertrackte Art und Weise hält diese collagehafte Nummernrevue dem Autor Döblin und seinem Roman die Treue, so sehr, dass ein großer Teil des Publikums frustriert kapituliert. Aber ist es nicht, Hand aufs Herz,  vielen Lesern ebenso ergangen? Döblins Erzählen arbeitet gegen die naturalistische Zurichtung der Wirklichkeit an, es ist sprunghaft, ausufernd, anarchisch und auch selbstironisch. Eine ähnliche Verweigerungshaltung gegen das Gefällige, Geordnete und Erwartbare strukturiert diese Inszenierung.
Weder wollen Hartmann und das Ensemble die allbekannte Geschichte vom Franz Biberkopf noch einmal chronologisch nacherzählen, noch die Großstadtatmosphäre mit den Mitteln des Theaters simulieren, so wie es Döblin mit seiner Montagetechnik im Roman gelingt. Das Publikum blickt auf eine kühle Versuchsanordnung, auf grelle weiße Wände aus Leuchtstoffröhren, die vor dem nackten Rundhorizont der großen Bühne hin- und hergerollt werden. Sie dient als Projektionsfläche für Videoanimationen (von Thilo Baumgärtel), die auf surrealen, bisweilen kindlich verspielten Schwarz-Weiß-Zeichnungen beruhen. Ein Berliner Hinterhof ist da mal erkennbar, auch die Kostüme (Adriana Braga Peretzki) und der brachiale Dialekt zitieren die Stadt der Zwanziger Jahre, doch ist das nicht Endzweck der Inszenierung, sondern nur Spielmaterial. Gar keine Rolle spielt hier der reale oder historische Alexanderplatz: Er ist lediglich als kreisrunde Spielfläche und Schriftzug vorhanden. Viele ernster als die Berliner Topografie nimmt die Aufführung die vielfältigen mythologischen Verweise, durch die Döblin die Biberkopf-Story mit Bedeutung auflädt: Der Tod, Hiob, Abraham und Isaak, die Engel sind die Hauptfiguren neben Biberkopf. Der Schlachthof und die Irrenanstalt sind die Hauptschauplätze, auf denen die Frage verhandelt wird, wie viel ein Mensch von sich opfern muss, um als sehender und fühlender Zeitgenosse durchs Leben zu gehen.
Denn blind hat Franz Biberkopf seine Braut Ida erschlagen, so triebblind wie er nach Verbüßung seiner Haftstrafe wieder an die Tür - hier eine Blechkiste - ihrer Schwester Minna klopft. Andreas Döhlers Biberkopf spielt mehr den Zuhältertyp als den gutmütigen Transportarbeiter, lebenshungrig stürzt er sich auf die Frauen, die das Schicksal ihm zuspielt. Katrin Wichmann als Minna (und später als Mieze) gibt die resolute  Berlinerin, die sich mit Händen, Füßen und Mundwerk gegen die Kerls zu wehren weiß und am Ende trotzdem unterliegt. In einem fortgeschritteneren Stadium der Aufführung schlüpfen Felix Goeser und Wiebke Mollenhauer in die Rollen des vierschrötigen Biberkopf und der zarten Mieze, die für ihn anschaffen geht, nachdem er einen Arm verloren hat. Der stotternde Reinhold (Edgar Eckert), Miezes Mörder, bleibt als hübscher Kerl mit Lockenfrisur und Migrationshintergrund eine Nebenfigur. Moritz Grove kommentiert das Geschehen als Conférencier wie auf einem billigen Rummelplatz, Michael Gerber und Gabriele Heinz gelingen stillen, intensive Momente als Hiob und alte Erzählerin. Almut Zilcher als Tod rennt in einem zähen Showdown gegen den passiven Widerstand Franz Biberkopfs an, der sich weigert, ein anderer Mensch zu werden. 
Die Wandlung zu einer gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit hatte Döblin als Fluchtpunkt vor Augen, glaubte aber dieses Ziel selbst verfehlt zu haben, als er den fertigen Roman las. In der Aufführung wird Biberkopfs Wandlung im Schlussbild vom Chor behauptet, plausibler als im Roman wird sie dadurch nicht. Eine Empfindung von Ratlosigkeit, mit der man das Buch aus der Hand legt, bleibt auch nach dieser sorgfältigen Adaption. Sie schlachtet Döblins Roman nicht bloß fürs Theater aus, macht kein gefälliges Berlin-Stück daraus, sondern arbeitet sich tatsächlich an seinen Widersprüchen und Widerständen ab. Zum Spielplan des Deutschen Theaters  

