Translate

Montag, 21. Mai 2012

MADE IN GERMANY 2 - Gegenwartskunst in Hannover


Vor fünf Jahren lockte die Gegenwartskunstschau "Made in Germany" 60000 Besucher nach Hannover. Im Windschatten der Documenta wird die Marke nun etabliert: mit "Made in Germany Zwei" an drei Ausstellungsorten (Sprengel Museum, Kunstverein und Kestnergesellschaft), mit 45 Künstlern und neun Kuratoren. Elke Linda Buchholz hat sich alle Ausstellungen angesehen, hier ihre ausführliche Kritik aus der STUTTGARTER ZEITUNG von heute:

Ein Filmteam werkelt in einem historisch ausstaffierten Labor à la Dr. Frankenstein. Ein blondes Mordopfer wird zwecks Reanimierung auf den OP-Tisch geschnallt, während eine zweite Schauspielerin nackt in einen wassergefüllten Glaszylinder steigt. Film ab - Kamera läuft! Die Performance des in Alaska geborenen Künstlers Reynold Reynolds im Sprengel Museum ist Teil eines groß angelegten Filmrekonstruktionsprojekts. In Sibirien war 1980 ein alter Koffer mit Fragmenten eines Kinofilms der Dreißiger Jahre aufgetaucht, der wegen der NS-Zensur nie fertig gestellt wurde. Nun dreht Reynolds die fehlenden Szenen des Schwarzweißstreifens "Die Verlorenen" im Stil von "Nosferatu" und "Metropolis" nach. Vergilbte Storyboardskizzen, Originalrequisiten und den legendären Fundkoffer breitet der Künstler am zweiten Ausstellungsort, der Kestnergesellschaft, wie in einem Filmmuseum aus. Aber sind die auf großer Leinwand flimmernden Filmszenen nun die historischen Fragmente oder nachgedrehte Szenen? Wo beginnt das Remake, wo endet das Original? Womöglich ist das gesamte Projekt ein Fake!


Reynolds ist nicht der einzige Künstler der Schau "Made in Germany Zwei", der das Publikum aufs Glatteis zwischen Dokumentation und Fiktion führt. Der in London geborene Simon Fujiwara umkreist in seiner 1000 Bücher umfassenden Archivinstallation "The Personal Effects of Theo Grünberg" eine Persönlichkeit, die vielleicht nie existiert hat. Und der in Hannover lebende Dirk Dietrich Henning schleust die Besucher durch 1:1 nachgebaute Irrenhausräume, in denen der 1974 verstorbene belgische Fluxuskünstler Ferrée Jahre seines Lebens verbracht haben soll. Kunstzeitschriften von 1974 vermelden den Freitod des heute vergessenen Künstlers. Die Dokumente wirken absolut authentisch. Der Künstlermythos ist perfekt - aber frei erfunden.

Im Zeitalter von Facebook kann jeder seine virtuelle Persönlichkeit im Netz selbst zusammenbasteln. Die Künstler übersetzen dieses Muster in handgreifliche Artefakte mit der Aura des Authentischen, Materiellen, sinnlich Wahrnehmbaren. Unter dem Stichwort "Narrativität" fassen die Kuratoren die neue Lust am Erzählen und Ausloten imaginierter Realitäten zusammen, die sie beim Sichten der deutschen Kunstszene diagnostiziert haben. Als weitere Themenschwerpunkte benennen sie "Vernetzungen", "Räume" oder "Material als Medium". Die reichlich vagen Kategorien tauchen im Parcours der Ausstellung allerdings gar nicht auf, sondern nur im Katalog.

Beim Hindurchflanieren präsentiert "Made in Germany Zwei" sich als Gemischtwarenangebot, abwechslungsreich, aber wenig inspiriert: ein typisches Kompromissprodukt. Als "gruppendynamischen Super-GAU" schildert der Chef des Sprengel Museums, Ulrich Krempel, die Arbeit der vielköpfigen Kuratorenmannschaft. Die ermüdenden Debatten während eines mehrtägigen Planungsmeetings hat der Frankfurter Künstler Michael Riedel auf Tonband mitgeschnitten. Im Volltext transkribiert sind die anonymisierten Endlosdialoge auf Plakaten in der Ausstellung nachzulesen, unterlegt mit dem als Tapete ausgedruckten Quellcode der Ausstellungswebsite: Ein ernüchternd banaler Hypertext zu den Ritualen des Kunstbetriebs.

Was gibt es noch zu sehen? Olaf Holzapfels in Fachwerkbauweise modulartig zusammengesteckte Großskulptur "Industrielles Haus" duftet intensiv nach frischem Holz. Daneben kann man sich in die poetischen Textarbeiten von Natalie Czech vertiefen, halbabstrakte Raumvisionen der Leipziger Fotokünstlerin Ricarda Roggan durchstreifen und über die Fundobjektassemblagen von Nina Rhode rätseln. Die disparaten Ansätze stehen sich in eher im Weg, als miteinander in einen Dialog zu kommen.

