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Dienstag, 22. Januar 2013

Die größte Ruinenstadt der Welt - Samarra im Museum für Islamische Kunst


Von Elke Linda Buchholz Die einstmals größte Stadt der islamischen Welt schrumpft im Berliner Museum für Islamische Kunst auf einen einzigen Raum zusammen. Gut ein halbes Dutzend Vitrinen, dazu großflächige Stuckreliefs, historische Grabungsfotografien und eine drei Meter hohe Landkarte des antiken Stadtareals am Tigris, das muss reichen für "Samarra - Zentrum der Welt". Mehr Platz ist nicht für die nördlich von Bagdad 836 als neue Residenz der Abbasidenkalifen aus dem Boden gestampfte Metropole. "Oder wollen Sie die Umaiyaden rausschmeißen?" fragt Kuratorin Julia Gonnella sarkastisch mit Blick auf die nebenan präsentierten Elfenbeinschnitzereien der Vorgängerdynastie. Dringend braucht der Rundgang durch die islamischen Kulturen vom 7. Jahrhundert bis 19. Jahrhundert mehr Platz, zumal der Publikumsansturm sich in den letzten drei Jahren verdoppelt hat. Viele der jährlich 700 000 Besucher sind Einheimische mit Migrationshintergrund, die hier ihre eigenen kulturellen Wurzeln suchen, wie Museumsdirektor Stefan Weber berichtet. Sein Museum steht aufgrund seiner traditionell kunsthistorischen Präsentation der Bestände auch in der Kritik. Neue Vermittlungsformen und Fragestellungen müssen erprobt werden. Auch dazu ist die Samarra-Ausstellung da. Denn 2019 soll in dem dann sanierten Nordflügel des Pergamonmuseums die dreifache Fläche für die Sammlungspräsentation zur Verfügung stehen.

Als der erste Direktor der Sammlung, Friedrich Sarre mit dem jungen Archäologen Ernst Herzfeld 1907 in das Tigris-Gebiet aufbrach, um das Terrain für eigene Grabungen zu sondieren, war die islamische Abteilung in Berlin gerade erst gegründet worden. Noch nie zuvor hatten Wissenschaftler die Frühphase des Islam mit der Schaufel erkundet, stets waren die Archäologen den spektakulären, älteren, vorislamischen Zivilisationen auf der Spur, wie in Babylon oder Olympia. In Samarra entdeckte das Berliner Forscherduo ein nahezu jungfräuliches Areal von über 50 Kilometern Länge, unter dessen Erde sich eine gewaltige Stadtanlage mit ausgedehnten Palästen, Moscheen, Polo-Spielfeldern und Reitanlagen verbarg. Unberührt lag das Gebiet seit dem Jahr 892, als die Abbasidenkalifen ihre Residenzstadt in Richtung Bagdad verließen. Nur etwa 60 Jahre lang hatte die von Kalif al-Mu´tasim, dem Sohn des legendären Harun al-Raschid, gegründete Stadt Bestand. Sie hieß "Surra Man Ra´a" - "Erfreut, wer sie sieht".

Scherben und Fragmente vermitteln einen Abglanz der verschwenderischen Prachtentfaltung, mit der sich die Kalifen finanziell selbst ruinierten. Knallbunte Millefioriglasplättchen brachten, in die Wände eingelassen, die Räume zum Glitzern. Auf nur handtellergroßen Malereifragmenten lächeln hoheitsvoll Gesichter, über deren Identität man nichts weiß. Keramikbruchstücke dokumentieren den globalen Welthandel im Jahrhundert Karls des Großen: Hunderte Scherben chinesischen Importporzellans wurden in Samarra gefunden. Das feine weiße Fernost-Geschirr animierte die einheimischen Kunsthandwerker zu Imitaten. Als sie auf die Idee kamen, ihre Keramik mit einem leuchtenden Blauton zu bemalen, war die berühmte Blau-Weiß-Keramik erfunden, die ihrerseits in China Schule machte. Die charakteristischste Erfindung der Kunst von Samarra jedoch sind die Stuckreliefs. Auf historischen Grabungsfotos posieren die Archäologen vor ganzen Wänden mit Stuckzier. Stückweise durfte Ernst Herzfeld viele davon bei der Fundteilung abtransportieren, über 70 lagern bis heute in Berlin. An den flächig im seriellen Maßstab produzierten Weinlaub-, Schnörkel- und Schrägschnittmotiven konnten Herzfeld und Sarre aufs Schönste kunsthistorische Stilkritik betreiben und zur Klassifizierung ihrer Funde schreiten.

Aber interessiert das die verschiedenen Besuchergruppen heute? Drei Jahre lang haben Wissenschaftler der Berliner TU dazu geforscht und Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft in einem "Museums-Diwan" ins Gespräch gebracht. Die Leute fragen nach Sinn und Funktion, nach dem religiösen und gesellschaftlichen Kontext der angeschlagenen Tonschalen, ornamentalen Schnitzpanele und feinzisilierten Bronzeaquamanile. Ein für die künftige Neupräsentation des islamischen Museums vielversprechendes Resultat dieser Feldforschungen ist in die Samarra-Ausstellung eingeflossen. Per Videostation kommen echte Menschen zu Wort, ziehen Alltag und aktuelle Wirklichkeit in die Präsentation ein. Ein multinationales Ehepaar erzählt auf seinem Berliner Sofa von persönlichen Kindheits- und Reiseerlebnissen in Samarra, der Geburtstadt des Mannes. Als junge Leute picknickten sie in den Ruinen der antiken Stadt und erklommen schwindelnd die Spitze des berühmten Spiralminaretts der Großen Moschee.

Das gewaltige Bauwerk schraubt sich wie eine Schnecke in den Himmel, bildet bis heute die Ikone von Samarra und regte schon vor Jahrhunderten europäische Künstler zu Visionen des Turmbaus zu Babel an. Heute gehört es zum UNESCO-Welterbe. Wie gerne würde das interviewte Ehepaar noch einmal dorthin zurückkehren! Doch der Irak ist vermintes Terrain. Auch die Kuratorin war, wie sie gesteht, selbst nicht vor Ort. So bleibt Samarra ein Sehnsuchtsort.

Um zu zeigen, wie es jetzt dort aussieht, wurde ein Filmemacher aus Bagdad ins 120 Kilometer stromaufwärts am Tigrisufer gelegene Samarra geschickt. Wie in einem Militärcamp sei die Atmosphäre, gibt er zu Protokoll. Er filmte spielende Kinder in den Straßen, durfte aber die Wiederaufbauarbeiten an der 1905 errichteten goldenen Kuppel des Al-Askari-Schreins nicht dokumentieren. Das schiitische Pilgerziel, Grabstätte des 10. und 11. Imams, war vor sechs Jahren von Aufständischen gesprengt worden. Die militärischen Auseinandersetzungen haben auch die archäologischen Stätten in Mitleidenschaft gezogen. Zu Saddam Husseins Zeiten war noch gegraben und rekonstruiert worden. Bislang ist an eine Fortführung der von dem Berliner Ernst Herzfeld vor 101 Jahren begonnenen Grabung nicht zu denken.

Bis 26. Mai 2013, kein Katalog.

Informationen zur Ausstellung

Erstdruck: STUTTGARTER ZEITUNG vom 22. Januar 2013

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