Mittwoch, 16. März 2016

Familiendrama mit Sprengstoffgürtel: Larry Tremblays Roman "Der Name meines Bruders"

Ein neunjähriger Junge sprengt sich zwischen Kindern in einem Flüchtlingslager in die Luft. Wie es dazu kommt und wie sein Zwillingsbruder damit weiterlebt, davon erzählt der kanadische Autor Larry Tremblay in 2013 erschienenen, bereits preisgekrönten Buch L´Orangeaie. Von Angela Sanmann sehr gut übersetzt, vom Verlag mit dem Gattungsnamen "Roman" etikettiert und mit dem griffigeren Titel Der Name meines Bruders (statt: Der Orangenhain) versehen, liegt es jetzt auf Deutsch vor. Die Sprache ist von karger Schönheit wie das Leben auf einer Orangenplantage an eine namenlosen Ort des Nahen Ostens, wie die Zwillingsbrüder Amed und Aziz aufwachsen. Eines Tages finden sie "ihre Großeltern in den Trümmern des Hauses. Ein Balken hatte der Großmutter den Schädel zerschmettert. Ihr Großvater lag in seinem Bett, in Stücke gerissen von der Bombe, die über die Gebirgshänge gekommen war."

Kämpfer aus dem Bekanntenkreis der Eltern von Amed und Aziz wählen eines der Kinder für den Märtyrertod als Selbstmordattentäter aus. Aziz leidet unter einer tödlichen Krankheit, heimlich tauscht er den Sprengstoffgürtel mit seinem gesunden Zwillingsbruder, der eigentlich als Opfer ausersehen ist. Als nach dem Attentat der Schwindel auffliegt, weil er das Gespinst von Lügen um sich herum nicht länger erträgt, wird der überlebende Junge aus der Familie ausgestoßen und  zu einer Tante in Kanada geschickt. Das letzte Drittel des Buches erzählt von seinem weiteren Schicksal als Schauspielschüler: Er verweigert sich, als er eine brutale Kriegsszene spielen soll und stürzt damit auch den Autor und Regisseur des Stücks in schwere Zweifel.

Der Autor Larry Tremblay ist vor allem als Dramatiker bekannt und sein kurzer Roman - so er denn diese Gattungsbezeichnung verdient hat - trägt mehr dramatische als epische Züge. Er verzichtet nahezu vollständig auf Ausschmückung und Ausmalung, umso pointierter sind die Dialogpassagen. Geschilderte Situationen und Abläufe erinnern des öfteren an filmische Erzählweisen. Diese Kunstgriffe lassen der Imagination des Lesers sehr viel Raum, ähnlich wie beim Lesen eines Stücks oder eines Drehbuchs. Dem Leser bleibt reichlich Distanz, um das erzählte Grauen näher oder weniger nah an sich heranzulassen, je nachdem, wieviel er sich zumuten will. Das Buch gibt keine allgemeine Antwort darauf, wo der aktuelle Terror seinen Ursprung hat, es macht aber anhand einer gut erfundenen Geschichte durchsichtig, wie Familien dazu gebracht werden können, ihre Kinder im Krieg zu opfern. Und warum Menschen alles hinter sich lassen und unendliche Strapazen auf sich nehmen, nur um dem Alltag des Krieges zu entgehen.

Larry Tremblay
Der Name meines Bruders 
Aus dem Französischen von Angela Sanmann
Verlag C. H. Beck, München 2015
ISBN 978-3-406-68341-1
176Seiten, 17,95 €

Dienstag, 23. Februar 2016

Im Theater (60): "Lesung trifft Impro" mit Dirk Lausch und Thomas Jäckel

Dirk Lausch und Thomas Jäckel
Der eine liest vor, was die Zuhörer mitgebracht haben - ein Gedicht von Morgenstern, eine Seite aus einem Schundroman oder einer verblasenen kunsthistorischen Abhandlung, einen Kassenzettel oder eine Gebrauchsanweisung -, der andere improvisiert über das Gelesene, erfindet eine Kriminalgeschichte, einen witzigen Dialog oder reimt aus dem Stehgreif. Dirk Lausch und Thomas Jäckel sind nach etlichen Auftritten ein eingespieltes Team, das humorvoll durch Abende führt, bei denen vorher keiner weiß, was dabei herauskommt. Klar, dass niemand in der Lage ist, auf Stichwort-Zurufe aus den Publikum spontan Hochliteratur zu produzieren, aber es ist doch beachtlich, was Thomas Jäckel an erzählerischen Finessen und Pointen aus dem Hut zaubert. Wobei die Spannung sich vor allem daraus ergibt, dass man als Zuhörer dem Text im Augenblick seiner Entstehung lauscht und dem sympathischen Improvisator wünscht, dass er sich nicht blamiert. Geschickt beziehen die beiden Performer ihr Publikum ins Improvisationsgeschehen ein und helfen einander mit viel Witz über Blackouts und Kreativitätskrisen hinweg. Das alles ist kurzweilig, überraschend und hinterlässt das gute Gefühl, mit viel Grips unterhalten worden zu sein. Die nächsten Auftritt von Lausch & Jäckel:

Mittwoch, 2. März 2016 ab 19 Uhr im MedienPoint, Crellestraße 9 (Eintritt frei, Spenden erbeten) und
Dienstag, 22. März 2016 an 19 Uhr, Kulturring e. V., Ernststraße 14-16, 12437 Berlin.

Weitere Termine auf der Website des Theaters ohne Probe.

Mittwoch, 14. Oktober 2015

Im Theater (59): Hoffmann in die Kiste! - Barrie Kosky inszeniert "Les Contes d´Hoffmann" an der Komischen Oper

Foto: Monika Rittershaus / Komische Oper Berlin
Von Michael Bienert - Leere Flaschen, wohin das Auge schaut. Mittendrin ein schwerfälliger älterer Herr, der vor sich hinmurmelt, reichlich Promille im Blut hat und nur noch in seinen Erinnerungen und Phantasien lebt. Das ist E. T. A. Hoffmann in Barrie Koskys Inszenierung von Hoffmanns Erzählungen an der Komischen Oper. Kein spritziger Erzähler, dem die Wirtshausgäste in Lutters Keller an der Französischen, Ecke Charlottenstraße an den Lippen hängen, wie in Jacques Offenbachs Opernvorlage. Kosky hat von dieser Rahmenhandlung wenig übrig gelassen. Ja, er hat eine neue konstruiert aus Texten Hoffmanns, wobei der Erzählung Don Juan eine Schlüsselrolle zufällt. Darin tritt die Donna Anna aus Mozarts Oper Don Giovanni unerwartet ins Leben eines Musikliebhabers. Sie ist die Sehnsuchtsfigur Stella, der Hoffmann in Koskys Inszenierung nachjagt, wenn er sich – als jugendlicher Doppelgänger des abgewrackten Dichters – nacheinander in die mechanische Puppe Olympia, die kränkliche Sängerin Antonia und die mit dem Teufel verbündete Hure Giulietta verliebt.
Foto: Monika Rittershaus/
Komische Oper Berlin
Don Giovanni bildet auch musikalisch den Rahmen, mit ein paar Takten aus der Mozarts Ouvertüre meldet sich das von Stefan Blunier geleitete Orchester überraschend aus dem Graben, nachdem Hoffmann zunächst als Sprecher (Uwe Schönbeck) brillieren durfte. Die Sänger Dominik Köninger und Edgaras Montvidas sind die feurigen jungen Hoffmanns, die meist gemeinsam mit dem alten auf der Bühne steht – als Verkörperung seiner inneren Bilder, was recht reibungslos funktioniert. Karolina Gumos als seine Muse tritt im Mozart-Kostüm auf, Dimitri Ivashchenko als teuflischer Lebemann unter den Masken der Hoffmann-Figuren Lindorf, Coppelius und Dapertutto. Star des Abends ist Nicole Chevalier, die ihre vier Hoffmann-Geliebten Stella, Olympia, Antonia, Giulietta nicht nur toll singt, sondern jeder eine ganz eigene Körperlichkeit und Sinnlichkeit verleiht. Der beste Regieeinfall des Abends ist ein Schubladenschrank, in dem die Sängerin als Automatenmensch Olympia steckt; nur durch ihre Mimik und ihr Kopfwackeln zeichnet sie eine Figur von hinreißender Komik, während sie singt.
Weniger herzerfrischend wirken der Männerchor in fleischfarbenen Frauenkleidern oder der Frauenchor in Gestalt weißhaariger Mütter, die mit Geigenbögen an Antonia herumstochern. Dass Hoffmann am Ende in einen schwarzen Sarg steigen muss, der zugenagelt wird, ist kein furchtbar originelles Schlussbild (wenn auch wie alles sehr stylisch in der Ausstattung von Katrin Lea Tag). Dem Unterhaltungswert der Inszenierung tut das keinen Abbruch, sie führt zwar nicht in Hoffmansche Abgründe, geht niemals richtig auf oder an die Nerven, ist aber kurzweilig und musikalisch ansprechend. Nicht zu unterschätzen auch, dass sie kompatibel ist mit dem Berliner Zentralabitur in diesem Schuljahr: Für alle Grund- und Leistungskurse ist die Hoffmann-Lektüre obligatorisch und diese Inszenierung durchaus geeignet, in den Unterricht einbezogen zu werden. Zum Spielplan der Komischen Oper

