Die Tage von „Camp Nikolaus“ sind gezählt. So lautet der Tarnname der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Pullach, seit dessen Vorläufer, die „Organsation Gehlen“, am Nikolaustag des Jahres 1947 die ehemalige Rudolf-Heß-Siedlung bezog. Wie die künftige BND-Zentrale in Berlin heißen wird, ist noch streng geheim. Schon überragt die kantige Betonburg für 4000 Mitarbeiter die blickdichten Bauzäune der am schärfsten bewachten Baustelle der Republik. Kein Geheimnis mehr sind die Namen der Künstler, die den Koloss schmücken dürfen. Anette Haas und Friedrike Tebbe planen in endlosen Fluren eine Galerie monochromer Farbfelder, die BND-Tarnnamen tragen. An den Foyerwänden sollen Rätselbilder von Antje Thomas und Thomas Sprenger zu sehen sein, vor dem Haupteingang wird eine wuchtige Stahlplastik von Stefan Sous lagern wie ein von Außerirdischen abgeworfener Faustkeil. Auf der Terrasse zwischen der Gebäuderückseite und dem Flüsschen Panke will Ulrich Brüschke zwei Kunststoffpalmen aufstellen, 25 Meter hoch und nachts von innen leuchtend. Sie entrücken den Büroklotz optisch in die Tropen und wirken wie ironische Ausrufezeichen: Bürger, passt auf, dieses Haus steckt voller Mysterien! - Hier finden Sie ein Foto des Entwurfs und mehr Kulturrepublik-Kolumnen.
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Montag, 27. September 2010
Agenten unter Palmen
Die Tage von „Camp Nikolaus“ sind gezählt. So lautet der Tarnname der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes in Pullach, seit dessen Vorläufer, die „Organsation Gehlen“, am Nikolaustag des Jahres 1947 die ehemalige Rudolf-Heß-Siedlung bezog. Wie die künftige BND-Zentrale in Berlin heißen wird, ist noch streng geheim. Schon überragt die kantige Betonburg für 4000 Mitarbeiter die blickdichten Bauzäune der am schärfsten bewachten Baustelle der Republik. Kein Geheimnis mehr sind die Namen der Künstler, die den Koloss schmücken dürfen. Anette Haas und Friedrike Tebbe planen in endlosen Fluren eine Galerie monochromer Farbfelder, die BND-Tarnnamen tragen. An den Foyerwänden sollen Rätselbilder von Antje Thomas und Thomas Sprenger zu sehen sein, vor dem Haupteingang wird eine wuchtige Stahlplastik von Stefan Sous lagern wie ein von Außerirdischen abgeworfener Faustkeil. Auf der Terrasse zwischen der Gebäuderückseite und dem Flüsschen Panke will Ulrich Brüschke zwei Kunststoffpalmen aufstellen, 25 Meter hoch und nachts von innen leuchtend. Sie entrücken den Büroklotz optisch in die Tropen und wirken wie ironische Ausrufezeichen: Bürger, passt auf, dieses Haus steckt voller Mysterien! - Hier finden Sie ein Foto des Entwurfs und mehr Kulturrepublik-Kolumnen.
Montag, 20. September 2010
Architekten wählen einen Stadtplaner zum Präsidenten

Ein Denkfilm für Walter Benjamin

Walter Benjamins Aktentasche bleibt verschollen. Ihr Inhalt sei wichtiger als er selbst, sagte er seiner Fluchthelferin, ehe er sich vor 70 Jahren in den Pyrenäen vergiftete, um nicht den Nazis in die Hände zu fallen. Andere von Freunden gerettete Nachlasspapiere haben Jahrzehnte später im Berliner Benjamin-Archiv zusammengefunden. Es bildet ein Denken ab, das sich leichthin zwischen extremen Polen bewegte: Proust und Brecht, Kindheitserinnerung und Philosophie, Marxismus und Theologie, Aura und Massenproduktion, Bild und Begriff. Weit über seinen Tod hinaus sorgt die spielerische Beweglichkeit dieses Denkens für Irritationen. Es lässt auch den Filmemacher David Wittenberg nicht los: Aus Anlass des 70. Todestag hat er seinen mittlerweile dritten Film über Benjamin gedreht, der heute gesendet wird. „Geschichten der Freundschaft“ zeichnet die intellektuelle Biografie entlang der intensiven Beziehungen zu Gershom Scholem, Bert Brecht und dem Ehepaar Adorno nach. Zu einem eingesprochenen Essay sieht man ruhige Bilder von Orten, die für Benjamin wichtig waren: Denkbilder von heute. - Heute auf arte, 23:50 Uhr, Wiederholungen am 26. September 2010 um 01:40 Uhr und 6. Oktober.2010 um 05:00 Uhr. Der 70. Todestag von Walter Benjamin ist der 26. September.
Mittwoch, 15. September 2010
Die verschwundene Grenadierstraße