Am besten funktioniert die Sache in den überschaubaren Räumen des Kunstvereins und der Kestnergesellschaft, wo jeder Künstler ein eigenes Kabinett bespielen kann. Zauberhaft ist eine Installation der gebürtigen Polin Alicja Kwade aus Dutzenden alter Uhrgewichte. Sie scheinen von oben nach unten durch den Raum zu gleiten, wie ein Sinnbild vergehender Zeit. Bei anderen Arbeiten springt der Funke erst über, wenn man den Entstehungskontext kennt. Die von Simon Denny an die Wand gelehnten schwarzen Platten erinnern an beste Minimal Art à la Richard Serra. Der Clou: Auf diesen Bühnenbodenelementen hat Hannover-Star Lena ihren Hit "Satellite" in den "Eurovision Song Contest" katapuliert. Und warum fotografiert Sven Johne öde Freiflächen in Görlitz, Pirna oder Bautzen? Er rückt mit der Kamera immer an, wenn der bereits zu DDR-Zeiten existierende Wanderkirkus Probst gerade weitergezogen ist. Als reise er einer flüchtigen, nie wirklich greifbaren Kindheitserinnerung hinterher.

Und gemalt wird natürlich auch, schillernd auf Seide von Matti Braun, geometrisch von Bernd Ribbeck oder neosurreal von Benedikt Hipp. Auf einer Riesenleinwand lässt Helen Verhoeven Gestalten von Dix, Munch und Velázquez in geisterhaften Grisailletönen wiederaufleben, ein Panoptikum von Untoten aus dem Arsenal der Kunstgeschichte. Auch den israelischen Künstler Alon Levin treibt die Vergangenheit um, er stapelt das Formenrepertoire des sowjetischen Konstruktivismus zum raumhohen Monument. Der Fortschrittsglaube der Moderne hat ausgedient: Die Künstler konstatieren es mit Wehmut, Ernüchterung und leiser Ironie.

So unterschiedlich die Ansätze, Arbeitsweisen und Medien sind, eins kommt in Hannover nicht vor: die Politik. Keine Finanzkrise, keine Attac-Aktivismus, keine Anti-Gentrifizierungswut. Das, so Sprengel-Chef Krempel, überlasse man lieber den Berlinern. Ein Seitenhieb auf die noch bis 1. Juli laufende Berlin Biennale, die das politische Engagement zum zentralen Auswahlkriterium erhoben hat. Beide Überblicksausstellungen könnten unterschiedlicher nicht sein. Doch keine von beiden überzeugt, weder die Verweigerungshaltung des Berliner Kurators gegenüber dem Kunstbetrieb, noch die von zu vielen Köchen zusammengerührte Leistungsschau in Hannover.

Bis 19. August 2012, geöffnet täglich außer Montag 12-18 Uhr. Neben einem kostlosen Booklet mit Werkerläuterungen, einem Audioguide und einer App erscheint ein Katalog, der auf 272 Seiten alle Künstler mit Text und Bild vorstellt (Verlag für moderne Kunst, 28 Euro in der Ausstellung).

Kommentare:

  1. Ich war nun in allen 3 Ausstellungshäusern. Und wie schon bei der ersten Made- in-Germany muß ich leider einen enormen qualitativen Unterschied beklagen. Nicht die ausgestellten Kunstwerke oder die Künstler sind zu kritisieren. Es ist die Präsentation im Sprengelmuseum. So engagiert und hervorrragend diese nämlich in der Kestnergesellschaft und im Künstlerhaus daherkommt, so uninspiriert, ja geradezu desinteressiert und arrogant wirkt sie hier - im Sprengelmuseum. Die Kunstwerke haben zu erheblichen Teilen dort keinen physischen Platz, geschweige denn einen atmosphärischen Raum, in dem sie wirken können. Die Ausstellung ist zum Teil lose verstreut über die Dauerausstellungsflächen, so daß man sie sich mühsam zusammensuchen muß und am Ende immer den Eindruck hat, nicht alles gesehen zu haben. Das wirkt absolut abstoßend und unprofessionell. Verbessert wird dieser Eindruck auch nicht durch das durchweg vollkommen desinteressierte und lustlose Personal. Hier sollte sich das Sprengelmuseum eine dicke Scheibe bei den beiden Partnerstätten und auch in anderen Museen der Republik abschneiden.

    AntwortenLöschen
  2. Was HelgeA beschreibt ist mir auch ganz extrem aufgefallen! Im Sprengel Museum findet kaum eine Trennung zwischen der Dauerausstellung und den Made in Germany II Exponaten statt, was sehr schade ist.
    Abgesehen von der entpolitisierten Haltung fand ich die Kategorisierung verwirrend und unnötig, zumal diese nur im Begleitheft und Flyer erwähnt wird, in der Ausstellung selbst aber nicht auftaucht.
    Nichts desto trotz finde ich, im Gegensatz zu M. Bienert, es ist eine Ausstellung, die mir viele zeitgenössische Positionen näher brachte.
    Meine Rezension zur Ausstellung findet sich auf: http://writeaboutsomething.wordpress.com/2012/09/01/made-in-germany-ii/

    AntwortenLöschen