Sonntag, 23. August 2015

glanz & krawall: ORFEO in der Psychiatrie

Foto: glanz & krawall
Bisher machte das Musiktheaterkollektiv glanz & krawall mit seinen Produktionen Technoclubs, Amphitheater und Stummfilmkinos unsicher. Nun wagt es sich auf neues Terrain und bringt Claudio Monteverdis ORFEO in die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité in Berlin Mitte. Das Publikum begibt sich mit Orfeo auf die Suche nach der verloren geglaubten Eurydike und wird Zeuge der Anstrengung, die Geliebte in die eigene Wirklichkeit zurückholen. Dabei überlagern sich immer stärker Hoffnungen und Wünsche mit Ängsten und Projektionen. Ist Eurydike real oder ein Produkt von Orfeos Imagination? Und wenn es diese Beziehung tatsächlich niemals gab, wäre das wirklich so schlimm? Die Regisseurin Marielle Sterra inszeniert Monteverdis frühe Oper (1607) an verschiedenen Orten im historischen Gebäude der Alten Nervenklinik der Charité - bei laufendem Krankenhausbetrieb. Unweit des Berliner Hauptbahnhofs befindet sich dieser blinde Fleck einer rational durchgeplanten Gesellschaft. ENTWEDER WIR BLEIBEN IM IRRENHAUS ODER DIE WELT WIRD EINS, steht dort auf einem Gemälde eines Patienten.

Montag, 27. Juli 2015

Im Theater (58): Saisonabschluss in Bamberg mit der "Zauberflöte"

Foto:Thomas Bachmann / Sommer Oper Bamberg
Auf Recherchetour in Bamberg schaut sich der Berlinologe, der auch im Urlaub an seinem neuen Buch über E. T. A. Hoffmanns Berlin weiterschreibt, das Theater an, wo Hoffmann ab 1808 ein paar Jahre als Kapellmeister, Bühnenbildner, Komponist und Mädchen für alles gearbeitet hat.
Gestern war dort großer Kehraus: mit einem Fest in der Studiobühne und dem angrenzenden Park hat sich das Ensemble um den Intendanten und Hoffmannologen Rainer Lewandowski endgültig von seinem Bamberger Publikum veranschiedet. Seit der Spielzeit 1989/90 - länger als Frank Castorf an der Berliner Volksbühne und für Bamberger Verhältnisse ähnlich erfolgreich - hat Lewandowski das Haus geleitet. In diese Zeit fällt der kluge Aus- und Umbau des gut 200 Jahre alten Stadttheaters, dessen Zuschauerraum im klassizistischen Stil des 19. Jahrhunderts wiederhergestellt wurde: Nicht viel anders hat er ausgesehen und wohl auch nicht gelungen, als Hoffmann hier arbeitete. Gestern abend wurde dort zum Saisonschluss eines seiner Lieblingsstücke aufgeführt, Mozarts "Zauberflöte". Eine Produktion der Sommer Oper Bamberg mit 17 jungen Nachwuchssängern (450 hatten sich beworben) und einem kleinen, handverlesenen Orchester mit wunderbar trocken-präzisem Klang aus dem Orchestergraben, geleitet von Till Fabian Weser.
Ein Workshop mit der Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager hat die Sänger mit wenig Bühnenerfahrung auf die Arbeit mit der Regisseurin Doris Sophie Heinrichsen vorbereitet, das Ergebnis war im Szenischen nicht immer  perfekt, konnte sich aber sehen und vor allem hören lassen. Die Hauptrollen waren doppelt besetzt, bei der letzten Vorstellung gestern wechselten die Sänger in der Pause; besonders positiv fielen auf Jasmin Maria Hörner als anmutig-blonde Bilderbuch-Pamina, die beiden Königinnen der Nacht Danae Kontora und Svetlana Merzlova und die beiden Papagenos im Cowboylook Ludwig Obst und Oliver Pürckhauer. Als Amazonentrio aus einem Guss überzeugten die drei Damen der Königin der Nacht (Simone Krampe, Isabel Segarra und Ulrike Malotta).
Das Bühnenbild stellte eine Bibliothek vor, einen Tempel des Wissens mit gemalten Bücherregalen zu beiden Seiten wie auf einer historischen Kulissenbühne, verwandelbar durch Videoprojektionen im Hintergrund. Den Palast Sarastros und den Garten der Vernunft so zu deuten, als Ort der Bildung, leuchtet ein. 
Solche Aufführungen leben nicht davon, dass alles routiniert bis aufs i-Tüpfelchen zu Ende inszeniert ist oder das Theater neu erfunden wird, sondern von der hohen Motivation der Nachwuchskünstler, die ihre Chance zu nutzen und ihr Bestes geben. Kurzum: Diese Aufführung lebte und es war ein großes Vergnügen, sie sich anzusehen. Es war die sechste Produktion der Sommeroper in nunmehr zehn Jahren und hoffentlich bleiben die Sponsoren bei der Stange, damit es in zwei Jahre wieder eine so gelungene Nachwuchsförderung geben kann.