Die Grenadierstraße galt bis zum Zweiten Weltkrieg als Hauptstraße der ostjüdischen Kolonie im Berliner Scheunenviertel. Der Name Grenadierstraße war in osteuropäischen Schtetln ebenso ein Begriff wie unter jüdischen Emigranten in Amerika. Heute sucht man ihn vergebens auf den Stadtplänen, seit DDR-Zeiten heißt die Straße Almstadtstraße nach einem kommunistischen Widerstandskämpfer. Der Historiker Horst Helas hat ihr nun ein eigenes kleines Buch gewidmet (Die Grenadierstraße im Berliner Scheunenviertel: Ein Ghetto mit offenen Toren. Hentrich & Hentrich, Berlin 2010, 128 Seiten, 12,90 Euro), in dem er zuletzt einen 16 Jahre alten Vorschlag von Michael Bienert aufgreift: Eigentlich wäre es Berlin der verschwundenen Grenadierstraße und ihren deportierten und ermordeten Bewohnern schuldig, dass an den heutigen Straßenschildern wenigstens ein Hinweis auf den alten Namen angebracht wird. So etwas gibt es längst auch anderswo, zum Beispiel an der Taubertstraße in der Villenkolonie Grunewald, die von 1925 bis 1933 Rathenauallee hieß, nach dem in der Nähe von Rechtsradikalen ermordeten jüdischen Reichsaußenminister Walther Rathenau. - Michael Bienerts Tagesspiegel-Artikel über die Grenadierstraße in Martin Beradts Roman Beide Seiten einer Straße finden Sie in unserem Archiv.
Sammlergeschichten im Naturkundemuseum

Jakob ist ein Mädchen. Das kam aber erst heraus, als der Hauspapagei des Naturforschers Alexander von Humboldt ausgestopft werden sollte. Dreißig Jahre lebten die beiden in einem Haushalt. Nun sitzt Jakob weit besser konserviert als sein Herrchen in einer Vitrine im Berliner Naturkundemuseum. Gemeinsam mit der nach Humboldt benannten Berliner Universität feiert es in diesem Jahr seinen 200. Geburtstag. In einer farbigen Jubiläumsausstellung präsentiert das Haus die Geschichte seine Sammlungen, außerdem ist der wiederaufgebaute Ostflügel mit einem spekakulären neuen Schaudepot zu besichtigen. Mehr
Sonntag, 5. September 2010
Waldidylle eines Bürgerschrecks

Brechts Sommerhaus mit Garten in Buckow, eine knappe Autostunde vom Berliner Zentrum entfernt, ist ein anmutiges Ausflugsziel. Ein weiteres Künstlerhaus ganz in der Nähe kann seit dem Wochenende besichtigt werden. Auf Drängen Brechts baute sich der befreundete Montagekünstler und Grafiker John Heartfield im benachbarten Waldsieversdorf eine Datsche. Das verträumte Holzhäuschen unter Kiefern offenbart eine zarte, verletzliche und romantische Seite des Künstlers, der vor allem als aggressiver politischer Fotomonteur berühmt wurde. Lange stand die Hütte leer und drohte gänzlich zu vermodern. Die kleine Gemeinde und ein Freundeskreis kämpften 12 Jahre darum, das Heartfield-Haus als Gedenkstätte und Ort für Kulturveranstaltungen herrichten zu können, unterstützt von der Berliner Akademie der Künste, die das Interieur in ihrem Archiv verwahrte. Nun ist das Wohnzimmer mit Seeblick wieder gemütlich möbliert, in der geräumigen Küche können Ausstellungen gezeigt werden und in der Veranda Lesungen stattfinden - den Waldsierversdorfern sei Dank, denen der kommunistische Bürgerschreck John Heartfield als umgänglicher Mitbürger in Erinnerung geblieben ist. - Öffnungszeiten unter www.johnheartfield-haus.de. Lesen Sie den ausführlichen Artikel von Elke Linda Buchholz im Tagesspiegel hier.
Montag, 30. August 2010
Der Bundestag möbliert sich
Vielleicht 100 Buchumschläge in Rot, Rosa, Lila und Beige liegen als freundlicher Flickenteppich auf dem polierten Steinfussboden im Kunstraum des Bundestages. Ein Vorgeschmack auf die halb abstrakten Wandbilder aus antiquarischen Büchern, die das Foyer in einem halb fertigen Erweiterungsbau für die Parlamentarier zieren sollen, etwa 200 Meter vom Reichstag entfernt. „600 Bücher für 600 Parlamentarier“ will der Berner Künstler Peter Wüthrich an die Wände dübeln. Durch einen gelben Lichttunnel der Berliner Künstlerin Gunda Förster sollen die Angeordneten das Bürohaus betreten. Im 3000 Quadratmeter großen Innenhof erwartet sie dann ein luftiger Cornushain mit einem filigranen Pavillon in Kreisform. Damit will der Schweizer Landschaftsarchitekt Guido Hager die Abgeordneten zu kontemplativem Nachdenken und politischen Diskussionen in frischer Luft anregen. Sehr nett, das alles. Auch Abgeordnete haben ein Anrecht auf ein freundlichmöbliertes Rückzugsgebiet. - Alle Wettbewerbsentwürfe sind noch bis 12. September im Kunstraum des Bundestages im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus ausgestellt (10117 Berlin, Schiffbauerdamm, geöffnet Di bis So von 11-17 Uhr, Eintritt frei).
Freitag, 27. August 2010
Eine Berlin-Anthologie für Feinschmecker