Donnerstag, 26. Februar 2015

Im Theater (57): Salomé im Kaffeehaus (Opernhaus Bonn)

Quelle: Theater Bonn
Ein abgetrennter Menschenkopf auf dem Silbertablett sind nicht genug. Gleich drei werden am Ende der "Salomé"-Oper im Bonner Opernhaus von einem Kellner aufgetischt. Es sind die Köpfe von Salomé, ihrer Mutter und des Stiefvaters, die - immer noch den Kopf auf den Schultern - um einen Kaffeehaustisch sitzen. Das ist ein bisschen dick aufgetragen, hat man doch längst kapiert, worum es den ungarischen Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka geht: Salomé ist kein Monster, sondern vor allem ein Opfer. Als Kind wurde sie von ihrem Stiefvater Herodes vergewaltigt,  dieses Verbrechen stellt sie in dem berühmten Schleiertanz pantomimisch dar. Nun nutzt sie die Gelegenheit, sich an Herodes zu rächen: Sie stellt ihn öffentlich als Barbaren bloß, indem sie ihn zwingt, ein gegebenes Versprechen einzulösen und den Propheten Jochanaan zu köpfen.
Klug haben die beiden Regisseurinnen, die auch für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich zeichnen, die Handlung aus dem gelobten Land in ein Kaffeehaus des frühen 20. Jahrhunderts verlegt. Dort mag auch die Idee zu der 1905 uraufgeführten Skandaloper von Richard Strauss geboren worden sein. Ins Kaffeehaus, einen Ort moderner Zivilisiertheit, bricht archaische Gewalt ein. Man kann das als historische Anspielung auf die Weltkriege verstehen, die sich in der Entstehungszeit der Oper vorbereiteten, oder als aktuelle Warnung davor, wie dünn die Decke der Zivilisation und Kultur ist. Salomé als Kopfgeburt aus dem Geist des Kaffeehauses: Das funktioniert in vielen Szenen sehr gut, besonders wenn die Juden eifernd über die Ankunft des Messias diskutieren wie Besucher in einem Zeitungscafé. Musikalisch eine kraftvolle Aufführung (Leitung: Stefan Blunier), an der Spitze des Ensembles überzeugt Nicola Heller Carbone als Salomé. Weitere Informationen und Aufführungstermine

Samstag, 31. Januar 2015

Im Theater (56): "Fabian - Der Gang vor die Hunde" im Studio der Schaubühne

Von Michael Bienert - Erich Kästners Großstadtroman Fabian ist gebaut wie eine Nummernrevue. Die Hauptfigur irrt von Kapitel zu Kapitel durch Kneipen, Vergnügungssäle, Bars, Büros, landet auf dem Kreuzberg, in einer Zeitungsredaktion, einem Rummelplatz und in den Betten lüsterner Berlinerinnen. Dabei begegnet er frustrierten Redakteuren, abgebrühten Ehemännern, Pennern und der großen Liebe. So plötzlich sie gekommen ist, so schnell ist sie wieder weg. Der beste Freund schießt sich wegen eines dummen Scherzes eine Kugel durch den Kopf und auch den Job verliert Jakob Fabian: Entmutigt verlässt er Berlin und stirbt in seiner Heimatstadt Dresden, als er versucht, ein Kind vor dem Ertrinken in der Elbe zu retten.
Erich Kästner wollte das Lebensgefühl Berlins und seiner jungen Generation in der Weltwirtschaftskrise einfangen, als er den Roman 1931 schrieb. Es passiert ständig was, es wird intensiv gelebt und geliebt, aber das Leben dreht sich im Kreis, die Wirtschaft trudelt bergab und der gesellschaftliche Zusammenhalt wird immer brüchiger. Jakob Fabian ist ein begabter junger Mann, doch ihm fehlt ein Ziel, und so vertreibt er sich die Zeit mit Feldstudien in der Großstadt. Die Erfahrungen im Berlin der Dreißigerjahre, die Kästner in seinen Roman eingearbeitet hat, sind nicht weit weg von denen junger Leute im heutigen Berlin. Im Studio der Schaubühne hat Peter Kleinert den Stoff mit sieben jungen Schauspielstudenten der Hochschule "Ernst Busch" fürs Theater inszeniert. Spielend gelingt es ihnen, die Aktualität des Buches zu entschlüsseln, indem sie ihre  eigenen Erfahrungen in den Betten, Clubs, Jobs und Hochschulen in die Inszenierung einbringen, sei es in den zahlreichen Rollen und Szenen, sei es im Dialog mit den Zuschauern.
Flott und kurzweilig ist dieser zweistündige Großstadtbilderbogen mit Gesangseinlagen. Für Tempo sorgt auch die Bühne von Peter Schubert, eine drehbare graue Wand, die von den Schauspielern angeschoben wie eine Drehbühne funktioniert und blitzschnelle Ortswechsel ermöglicht. Die vielen Rollen geben den Schauspielern reichlich Gelegenheit zu zeigen, was sie nach drei Jahren harter Ausbildung drauf haben: absolut professionelles Handwerk, beseelt von der Lust daran, durch die Inszenierung hindurch etwas vom eigenen Lebensgefühl zu erzählen. Jakob Fabian (Timocin Ziegler) ist ein netter Junge, der sich mehr aus Neugier von Frauen verführen lässt und dem der Biss fehlt, selber mehr aus seinem Leben zu machen. Sein Freund Labude (Tim Riedel) als studentischer als studentischer Weltverbesserer findet sich im wirklichen Leben einfach nicht zurecht, anders als die resolut auf Männerfang gehende Irene Moll (Janine Meißner). Llewellyn Reichman als Cornelia Battenberg ist eine prima Besetzung als Traumfrau von nebenan, die den Verlockungen einer großen Filmkarriere nicht widerstehen kann, obwohl sie sich dafür prostituieren muss. Stella Hinrichs stöckelt als durchgeknallte Theaterkritikerin durch den Abend, Gregor Schulz und Floran Donath sind in herrlich schrägen Kleinrollen als Journalisten, Direktor oder Erfinder dabei. Was sie auf der kleinen Werkstattbühne zeigen, würde jedem Stadttheater zur Ehre gereichen - so dass man sich um den weiteren Berufsweg der jungen Leute, die sich derzeit noch mit 80 Euro Gage pro Abend zufrieden geben müssen, eher keine Sorgen machen muss. Fabians Untergang zuzusehen, ist ein großes Vergnügen.

Samstag, 10. Januar 2015

Im Theater (55): Pünktchen trifft Anton im Grips-Theater

Von Michael Bienert - "Das beste wird sein, Sie schreiben über Sachen, die Sie kennen. Also von Untergrundbahn und Hotels und solchem Zeug. Und von Kindern, wie sie Ihnen täglich an der Nase vorbeilaufen, und wie wir früher einmal selber einmal waren." Das rät in Emil und die Detektive der Oberkellner Nietenführ dem Autor, der ein Kinderbuch schreiben soll. Volker Ludwig, Gründer des Grips-Theaters, zitiert den Ober auf dem Programmzettel seiner Theateradaption von Pünktchen und Anton und fügt augenzwinkernd hinzu, dies seien "die einzigen und wahren theoretischen Grundlagen des Grips-Theaters".

2011 hatte Volker Ludwigs Stück Pünktchen trifft Anton Premiere und es hat in der Zwischenzeit noch an Aktualität gewonnen: Denn in der Grips-Fassung sind Anton und seine Mutter nicht nur arme Leute wie in Kästners Roman von 1931, sondern Flüchtlinge ohne Aufenthaltserlaubnis, also genau die Leute, die Pegida-Anhänger und Rechtsextreme nun wieder zum Sündenbock machen für alles, was ihnen in diesem Land nicht passt. Anton (Kilian Ponert) ist ein hoch begabter Schüler, dem buchstäblich das Lachen vergangen ist unter dem Druck der Angst, mit seiner Mutter abgeschoben zu werden. Freudlos wühlt er in Mülltonnen, um etwas zum Essen und Pfandflaschen zu finden. Dass er durch Pünktchen (Maria Perlick), das verwöhnte Mädchen aus einer Grunewaldvilla, wieder das Lachen lernt, gehört zu den anrührenden Momenten der Inszenierung von Frank Panhans.