Der zweitägige Historiale-Kongress über die Zwanziger Jahre in Berlin, dessen Moderation Michael Bienert kurzfristig übernommen hatte, ist vorbei - was bleibt, auch über das Kostümspektakel am kommenden Wochenende im Nikolaiviertel hinaus, sind die Bücher. Neben unseren eigenen (mehr) empfehlen wir ganz besonders: "Ach wie gut schmeckt mir Berlin". Französische Passanten im Berlin der zwanziger und frühen dreißiger Jahre (im Verlag Das Arsenal, 2010, 292 Seiten, 24,90 Euro). Die Herausgeberin Margarete Zimmermann, Romanistikprofessorin an der FU Berlin, stellte das Buch gestern zum Abschluss des Kongresses vor, es enthält echte Neuentdeckungen an Berlin-Texten von französischen Autoren, die auch in Frankreich weitgehend unbekannt geblieben sind und erstmals übersetzt wurden. So berichtete Roger Martin du Gard, ein Freund André Gides, über aufregende Nachmittage im Institut für Sexualwissenschaft im Tiergarten, Georges Friedmann veröffentlichte 1930 eine Riesenreportage über das Kaufhaus Karstadt am Hermannplatz in der Zeitschrift Monde, die Philosophin Simone Weil mietete sich bei einer kommunistischen Arbeiterfamilie in Neukölln ein und analysierte die Lage der deutschen Bevölkerung kurz vor der Machtübertragung an Hitler. Hinter der Textauswahl steckt viel Forschungsarbeit, die der Verlag dem breiteren Lesepublikum in sehr ansprechender Form präsentiert. Dieses sehr schöne, auch sehr schön verschenkbare Lesebuch ist eine echte Bereicherung für jede Berlin-Bibliothek.
Dienstag, 24. August 2010
Wo ist Döblins Kopf?
„Das gefährlichste Organ des Menschen ist der Kopf“, wusste der Dichter und Nervenarzt Alfred Döblin. Folgerichtig bestand sein 1992 eingeweihtes Denkmal in Berlin nur aus einem Bronzekopf auf einem schlanken Steinsockel. Es markierte so ungefähr den Standort des verschwundenen Hauses an der Frankfurter, heute Karl-Marx-Allee, wo Döblin von 1919 bis 1931 wohnte und Patienten empfing. Seit Anfang Juli steht dort nur noch der Sockel. Döblins Kopf: abgesägt, spurlos verschwunden, ein Fall fürs die Polizei. Gut möglich, dass die Räuber bloß der Altmetallwert des Kopfes interessierte, man kennt solche Gestalten aus dem Roman „Berlin Alexanderplatz“ ganz genau. Der bettelarme Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg freilich weiß nicht, wo er das Geld für einen Nachguss von Döblins Kopf auftreiben soll. Kommissar Zufall, hilf! - Weitere Kulturrepublik-Kolumnen finden Sie hier. Morgen um 15 Uhr hält der Autor Michael Bienert den Eröffnungsvortrag des Historiale-Kongresses zum Thema "Berlin ist Benzin. Alfred Döblins Berlin." Mehr
Donnerstag, 19. August 2010
Tote sehen Dich an

Auf dem Parkplatz vor der ehemaligen US-Botschaft wird ein Park angelegt, aber vorher müssen die Toten umgebettet werden, die dort liegen. Vom 17. Jahrhundert bis zum Zweiten Weltkrieg stand auf dem Geviert zwischen Mittel-, Schadow- und Neustädtischer Kirchstraße die Dorotheenstädtische Kirche, drumherum befand sich ein Kirchhof. Durch den Gitterzaun kann man den Archäologen bei der Arbeit zusehen und wenn man Glück hat - wie ich gestern - in ein geöffnetes Grab aus dem 18. Jahrhundert blicken. Der Kollege Lothar Heinke sich die Grabungsstelle genauer angesehen und im Tagesspiegel darüber berichtet. Mehr