Autor und Regisseur gehen sehr frei mit der Romanvorlage um, aber eben deshalb gelingt ihnen eine völlig schlüssige Übertragung der Handlung ins heutige Berlin und damit auch der pädagogischen Intention des Autors Erich Kästner: Die räumliche Trennung und die Sprachlosigkeit zwischen Arm und Reich in der Stadt wird durch zwei Kinder überwunden, die sich einfach mögen. Antons Mutter (Regine Seidler) ist aus politischen Gründen aus Weissrussland geflohen und in Berlin untergetaucht. Pünktchens Vater (René Schubert) scheffelt Geld mit Immobilienspekulation, während die Mutter sich daran gefällt, Flitterjäckchen zu kaufen und Charity-Events zugunsten notleidender Afrikaner zu organisieren - doch für die Bedürfnisse ihres eigenen Kindes ist sie blind. Sehr klug ist auch der Kunstgriff, Pünktchens Gouvernante im Roman durch ein schräges amerikanisches Au-Pair-Mädchen (Alessa Kordeck) zu ersetzen. Die Seele des Hauses und Ersatzmutter für Pünktchen aber ist Berta, die Haushaltshilfe (wunderbar humorvoll gespielt von Michaela Hanser).

Eine kurzweilige und herzerwärmende Aufführung in bester Grips-Tradition, durchdachter und in sich schlüssiger als die meisten Romanadaptionen auf deutschen Bühnen, die oft nur ein Abklatsch der Vorlage sind. Hier ist es wirklich gelungen, ein prominentes literarisches Werk achtzig Jahre später für das Theater und für die Kinder von Berlin noch einmal neu zu erfinden - das hat nicht nur den Kritiker begeistert, sondern auch die 13-jährige Kästner-Kennerin an seiner Seite.

Weitere Informationen und Spielplan des Grips-Theaters

Sonntag, 9. November 2014

Im Theater (54): Die Welt ist kaputt. Castorf inszeniert Malaparte an der Volksbühne

"Kaputt": Die Volksbühne am Premierenabend
Von Michael Bienert. Während draußen in der Stadt das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls mit einem heiteren Lichterfest, Menschengedränge und Musik gefeiert wird, rollt am Rosa-Luxemburg-Platz ein Panzer auf die Bühne. Männer in Soldatenkluft schlagen die Zeit mit Gesprächen und der Jagd nach Frauen tot, es sieht sehr nach dem Bürgerkrieg in der Ostukraine aus, doch blendet Volksbühnenchef Frank Castorf in seiner „tour de force européenne“ nach Texten von Curzio Malaparte zurück in die Endphase des Zweiten Weltkrieges. Geschlagene sechs Stunden lang – eine kurze Pause eingerechnet – wird vor allem über unerfreuliche historische Tatsachen geredet: über Pogrome, die Judenvernichtung, über die amerikanischen Soldaten im befreiten Italien, über Kinderprostitution im besetzten Neapel, Trotzkismus, Heinrich Himmler und, im Stadium fortgeschrittener Erschöpfung, auch noch über Mao Tse-Tung. Meist findet der Diskurs in einem an Seilen schaukelnden Container statt, wird aber virtuos als Live-Spielfilm auf eine große LED-Wand über der Drehbühne übertragen. (Leider ist das strahlend helle Bild stark verpixelt, das ist so anstrengend für die Augen als schaue man sich einen sechstündigen Spielfilm auf einem winzigen Fernseher an.) Unter dem Container hat der Bühnenbildner Bert Neumann ein flaches Plantschbecken in die Drehbühne eingelassen, das für ein ein wenig Erfrischung und szenische Abwechslung sorgt, vor allem gegen Ende des überlangen Abends. Er imponiert vor allem durch das Stehvermögen und Nicht-Aufhören-Wollen der Schauspieler: allen voran Jeanne Balibar, die zunächst als Kriegsberichterstatter Malaparte mit angemaltem Bärtchen in einer Uniform steckt, später ihre Weiblichkeit in schönen Kleidern, Schlüpfer und Höschen zeigen darf. So ist es mit den anderen Figuren auch, der anfängliche Schutz durch klar umrissene Rollen löst sich auf, zuletzt sieht man die Schauspieler fast nur noch als plantschende, begehrende, leidende, das Spielen und Geschichtenerzählen nicht sein lassende Kreaturen – in einem düsteren, grauenerregenden Mahlstrom der Geschichte. Ein schwerer, unverdaulicher Brocken, den Castorf auf die Bühne wälzt, ein starkes (in der Tendenz indes erwartbares) Statement gegen den populistischen Geschichtsoptimismus rund um das Mauerfalljubiläum. Wer sich dem aussetzt, sollte gut ausgeschlafen in die Volksbühne gehen oder sicherheitshalber ein Kopfkissen für ein Nickerchen zwischendurch mitnehmen.

„Kaputt“ nach Malaparte, Premiere am 10. November 2014 in der Volksbühne. Regie: Frank Castorf. Mit Jeanne Balibar, Georg Friedrich, Horst Günter Marx, Britta Hammelstein, Patrick Güldenberg, Mex Schlüpfer, Axel Wandtke, Margarita Breitkreiz, Bärbel Bolle, Harald Warmbrunn, Frank Büttner. Zum Spielplan der Volksbühne

Montag, 26. Mai 2014

Auf der Suche nach Erich Kästners Berlin im Deutschen Literaturarchiv

Warum erscheint so wenig Neues und Aktuelles im Blog? Weil der Webmaster heimlich, still und fleissig am nächsten Buch arbeitet. Jetzt aber ist die Vorschau im Druck und das Geheimnis kann gelüftet werden: "Kästners Berlin" wird im Herbst 2014 im Verlag für Berlin-Brandenburg erscheinen. Der Text-Bild-Band wird vor allem die literarischen Schauplätze der Erich-Kästner-Romane anschaulich vorstellen, aber auch andere Orte, die für den Autor wichtig gewesen sind. Wer weiß schon, dass er 1930 nicht nur den Text für die erste Theateradaption von "Emil und die Detektive" am heutigen Berliner Ensemble geliefert hat, sondern auch bei den Proben dabei war und darüber einen Zeitungsartikel geschrieben hat? Und wo hat er bei Besuchen in der zerstörten Stadt nach 1945 gewohnt? In den vergangenen Tagen hat Michael Bienert im Deutschen Literaturarchiv im riesigen Erich-Kästner-Nachlass des Deutschen Literaturarchivs in Marbach nach bisher kaum beachteten Dokumenten gesucht. Von den 3500 Fotos aus Kästners Nachlass sind gerade mal 200 katalogisiert, nicht mal ein Zehntel der Briefe ist publiziert und eine umfangreiche  Dokumentensammlung mit Zeitungsartikeln, Programmheften etc. noch weitgehend ungeordnet. Das Foto zeigt den Spurensucher in den Katakomben des Deutschen Literaturarchivs vor den berühmten grünen Archivkästen, in denen die Nachlässe der Dichter staubsicher verwahrt werden.

Michael Bienert
Kästners Berlin
Literarische Schauplätze
ca. 200 Seiten, ca. 150 Abbildungen
Verlag für Berlin-Brandenburg
ca. 24,99 €
Erscheinungstermin: Oktober 2014

Zur Verlagsvorschau mit der Ankündigung des Buches

Montag, 19. Mai 2014

Im Theater (54): "Das doppelte Lottchen" mit Vollgas im Atze Musiktheater

Mann, ist das ein Krach. Das Atze Musiktheater am Vormittag: Bis zum letzten Platz gefüllt mit Grundschulkindern, die einen Riesenradau machen, ehe die Vorstellung anfängt. Das doppelte Lottchen ist heute dran: Eine noch nicht häufig gespielte Adaption von Kästners Kinderbuchklassiker, schrillbunt wie ein Kindergeburtstag, zwei Stunden Rennen, Turnen, Singen, Vollgas für die fünf Schauspieler und drei Musiker - hinterher fordert die ganze Kindermeute unerbittlich "Zu-ga-be, Zu-ga-be!", ein Arbeitssieg für das Theater, mit viel Schweiß und Körpereinsatz erkämpft.
Auf uns erwachsene Zuschauer wirkte die knallbunte Aufführung von Göksen Günter aufgebrezelter, hektischer und zerfahrener als andere "Atze"-Inszenierungen. Anna Trimper als Lotte bringt ein paar ruhigere, stillere Töne hinein, zur Strafe muss sie sich gleich zu Anfang grausam von der Spaßguerilla im Ferienlager mobben lassen. Ihre blonde Zwillingsschwester Luise (Guylaine Hemmer) im gleichen Bonbonoutfit (knallrote Schuhe, rotes Kleid mit weißen Punkten) ist gut einen Kopf größer, überragt später auch die wiedergefundene Mutter (Simone Witte) bedeutend - was den kleinen Zuschauern ab 6 Jahren die Orientierung erleichtert, welches Zwillingskind sich nun gerade als Luise oder Lotte ausgibt. In weiteren Rollen: Moritz Ross als Vater und Natascha Petz als dessen Geliebte. Am Ende werden die Erwachsenen von den mutigen Kindern zur Raison gebracht, nicht restlos psychologisch überzeugend - aber das ist ja auch schon die Ausgangssituation der von ihren Eltern auseinandergerissenen Zwillingskinder in Kästners Romanvorlage nicht.